Zum Inhalt springen

Header

Zur Übersicht von Play SRF Audio-Übersicht

Wüstenstaub Mehr Saharastaub in Südeuropa: Was bedeutet das für meine Ferien?

Eine neue Studie zeigt: Wüstenstaub aus der Sahara nimmt über Europa deutlich zu. Welche (gesundheitlichen) Folgen hat das für die Ferien im Süden?

Milchiger Himmel, feiner Staub auf Autos: Über weiten Teilen Spaniens ziehen derzeit erhöhte Saharastaub-Konzentrationen auf. In den kommenden Tagen dürften auch Südfrankreich, Italien und Griechenland betroffen sein. Für viele Forschende ist das kein Zufall, sondern Teil eines Musters, das sich seit Jahren verstärkt.

Eine neue Studie des Paul Scherrer Instituts (PSI) zeigt: Wüstenstaub aus der Sahara nimmt in Europa spürbar zu – ausgerechnet dort am stärksten, wo gerade viele Menschen aus der Schweiz in die Ferien reisen.

Das Forschungsteam hat dafür Messdaten aus ganz Europa ausgewertet und nach chemischen «Fingerabdrücken» von Wüstenstaub gesucht, um ihn von anderem Feinstaub wie Verkehrsabgasen zu unterscheiden.

Was ist Wüstenstaub?

Box aufklappen Box zuklappen

Wüstenstaub sind feine Mineralpartikel, die durch starke Winde aus Wüstengebieten – vor allem der Sahara – aufgewirbelt und über tausende Kilometer transportiert werden.

Anders als städtischer Feinstaub besteht er hauptsächlich aus natürlichem Gesteins- und Mineralstaub. Forschende erkennen ihn im Labor an der Aluminiumkonzentration, einem charakteristischen Marker.

Um wie viel Staub es sich konkret handelt? Um viel.

In Südeuropa liegt die durchschnittliche Belastung bei 5.3 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft – mehr als doppelt so viel wie in Mittel- und Nordeuropa. Die WHO empfiehlt einen Jahresgrenzwert für Feinstaub von 15 Mikrogramm pro Kubikmeter. Wüstenstaub allein macht in Südeuropa also fast ein Drittel dieses Grenzwerts aus – und ist nur eine von vielen Feinstaubquellen.

An besonders staubigen Tagen, die es dort rund 46 Mal im Jahr gibt, steigt der Wert nochmal: auf durchschnittlich 9.7 Mikrogramm, also fast zwei Drittel des WHO-Jahresgrenzwerts – konzentriert auf einen einzigen Tag. «Das ist ein beeindruckend hoher Wert», sagt Umweltimmunologin Stefanie Gilles von der Uni Augsburg. Gerade bei Menschen, die dauerhaft dort wohnen, könnte das langfristig Risiken bergen. Etwa für Asthma oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie Bluthochdruck.

Wie kommt der Staub überhaupt nach Europa?

Box aufklappen Box zuklappen

Starke Winde wirbeln ihn in der Sahara auf und heben ihn in höhere Luftschichten, wo er über weite Strecken transportiert wird – wie ein Förderband, oft in Gang gesetzt von einem Tiefdruckgebiet westlich von Europa, das Südwinde Richtung Kontinent lenkt.

In der Schweiz zeigt sich ein anderes Bild: Während die Staubmenge im Flachland eher zunimmt, wird sie im Alpenraum tendenziell sogar weniger. «Die Schweiz liegt etwas abseits der Haupttransport-Routen des Staubs. Auch die Alpen könnten als Barriere wirken», erklärt Studienleiter Kaspar Dällenbach.

Trotzdem seien, so der Umweltforscher, letztlich alle betroffen – auch nördlich der Alpen. Selbst wenn Südeuropa stärker betroffen sei. Denn auch hierzulande gibt es gelegentlich Staubepisoden mit grösseren Mengen.

Schmutziges Auto auf Parkplatz neben einem weiteren Fahrzeug.
Legende: Aktuell ist die Belastung geringer als auf dieser Aufnahme: Bis Freitagvormittag streift nur wenig Saharastaub die Schweiz, danach wird die Luft laut Meteo wieder länger staubfrei. Keystone/MARTIAL TREZZINI

Zurück zur Studie, die eine wichtige Erkenntnis bereithält: Es gibt nicht mehr Staubereignisse als früher, sondern heftigere – ausgelöst vor allem durch veränderte Windmuster.

