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Jugendliche, die Angehörige betreuen – Wann wird es zu viel?
Aus Puls vom 19.04.2021.
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Young Carers Jugendliche, die Angehörige betreuen: Wann wird es zu viel?

Wer in jungen Jahren Verantwortung in der Familie übernehmen muss, kann daran wachsen – oder heillos überfordert sein.

Einfach nur Kind sein. Im Schoss der Familie Geborgenheit finden und die Jugendjahre unbekümmert geniessen können. Für viele Heranwachsende in der Schweiz Normalität.

Unter «normal» verstehen tausende Gleichaltrige aber etwas völlig anderes: Geschätzt jedes achte Kind zwischen 10 und 15 Jahren übernimmt Pflege- und Betreuungsaufgaben für ein krankes oder hilfsbedürftiges Familienmitglied.

Wer sind Young Carers?

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Young Carers sind Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren, die regelmässig eine nahestehende Person pflegen oder betreuen. Sie kümmern sich um ein Elternteil, um Geschwister oder Grossmutter oder Grossvater. Sie unterstützen sie, weil sie krank, verunfallt, alt oder beeinträchtigt sind.

  • Sie helfen im Haushalt mit (Einkäufe erledigen, kochen, staubsaugen)
  • Sie helfen Geschwistern (auf sie aufpassen, Essen zubereiten, gemeinsam Hausaufgaben machen, sie ins Bett bringen, sie in den Kindergarten oder die Schule begleiten)
  • Sie unterstützen beim An- und Ausziehen, bei Körperpflege oder verabreichen Medikamente

Young Carers leisten auch Gesellschaft und schauen, dass bei der unterstützungsbedürftigen Person alles in Ordnung ist. Sie begleiten sie zu Besuchen bei Freunden oder Verwandten, zum Arzt oder auf Spaziergängen.

Sie sind Young Carers, «junge Pflegende». Wie Joël und Chiara, die mit ihrer Geschichte im SRF-Gesundheitsmagazin «Puls» zu Wort kommen.

Freude am Helfen

Joël ist 18. Bei der täglichen Betreuung und Pflege seiner beiden Brüder hilft er mit, seit er ein kleiner Junge war. Eine Aufgabe, die ihm seit jeher Freude bereitet hat – die nicht einmal vom Windelwechseln nachhaltig getrübt wurde. «Das habe ich jetzt nicht mega ungern gemacht, aber es hat halt ziemlich viel Zeit in Anspruch genommen.»

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«Ich mache das gerne für meine Brüder.»
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Alain und Oliver haben das Down-Syndrom. Dem Windelalter sind beide entwachsen, die Hilfe ihres Bruders schätzen sie aber unverändert sehr.

Dass er sie ins Bett bringt, findet Oliver vergnügt lachend «gut!». Was Joël ebenfalls schmunzelnd mit «Gut, gäll? Ja hoffentlich!» und einem kleinen Knuff quittiert. Brüder halt.

Früh überfordert

Als Kind in der Familie eine wichtige Unterstützungsrolle einnehmen. Das musste auch Chiara schon in jungen Jahren. Eine Aufgabe, die sie nicht freiwillig übernommen hatte.

Als sie zehn Jahre alt war, erkrankte ihr Vater, litt an wahnhaften Störungen. Der Familienalltag war geprägt durch Unverständnis, Streit, Überforderung.

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«Ich habe versucht zuzuhören und Probleme zu lösen.»
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Obwohl erst zehnjährig, versuchte Chiara zwischen den Eltern zu vermitteln. Bemühte sich, den oft apathischen Vater zu aktivieren, die Mutter zu entlasten. «Ich habe vor allem emotionalen Support gemacht, probiert zuzuhören und Probleme zu lösen. Obwohl das ja eigentlich nicht meine Aufgabe war.»

Und sie kümmerte sich um die kleine Schwester, kochte, half bei den Hausaufgaben. «Niemand hat mir gesagt, dass ich das machen müsse. Aber ich habe für mich das Gefühl entwickelt, das zu müssen. Alles zusammenhalten zu müssen. Stark sein zu müssen.»

