Milchiger Himmel, feiner Staub auf Autos: Über weiten Teilen Spaniens ziehen derzeit erhöhte Saharastaub-Konzentrationen auf. In den kommenden Tagen dürften auch Südfrankreich, Italien und Griechenland betroffen sein. Für viele Forschende ist das kein Zufall, sondern Teil eines Musters, das sich seit Jahren verstärkt.
Eine neue Studie des Paul Scherrer Instituts (PSI) zeigt: Wüstenstaub aus der Sahara nimmt in Europa spürbar zu – ausgerechnet dort am stärksten, wo gerade viele Menschen aus der Schweiz in die Ferien reisen.
Das Forschungsteam hat dafür Messdaten aus ganz Europa ausgewertet und nach chemischen «Fingerabdrücken» von Wüstenstaub gesucht, um ihn von anderem Feinstaub wie Verkehrsabgasen zu unterscheiden.
Um wie viel Staub es sich konkret handelt? Um viel.
In Südeuropa liegt die durchschnittliche Belastung bei 5.3 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft – mehr als doppelt so viel wie in Mittel- und Nordeuropa. Die WHO empfiehlt einen Jahresgrenzwert für Feinstaub von 15 Mikrogramm pro Kubikmeter. Wüstenstaub allein macht in Südeuropa also fast ein Drittel dieses Grenzwerts aus – und ist nur eine von vielen Feinstaubquellen.
An besonders staubigen Tagen, die es dort rund 46 Mal im Jahr gibt, steigt der Wert nochmal: auf durchschnittlich 9.7 Mikrogramm, also fast zwei Drittel des WHO-Jahresgrenzwerts – konzentriert auf einen einzigen Tag. «Das ist ein beeindruckend hoher Wert», sagt Umweltimmunologin Stefanie Gilles von der Uni Augsburg. Gerade bei Menschen, die dauerhaft dort wohnen, könnte das langfristig Risiken bergen. Etwa für Asthma oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie Bluthochdruck.
In der Schweiz zeigt sich ein anderes Bild: Während die Staubmenge im Flachland eher zunimmt, wird sie im Alpenraum tendenziell sogar weniger. «Die Schweiz liegt etwas abseits der Haupttransport-Routen des Staubs. Auch die Alpen könnten als Barriere wirken», erklärt Studienleiter Kaspar Dällenbach.
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Bild 1 von 3. Am stärksten zeigt sich die Staub-Zunahme zwischen 2012 und 2021 in Süditalien und im östlichen Mittelmeer (dunkelrot) – hier ist der Anstieg der Staubbelastung am ausgeprägtesten mit über 0.15 Mikrogramm pro Kubikmeter pro Jahr. Bildquelle: PSI/SRF.
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Bild 2 von 3. Nimmt man im selben Zeitraum die schwächeren Belastungen hinzu, geht der Trend weit über Süditalien hinaus – bis nach Skandinavien reicht die Zunahme, wenn auch etwas schwächer (rosa, orange, rot / 0–0.15 Mikrogramm pro Kubikmeter pro Jahr). Bildquelle: PSI/SRF.
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Bild 3 von 3. Es gibt aber auch Ausnahmen: Über der Schweiz zeigt sich im selben Messzeitraum (2012–2021) sogar ein leichter Rückgang der Staubbelastung (hellblau bis blau / 0 bis -0.1 Mikrogramm pro Kubikmeter pro Jahr) – während fast überall sonst in Europa die Werte steigen (Rotstufen). Bildquelle: PSI/SRF.
Trotzdem seien, so der Umweltforscher, letztlich alle betroffen – auch nördlich der Alpen. Selbst wenn Südeuropa stärker betroffen sei. Denn auch hierzulande gibt es gelegentlich Staubepisoden mit grösseren Mengen.
Zurück zur Studie, die eine wichtige Erkenntnis bereithält: Es gibt nicht mehr Staubereignisse als früher, sondern heftigere – ausgelöst vor allem durch veränderte Windmuster.
Was heisst das nun konkret für alle, die in eine der betroffenen Regionen reisen? «Für Gesunde ist das Risiko gering, da hohe Staubbelastung meist nur kurzfristig auftritt. Bei Vorerkrankungen wie Asthma oder Herz-Kreislauf-Problemen kann ein akutes Ereignis aber Beschwerden auslösen», so Stefanie Gilles, die in Griechenland das Zusammenspiel von Pollen und Staub auf Allergien und Atemwege erforscht.
Sport-Session nach drinnen verlegen
Ist ein Staubereignis angekündigt, rät die Expertin, auf Sport im Freien zu verzichten. Die feinen Partikel dringen tief in die Lunge ein. Manche schaffen es sogar bis ins Blut. Dort können sie Entzündungen auslösen und das Herz-Kreislauf-System belasten.
Die Studienautoren selbst sind etwas zurückhaltender: Der bisherige Anstieg reiche nicht für grosse gesundheitliche Folgen – das Risiko liege eher darin, dass sich der Trend fortsetzt. Langfristig, so das PSI-Team, reichen individuelle Massnahmen ohnehin nicht – gefragt seien Klima- und Bodenschutz, um die Austrocknung Nordafrikas zu bremsen.