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Langweilig bis beruhigend: ASMR
Aus 100 Sekunden Wissen vom 28.10.2021.
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Youtube-Phänomen ASMR: Wie Forschende versuchen, Gehirnorgasmen zu verstehen

Klopf-, Flüster- oder Raschel-Videos: Bei manchen Menschen lösen sie ein Kribbeln im ganzen Körper aus. Wie erklärt die Wissenschaft dieses Phänomen?

Gibi Klein sitzt vor ihrem Bett. Ihr Zimmer ist abgedunkelt, die Lichterkette leuchtet schummrig. Zwei Mikrofone verdecken ihr Gesicht. Noch bevor die Youtuberin ein Wort an ihre 3.76 Millionen Abonnentinnen richtet, reibt sie ihre Finger aneinander. Es raschelt.

Dann flüstert die New Yorkerin sanft ihre Begrüssung ins Mik, streicht abwechselnd mit Pinseln, Fingern und Folie über die Klangverstärker – und bringt damit Millionen von Menschen zum Einschlafen.

Kribbeln im ganzen Körper

Gibi ist ASMRtist. Eine Youtuberin, die sich darauf spezialisiert hat, Menschen mit Geräuschen und Bewegungen zu beruhigen. ASMR steht für «Autonomous Sensory Meridian Response». Ein Begriff, der ein Gefühl beschreibt, das manche als Reaktion auf akustische oder optische Trigger erleben. Ein Begriff, der nicht mehr aus den Sozialen Medien wegzudenken ist.

ASMR. Es beginnt als Kribbeln am Scheitel und breitet sich über die Wirbelsäule und die Arme auf den restlichen Körper aus, sagen die Menschen, die es erleben. Es sei mit nichts vergleichbar. In den meisten Youtube-Kommentaren fällt das Wort «Entspannung». Manche beschreiben es sogar als «Gehirnorgasmus».

Die ASMR-Erfolgsstory

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ASMR gelangte erstmals 2007 ins öffentliche Bewusstsein, als ein Reddit-Nutzer diese Erfahrung im Online-Forum beschrieb. Seitdem hat sich das Phänomen explosionsartig entwickelt. Im Jahr 2020 verzeichneten die Top 10 der ASMR-Inhalte insgesamt knapp 8 Milliarden Aufrufe auf Youtube.

Auch Forschende interessieren sich mehr und mehr dafür, was genau im Körper von Menschen passiert, die sogenannte Tingles erleben - das englische Wort für Kribbeln, mit dem ASMR-Betroffene das Phänomen bezeichnen.

Allerdings ist das nicht einfach: Einerseits verspürt nicht jeder Mensch ASMR. Andererseits sind die Trigger, die das Gefühl auslösen, sehr unterschiedlich.

Typische ASMR-Trigger

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Legende: IMAGO / Andrey Popov
  • Flüstern, klopfen, rascheln
  • Haare kämmen
  • Make-up auftragen
  • Handtücher falten
  • Scheren-Geräusche
  • Blättern in Büchern / Magazinen
  • Tastatur-Geräusch

Und doch: 2018 haben Psychologinnen der University of Sussex 280 Probandinnen untersucht. Während eines ASMR-Videos sank ihre Herzfrequenz deutlich. Ein Anzeichen für Entspannung. Allerdings schwitzten die Teilnehmenden auch mehr, was auf eine erhöhte emotionale Erregung hindeutete.

Eine Kombination, die die Forschenden erstaunte, wie Studienleiterin Giulia Poerio im Studien-Abstract schreibt. «ASMR scheint gleichzeitig zu aktivieren und zu beruhigen. Das ist auch bei anderen komplexen emotionalen Erfahrungen wie Nostalgie oder Ehrfurcht der Fall.»

Das Belohnungszentrum wird aktiviert

Neurologen der Shenandoah University schickten ihre Studienteilnehmenden ins MRT, um die Gehirnaktivität während eines ASMR-Videos zu messen. Die Aufgabe: Knopf drücken, wenns kribbelt. Dass die Videos das Belohnungszentrum aktivierte, war für Studienleiter Craig Richard wenig überraschend, wie er in einem Interview mit «Sciencefocus» sagte.

Dass der präfrontale Kortex aufleuchtete, der für die Verarbeitung von sozialem Verhalten zuständig ist, dagegen schon. «Wir wissen, dass Tiere soziale Verhaltensweisen wie Putzen oder die Pflege von Säuglingen nutzen, um soziale Bindungen aufzubauen. Diese Verhaltensweisen ähneln dem, was in ASMR-Videos zu sehen ist: langsame Bewegungen, sanfte Berührungen, liebevolle Blicke», so Craig.