Einfach auch «nicht funktionieren»? Für Chiara keine Option.

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Als Zehnjährige unter gewaltigem Druck
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Young Carer wie die heute 20-jährige Chiara übernehmen ihre Unterstützungsrolle, weil Alternativen fehlen. Als Kinder wachsen sie in die Rolle hinein, empfinden sie als normal.

So auch Joël. Er ist mit der Verantwortung aufgewachsen. Sah, dass es seine Hilfe brauchte, weil die Eltern nicht alles übernehmen konnten. «Ich gehöre voll zur Familie und fühle mich auch ein bisschen verpflichtet, zu helfen. Aber ich werde überhaupt nicht gezwungen», betont der 18-Jährige.

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«Als Teil der Familie fühle ich mich auch verpflichtet, zu helfen.»
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Die Betreuung des 20-jährigen Alain und bald 14-jährigen Olivier nimmt viel Zeit in Anspruch. Für die berufstätigen und vielseitig engagierten Eltern ist Joëls Hilfe im Alltag nicht mehr wegzudenken – und doch plagt sie manchmal etwas das schlechte Gewissen. «Er könnte die Zeit ja auch für sich nutzen und etwas abmachen», meint die Mutter.

Joël relativiert: «Es stört mich nicht gross, wenn ich nicht immer mit den Kollegen unterwegs sein kann. Mir ist halt die Familie sehr wichtig, das hat Vorrang.» Deshalb investiert er seine wenige Freizeit neben Mediamatikerlehre und Berufsmatura hier.

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«Das schlechte Gewissen plagt mich schon immer wieder etwas, wenn Joël einspringt, statt selber abzumachen.»
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Den Spagat zwischen den verschiedenen Aufgaben schafft Joël auch, weil er weiss, dass er die Verantwortung für die Betreuung seiner beiden Brüder nicht alleine trägt.

Auf einen derartigen Familienzusammenhalt konnte Chiara als Kind nicht zählen. Über die psychische Krankheit des Vaters sprach man nicht. Jeder versuchte auf seine Weise, mit der Situation fertig zu werden. Mit zehn war Chiara mit ihren Ängsten alleine: «Ich habe mich nicht getraut, irgendjemandem davon zu erzählen, hatte das Gefühl, dass mir ja eh niemand glaubt. Und eine Zeitlang dachte ich sogar, dass unsere Situation zu Hause normal sei.» Bis sie Jahre später sah, wie andere Familien sind.

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Die Angst, nicht verstanden zu werden
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Als Teenie zog sich Chiara immer mehr zurück, frass alle Sorgen in sich hinein. «Meine Noten wurden immer schlechter. Ich wurde immer ruhiger.» Bis es irgendwann nicht mehr ging. «Als im Unterricht Witze über die Psychiatrie gemacht wurden, bin ich plötzlich in Tränen ausgebrochen. Das hat meine ganze Fassade zerstört.»

Beim Schulsozialarbeiter konnte sie zum ersten Mal mit jemandem über die Krankheit des Vaters und ihre Unterstützungsrolle zu Hause sprechen. Vier Jahre lang hatte Chiara geschwiegen – aus Scham und Angst vor negativen Reaktionen.

Nun fiel ihr ein Stein vom Herzen. Dieses Gefühl, nicht mehr ganz auf sich alleine gestellt zu sein: «Es war eine riesige Erleichterung. Ich kann es gar nicht beschreiben!»

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«Mit jemandem darüber sprechen zu können, war eine riesige Erleichterung. Kaum zu beschreiben.»
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Eine Seelennot, die Joël nie erleben musste. Über die Behinderung seiner Brüder wird seit jeher offen gesprochen, in seiner Rolle als Young Carer wurde er von den Eltern stets unterstützt.

Das Leben mit zwei Brüdern mit Down-Syndrom mache Spass, sei manchmal aber auch anstrengend. Seiner Unterstützerrolle gewinnt Joël jedoch vor allem Positives ab: «Ich gewissen Bereichen habe ich ein fortschrittlicheres Denken und bin in gewissen Dingen reifer als meine Kollegen.» Das werde ihm im Beruf oder im späteren Leben sicher eine grosse Hilfe sein.