Was sind «veränderte Windmuster»?

Box aufklappen Box zuklappen

Damit ist gemeint, wie sich grossräumige Luftströmungen über dem Atlantik und dem Mittelmeer in den letzten Jahren verschoben haben.

Ein zentraler Faktor ist die Nordatlantische Oszillation (NAO) – ein Luftdruckmuster zwischen Island und den Azoren, das mitbestimmt, wie stark und in welche Richtung die Westwinde über Europa wehen. Verschiebt sich dieses Muster, ändert sich auch, wie viel Saharastaub Richtung Europa gelenkt wird – unabhängig davon, ob in der Sahara selbst mehr oder weniger Staub aufgewirbelt wird.

Kurz gesagt: Nicht nur die Staubquelle selbst hat sich verändert, sondern auch der «Wind-Transportweg» dorthin.

Was heisst das nun konkret für alle, die in eine der betroffenen Regionen reisen? «Für Gesunde ist das Risiko gering, da hohe Staubbelastung meist nur kurzfristig auftritt. Bei Vorerkrankungen wie Asthma oder Herz-Kreislauf-Problemen kann ein akutes Ereignis aber Beschwerden auslösen», so Stefanie Gilles, die in Griechenland das Zusammenspiel von Pollen und Staub auf Allergien und Atemwege erforscht.

Sport-Session nach drinnen verlegen

Ist ein Staubereignis angekündigt, rät die Expertin, auf Sport im Freien zu verzichten. Die feinen Partikel dringen tief in die Lunge ein. Manche schaffen es sogar bis ins Blut. Dort können sie Entzündungen auslösen und das Herz-Kreislauf-System belasten.

Studie: Spitaleinweisungen, Asthma, Herzschwäche

Box aufklappen Box zuklappen

An Tagen mit viel Wüstenstaub in der Luft steigt laut Studie die Sterblichkeit um 0.67 Prozent, und die Spitaleinweisungen wegen Atemproblemen nehmen bei Erwachsenen um 0.73 Prozent zu. Am stärksten trifft es Kinder: Bei den 0- bis 14-Jährigen liegt der Anstieg bei 2.47 Prozent – mehr als dreimal so hoch wie bei Erwachsenen. Besonders gefährdet sind ausserdem ältere Menschen und alle mit Vorerkrankungen wie Asthma oder Herzschwäche.

Die Studienautoren selbst sind etwas zurückhaltender: Der bisherige Anstieg reiche nicht für grosse gesundheitliche Folgen – das Risiko liege eher darin, dass sich der Trend fortsetzt. Langfristig, so das PSI-Team, reichen individuelle Massnahmen ohnehin nicht – gefragt seien Klima- und Bodenschutz, um die Austrocknung Nordafrikas zu bremsen.

Tipp: Ferien-Vorhersage

Box aufklappen Box zuklappen

Wer wissen will, ob am Ferienort in den nächsten Tagen Wüstenstaub in der Luft liegt, kann das vorab checken. Es gibt eigene Vorhersagesysteme für Staubbelastung, unter anderem in Spanien und Griechenland – zwei Länder, die besonders stark von Saharastaub betroffen sind. «Es funktioniert ähnlich wie eine Wettervorhersage. Man kann sich über Stunden und Tage im Voraus informieren», so PSI-Forscher Kaspar Dällenbach.

So lässt sich schon vor der Reise abschätzen, ob am Zielort mit erhöhter Staubkonzentration zu rechnen ist – ähnlich, wie man heute Hitze- oder Pollenwarnungen checkt.

In der Schweiz lassen sich dank Messungen auf dem Jungfraujoch und in Payerne ausserdem Saharastaub-Ereignisse genau erfassen.

Transparenzhinweis

Box aufklappen Box zuklappen

Wir haben in diesem Artikel die Grafiken mit zusätzlichen Informationen präzisiert.

Radio SRF 1, Rendez-vous, 16.7.2026, 12:30 Uhr

Meistgelesene Artikel