Oxytocin-Ausschüttung durch virtuelles Pflegen

ASMR könnte also eine Variante davon sein – eine Art virtuelles Pflegen. Das signalisiere dem Gehirn, dass es sich auf Vertrauen einstellen kann, so der Neurologe. Das wiederum aktiviert die Ausschüttung von Oxytocin: das Bindungs- und Kuschelhormon.

Aber warum kribbelt es nur bei manchen? Ende 2020 stellte eine Gruppe von US-Forschenden fest, dass Menschen mit ASMR schwächere Verbindungen im Ruhezustandsnetzwerk haben. Das ist eine Gruppe von Hirnregionen, die aktiviert werden, wenn wir ruhen und keinerlei Aufgaben nachgehen. Sprich: Menschen mit ASMR reagieren grundsätzlich schneller auf Reize als Menschen ohne ASMR. Abschliessend beantworten konnten die Forschenden die Frage aber nicht. Ein komplexes Kribbeln eben.

SRF2 Kultur, 100 Sekunden Wissen, 28.10.2021, 06:54 Uhr.

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7 Kommentare

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  • Kommentar von Michel Koller  (Mica)
    Mein Problem ist, dass mein Verstand permanent am werkeln ist und Entspannung eher schwer zu erreichen war. Vor ein paar Jahren machte eine Freundin ein ASMR-Soundfile für mich mit Wasser, Steinen und Sand. Ich hatte zwar nicht das berüchtigte "kribbeln" aber war nach 15 Minuten so entspannt, dass ich eingeschlafen bin. Passiert sonst eher selten, ohne dass ich bewusst schlafen möchte. Seither bin in der Szene unterwegs und entdecke immer wieder Neues, auch über mich selbst. Eine gute Sache.
  • Kommentar von Georg Schneider  (Merguez)
    Ich habe ASMR vor ein paar Jahren zufällig entdeckt und höre es gerne zur Entspannung aber auch, wenn ich mich auf etwas konzentrieren muss, z.B. beim Lernen oder Arbeit Schreiben. Wirkliche ''Tingles'' verspüre ich dabei nur selten. Wenn man es jemandem erzählt, erntet man aber oft verständnislose, teils belustigte Blicke; umso erfreulicher, dass ASMR nun auch eine wissenschaftliche Grundlage erhält.
  • Kommentar von Arber Thaqi  (arberi.th)
    SRFs neue Kommentarpolicy ist unweigerlich einschränkend und strebt keine kritische Diskussionskultur an.
    Statt über gesellschaftstechnisch schwierige Fragen, wie die verhängte 1 Million der EU an Polen, Chinas Übermacht, Russlands Hacking Angriffe, etc. Kommentare zu schreiben, können wir uns freuen über ASMR eine Meinung abzugeben.
    Ich würde mich schämen, wer diese neue Policy vorangebracht hat, denn selbst 20 Minuten hat eine bessere Lösung dafür gefunden!
    1. Antwort von Antwort SRF (SRF)
      Guten Tag Herr Thaqi
      Es ist richtig, dass das Kommentarsystem per 05.10.2021 umgestellt wurde. Die Umstellung bezieht sich jedoch nur auf die Artikel aus der Redaktion der News. Dieser Artikel stammt aus der Wissenschaftsredaktion und bleibt – wie alle anderen Artikel aus unserer Redaktion – offen für die Kommentare aus der Community. Dies hat aber nichts damit zu tun, welche Artikel zur Debatte des Tages gewählt werden. Diese Artikel finden Sie auf srf.ch/news unter «Die Debatten des Tages».
      Freundliche Grüsse
      SRF Wissen
    2. Antwort von Luca Hess  (LHE)
      Bin ganz ihrer Meinung. Auch wenn es nur um die News Artikel geht aber so etwas hätte ich nicht erwartet von unserem subventionierten Staatsfernsehen. "Diskutieren Sie mit, wenn wir es erlauben..."
    3. Antwort von Albert Planta  (Plal)
      Hess: das Srf ist kein Staatsfersehen sondern eine öffentlich-rechtliche Institution.
    4. Antwort von Erich Singer  (Mairegen)
      Ja das SRF wird sicher mal eine Umfrage starten wie die neue Debattenkultur so bei den Usern ankommt. Bin gespannt was dabei herauskommt und wie SRF dann reagiert.