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Wie gefährlich ist die Lichtverschmutzung?
Aus nano vom 26.08.2021.
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Kunstlicht irritiert Insekten Wie die Lichtverschmutzung unser Ökosystem gefährdet

Der Zyklus zwischen Tag und Nacht ist eine der wichtigsten Informationen für die Organismen unseres Ökosystems. Doch was passiert, wenn dieser natürliche Rhythmus durch künstliche Lichtquellen gestört wird?

Dieser Frage ist Eva Knop seit vielen Jahren auf der Spur. Die Ökologin zählt zu den weltweit renommiertesten Forschenden in Sachen Lichtverschmutzung. 2017 hatte Eva Knop erstmals nachgewiesen, dass künstliches Licht zu einem deutlichen Rückgang der Bestäubung bei Nacht führt.

Auswirkungen auch am Tag

Ihre neusten Forschungsergebnisse lassen wieder aufhorchen: 20 Prozent der Pflanzen, die nachts Kunstlicht ausgesetzt sind, erhalten auch am Tag weniger Blütenbesuche durch Insekten. Die Auswirkungen von nächtlichem Kunstlicht sind damit deutlich gravierender als bislang angenommen.

Zehn Millionen tote Insekten jede Nacht

Nachtaktive Insekten orientieren sich an den Himmelskörpern – an Mond und Sternen. Durch die zunehmende Lichtverschmutzung ist dieses Orientierungsverhalten gestört. Jede Nacht schwirren tausende von ihnen in endlosen Kreisen um künstliche Lichtquellen, bis sie vor lauter Erschöpfung verenden.

Schätzungen zufolge sterben in der Schweiz etwa zehn Millionen Insekten durch Aussenbeleuchtung – in einer einzigen Sommernacht. Fortpflanzung, Nahrungssuche und die nächtliche Bestäubung werden so behindert.

Legende: An einer herkömmlichen Strassenlaterne sterben bis zu 150 Insekten in einer Sommernacht. SRF

Für Eva Knop kommt das zu einer beunruhigenden Entwicklung hinzu: «Wir haben allgemein eine grosse Bestäuberkrise mit einem Bestäubungsdefizit an vielen Orten. Es gibt Orte auf der Welt, wo man schon von Hand bestäubt.» Die Lichtverschmutzung verschärft dieses Problem zusätzlich – mit kaum absehbaren Folgen für die Biodiversität aber auch den landwirtschaftlichen Ertrag.

Dem Phänomen auf der Spur

Aktuelle Experimente der Universität Zürich und der Bundesforschungsanstalt Agroscope sollen nun weitere Erkenntnisse zu den dahinterstehenden Mechanismen liefern. Dafür haben Eva Knop und ihr Team insgesamt fast 400 Topfpflanzen gesetzt. Jede Nacht wird ein Teil von ihnen mit LED-Strassenlaternen beleuchtet. Der Rest bleibt im Dunkeln.

Legende: Blick von oben: der Versuchsaufbau unter einer Strassenlaterne. SRF

Mit Duft- und Nektarproben sowie Messungen der Blüten, Knospen und Blätter will Knop herausfinden, ob sich die Pflanzen unter Kunstlicht weniger «attraktiv» für Bestäuber entwickeln.

Sind Schädlinge unter Kunstlicht gefrässiger?

Beschädigte Pflanzen sind für potenzielle Bestäuber deutlich unattraktiver. Duftstoffe, welche die Pflanzen gegen die Schädlinge einsetzen, könnten diesen Effekt noch verstärken, denn auch Bestäuber werden durch den Duft abgehalten und meiden die Pflanzen.

Blühen die Pflanzen zu früh?

Resultate werden gegen Ende des Sommers vorliegen. Doch bereits jetzt zeigt sich eine erste Tendenz: Die Pflanzen unter den Strassenlaternen beginnen offenbar früher zu blühen. Das kann problematisch sein, da das Blühverhalten von Pflanzen und die Aktivität vieler Bestäuber von Natur aus synchronisiert ist. Beginnen Pflanzen zu früh zu blühen, fehlen möglicherweise wichtige Bestäubergruppen.

Die Lockmittel einer Pflanze

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Pflanzen locken Insekten mithilfe von optischen und chemischen Reizen an:

Ein süsslicher Duft und auffällige Farben sorgen dafür, dass die Bestäuber auf die Blüte aufmerksam werden und auf ihr landen.

Während sie den Nektar aus der Blüte trinken, bleiben Pollen an ihren Härchen kleben. Fliegt das Insekt die nächste Blume an, gelangen die Pollen auf die Blütennarbe und befruchten diese.

Die optischen und chemischen Reize einer Pflanze und ihre gesunde Entwicklung sind also essenziell für die Bestäubung.

 «Man realisiert, dass sich Lichtverschmutzung nicht nur negativ auf den Menschen und beispielsweise seinen Schlafrhythmus auswirkt, sondern eben auch auf die Natur”, sagt Eva Knop.

Sie hofft, dass das Thema Lichtverschmutzung durch ihre Ergebnisse an Brisanz gewinnt. Denn der Rückgang der Bestäubung – ob am Tag oder bei Nacht – zeigt bereits jetzt gravierende Auswirkungen.

Lichtverschmutzung weltweit

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Unsere Welt wird immer heller. Jährlich steigt die Lichtverschmutzung um bis zu sieben Prozent. Über 80% der Weltbevölkerung sind von ihr betroffen. Die Auswirkungen für den Menschen und das gesamte Ökosystem werden immer deutlicher.

Doch es gibt bereits intelligente Lösungen die Lichtverschmutzung zu minimieren. Mit gut abgeschirmten Laternen, bedarfsorientierter Lichtdimmung und warmen LED-Farben lässt sich bereits viel erreichen. Und im besten Fall gilt: Licht aus.

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www.srf.ch/wissen

Nano, 26.08.2021, 10:20 Uhr

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17 Kommentare

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  • Kommentar von Nico Stäger  (Nico Stäger)
    Halleluja. Und nun bitte zusätzlich das ganze Experiment noch mit Mobilfunk- und anderer menschgemachter Alltags-Strahlung durchführen.
  • Kommentar von Patrik Müller  (P.Müller)
    Die Bevölkerung nimmt zu - damit einhergehend die Belastung der Umwelt. Eine ganz einfache Rechnung. Wann wird das realisiert? Eine 5Millionen Schweiz ist eine andere als eine 10 Millionen Schweiz. Und unsere Bedürfnisse werden zu alledem auch noch nicht weniger. Die Belastungskurve steigt also nicht nur linear an. Was wollen wir?
  • Kommentar von Werner Gürr  (FrMu)
    "lightpollutionmap" - interaktive Karte der weltweiten Lichtverschmutzung.