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Nachhaltig wirtschaften
Aus Wissenschaftsmagazin vom 02.04.2022.
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Kreislaufwirtschaft Warum Recycling allein nicht genügt

Die Wirtschaft muss umweltfreundlicher werden, um die Natur und den Planeten vor weiterer Zerstörung zu bewahren. Erreichen soll dies die Kreislaufwirtschaft. Doch nicht in allen Fällen ist das der beste Weg.

Eine Gasheizung hat gewichtige Nachteile – das ist nicht erst bekannt, seit Russland die Ukraine überfallen hat. Sie produziert CO2 und schädigt das Klima. Und doch denken sich wohl die meisten, jetzt eine erst vor zwei Jahren installierte Gasheizung rauszureissen und mit einer Wärmepumpe zu ersetzen, kann nicht gut sein. Schliesslich hat die Herstellung der Gasheizung auch Energie und Rohstoffe gebraucht.

Auf dem Bild ist eine Frau in einer Heizkammer zu sehen.
Legende: Eine Gasheizung durch eine Wärmepumpe zu ersetzen, kann sich lohnen. IMAGO / Wolfgang Maria Weber

«Trotzdem ist dieser Schluss falsch», sagt Harald Desing vom Bundesforschungsinstitut Empa. Denn über den ganzen Lebenszyklus betrachtet, von der Herstellung der Heizung über ihren CO2-Ausstoss während des Gebrauchs bis zum Recycling am Lebensende, falle der CO2-Ausstoss am meisten ins Gewicht. Darum lohne es sich, auch eine neue Gasheizung mit einer Wärmepumpe zu ersetzen.

Der erste Blick liefert oft nicht die richtige Antwort

Nachhaltig wirtschaften ist komplex, darum kümmert sich ein ganzes nationales Forschungsprogramm, das NFP73, um dieses Thema. Neben Harald Desing arbeitet Nicola Blum von der ETH Zürich mit. Auch sie nennt ein Beispiel dafür, dass der erste Blick oft nicht die richtige Antwort liefert: Der Effekt des Recyclings werde selbst von Fachleuten manchmal überschätzt: «Es gibt andere Strategien, die noch besser sind – zum Beispiel weniger Material in einem Produkt verwenden oder es länger nutzen.»

Beispiel Glasverpackungen. Zum einen gibt es Flaschen mit Depot. Gebrauchte Flaschen werden eingesammelt, zum Getränkehersteller gebracht, gewaschen und wieder gefüllt. Damit sie dies aushalten, sind Pfandflaschen dicker, brauchen also mehr Glas.

Ausserdem kosten Transport und Waschen Energie und verursachen CO2 – trotzdem ist die Bilanz deutlich besser als für Einwegflaschen, die eingeschmolzen werden, um neue Flaschen herzustellen.

Wie wir die Ökobilanz von Einwegflaschen verbessern

Aber es gibt eine Möglichkeit, um die Ökobilanz von Einwegflaschen zu verbessern, sagt Nicola Blum: «Man sammelt das Glas und fertigt daraus Glaswolle, um damit Häuser zu isolieren.» Bisher wird dafür vorwiegend das Material EPS verwendet, das aus Erdöl hergestellt wird. Wird es ersetzt, wird weniger Erdöl verbraucht.

Mit einer solchen Analyse allein ist es allerdings nicht getan. Kein Hersteller kann allein eine Kreislaufwirtschaft aufbauen. Verschiedene Firmen müssen zusammenarbeiten. Gerade in der Bauindustrie versuchten dies nun einige, beobachtet Nicola Blum, weil bekannt sei, dass der Bau einen grossen ökologischen Fussabdruck habe.

Politik soll Unternehmen in die Pflicht nehmen

Allerdings gibt es Hindernisse beim Umbau der Wirtschaft: Oft fehlen die Daten, um überhaupt entscheiden zu können, welche Art von Kreislauf die beste ist. Nicola Blum erwähnt das Beispiel Plastik. Da übt die Öffentlichkeit mittlerweile viel Druck auf die Wirtschaft aus, auf dieses Material zu verzichten. Dabei sei noch nicht in jedem Fall geklärt, ob die Alternativen tatsächlich besser seien

Die Wissenschaft könne die nötigen Daten dafür aber nicht allein bereitstellen, sagt Nicola Blum. Darum müsse die Politik den Unternehmen vorschreiben, dass sie die nötigen Analysen durchführen und öffentlich machen müssten.

Wissenschaftsmagazin, 02.04.2022, 12:40 Uhr

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7 Kommentare

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  • Kommentar von Martin Sonderegger  (som63)
    Recycling ist NICHT Abfallreduzierung sondern das Verschieben auf später.
    Irgendwann ist Schluss mit recyceln und wird trotzdem Abfall.
    Kunststoff-Recycling ist mAn ein grosser Fehler. Der einmal gebrauchte Kunststoff wird recycelt und in minderwertigeren Produkten eingesetzt.
    Der Kunststoff bleibt in der Umwelt, zersetzt sich weiter und gelangt als Mikroplastik in den Umweltkreislauf und die Nahrung.
    Neugeborene haben über die Nabelschnur bereits Mikroplastik in ihrem Körper!
    1. Antwort von Michel Koller  (Mica)
      Bei Kunststoffen mag die Qualität abnehmen aber Glas oder Metalle sind grundsätzlich beliebig oft rezyklierbar. In der Schweiz werden minderwertige Kunstoffabfälle verbrannt und erzeugen dabei Strom und Fernwärme, was durchaus auch einen Nutzen hat.
  • Kommentar von Jonathan Wolff  (Nathanloup)
    Oberstes Ziel ist nicht Recycling, sondern Abfallreduzierung.
    1. Antwort von Michel Koller  (Mica)
      Recycling vermindert eben gerade Abfall, indem es die Rohstoffe zur Wiederverwendung sammelt und aufbereitet. Wenn man ein hohes Ziel definiert, dann weniger Rohstoffverbrauch bei Verpackungen und Konsumgütern. Das wäre sinnhaftig und hat dann zur Folge, dass sowohl Abfall reduziert und weniger Ressourcen ins Recycling fliessen müssen.
    2. Antwort von Reto Weber  (SPQR)
      Recycling ist Abfallreduzierung!
    3. Antwort von Christian Weber  (CWeb)
      Die Idee "sowohl als auch" passt leider nicht in unsere Welt. Entweder das eine oder gar nichts. Das wird uns die Niederlage im Kampf gegen den Klimawandel bescheren, da bin ich mir ziemlich sicher.
    4. Antwort von Jonathan Wolff  (Nathanloup)
      Koller & Weber: Das Eine hat mit dem anderen absolut nichts zu tun. Was nicht entsorgt/weggeworfen wird, muss auch nicht recycelt werden, so einfach ist das. Vielen ist nicht bewusst, dass wir in der Schweiz einen der höchsten Abfall pro Kopf in Europa haben (ich meine es sind etwa 700 KG jährlich). Das muss man sich Mal vorstellen... Die Schweiz ist ein Wohlstandgeplagtes Land und die Leute sind dauernd am Jammern, Himmeltraurig.