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Das Leben mit zwei Brüdern mit Down-Syndrom macht Spass, ist aber manchmal auch anstrengend.
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Nach dem Zusammenbruch in der Schule lernte Chiara, sich zu Hause emotional besser abzugrenzen. Schämte sich nicht mehr, mit anderen über ihre Situation zu sprechen. Heute lebt ihr Vater nicht mehr zu Hause.

Trotzdem lässt sie das Erlebte noch nicht los. «Ich hätte mir gewünscht, dass man offener über das Thema spricht.» Daraus ein Tabu zu machen, nütze niemandem. «Da leidet nicht nur die erkrankte Person, sondern auch ihr gesamtes Umfeld.»

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Studiogespräch mit Agnes Leu, Forschungsprogramm «Young Carers»
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Hilfsangebote für Young Carers

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Die Coronapandemie erhöht auch den Druck für Jugendliche, die in ihrer Familie Unterstützungsaufgaben übernehmen müssen.

Das Bundesamt für Gesundheit BAG, Pro Juventute Schweiz und das Forschungsprogramm Young Carers der Careum Hochschule Gesundheit haben deshalb ein massgeschneidertes Hilfsprogramm ins Leben gerufen: Bei www.147.ch wird gratis und vertraulich geholfen – rund um die Uhr, per Telefon und SMS unter Nummer 147 oder online via Chat oder Mail.

Das Forschungsteam der Careum Hochschule Gesundheit organisiert zudem Online-Treffen, bei denen sich Young Carers austauschen können und Hilfe finden. Zurzeit stehen zwei Online-Angebote zur Verfügung: Ein «Get-together» für Young Carers zwischen 15 und 25 Jahren sowie Gesprächsgruppen für 14- bis 18-Jährige.

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Young Carer: Wenn Kinder Angehörige betreuen
04:57 min, aus Ratgeber vom 19.04.2021.
abspielen. Laufzeit 04:57 Minuten.

Puls, 19.04.2021, 21:05 Uhr

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6 Kommentare

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  • Kommentar von Hannes Zubler  (Zubi)
    Zitat: Wer in jungen Jahren Verantwortung in der Familie übernehmen muss. Betonung auf MUSS. In unserem überteuerten Gesundheitssystem sollte das genau nicht der Fall sein müssen. Wir sollten dürfen, wollen aber sicherlich nicht müssen.
    1. Antwort von David López Garcia  (David López)
      Na ja, die Mehrheit der 660'000 Verschuldeten in CH sitzen fest, weil sie ihre monatlichen KK Prämien nicht bezahlen können.

      Und es ist leider so in der Schweiz, Prävention wird nur gestartet, sofern man A) Geld hat oder B) noch nicht krank ist.

      Danach muss man selber für sich und andere schauen.
  • Kommentar von David López Garcia  (David López)
    Toller Beitrag und wir müssen als Gesellschaft unbedingt mehr auf uns acht geben. Durch soziale wie auch finanzielle Angebote.

    Es kann nicht sein, dass man durch diese Familiäre Situation Mühe mit der Ausbildung hat und auch im Beruf Doppelbelastet wird.
  • Kommentar von Margot Helmers  (Margot Helmers)
    Es wurde eine Telefon-Hotline und ein Internet-Chat geschaffen für betroffene Kinder / Jugendliche. Aber das reicht doch nicht, es braucht professionelle Unterstützung in der Familie! Es gibt nur eine Kindheit und die Heranwachsenden brauchen auch ihre Freiräume und Entwicklungsmöglichkeiten.
    1. Antwort von Susanne Saam  (Biennoise)
      Margot Helmers - so wie ich es verstanden habe, ist die Hotline/der Chat nur der erste Schritt, aber der entscheidende Schritt. Ich hoffe doch, dass nach Erkennen der Situation die Young Carers entlastet und die Familien unterstützt werden.