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Wie tierische Superkräfte Menschen heilen
Aus Einstein vom 21.04.2022.
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Medizin aus der Wildnis Wie Hirschgeweihe im Kampf gegen Osteoporose helfen können

Das Geweih unserer Rothirsche ist das Organ im Tierreich, das am schnellsten wächst und jedes Jahr erneuert wird. Wie machen die Hirsche das – und wie kann die Medizin das nutzen?

Das Geweih des Hirsches ist nicht nur eine imposante Erscheinung, sondern auch ein wahres Wunderwerk der Natur. Jeweils zwischen Februar und April verliert der Hirsch sein Geweih. Innerhalb von vier bis fünf Monaten wächst es wieder nach. Mit einem maximalen Längenwachstum von rund zwei Zentimetern pro Tag ist es das schnellste Organwachstum im Tierreich.

Hirsche erholen sich von Knochenschwund

Wie kann der Hirsch sein Geweih in so kurzer Zeit erneuern? Woher bezieht das Tier die Energie für ein solch schnelles Knochenwachstum? Der spanische Biologe Tomas Landete Castillejos kennt die Antworten. Er untersucht seit Jahrzehnten die Geweihe der Tiere auf einer Farm in Albacete.

«Für so ein rasantes Wachstum reichen die Mineralien, die Hirsche über die Nahrung zu sich nehmen, nicht aus. Deshalb müssen sie das Kalzium aus ihrem Skelett für das Geweih verwenden», erklärt der Forscher. Das führe zu einer Art Osteoporose, von der sich die Tiere aber jedes Jahr wieder erholen, so Castillejos.  

Sie müssen das Kalzium aus ihrem Skelett für das Geweih verwenden.
Autor: Tomas Landete Biologe

Während Knochenschwund beim Menschen nicht rückgängig gemacht werden kann, erholen sich die Knochen der Hirsche wieder, sobald das Geweihwachstum nachgelassen hat. Diese Erkenntnisse will Landete Castillejos für die Medizin nutzen.

Ein Rothirsch mit grossem Geweih steht im Wald.
Legende: Das Hirschgeweih wächst jährlich neu und verzweigt sich jedes Jahr weiter. Keystone / Sina Schuldt

Wenn er das Geweihwachstum noch besser versteht, könnte es sogar sein, in Zukunft Osteoporose beim Menschen zu heilen. Noch ist er weit davon entfernt – aber der Ansatz ist sehr vielversprechend.

Amputierte Arme nachwachsen lassen

Auch die Zwillingsbrüder Uwe und Horst Kierdorf aus Hildesheim in Niedersachsen sehen im Geweihwachstum der Hirsche Möglichkeiten für die Medizin. Die Biologen erforschen, ob es Menschen in Zukunft gelingen könnte, amputierte Knochen nachwachsen zu lassen.

Horst Kierdorf will den Vorgang des Knochenwachstum des Geweihs auf Knochen des Menschen übertragen: «Nicht alles, was der Hirsch kann, wird der Mensch auch können. Aber wir sind beide Säugetiere, das heisst wir haben schon eine ähnliche Physiologie.» Es stelle sich die Frage, was an der Physiologie des Hirsches so besonders sei, die es ihm ermöglicht, eine Riesenstruktur wie ein Geweih jährlich zu regenerieren.

Nicht alles, was der Hirsch kann, wird der Mensch auch können.
Autor: Horst Kierdorf Biologe

Tatsächlich wächst kleinen Kindern der kleine Finger nach, wenn er abgetrennt wurde – diese Fähigkeit geht jedoch nach wenigen Jahren verloren. Ein Hirschgeweih hingegen wächst ein Leben lang. «Wenn wir diesen einzigartigen Vorgang der Regeneration eines komplexen, sehr grossen Knochens besser verstehen würden, könnten wir vielleicht auch Möglichkeiten finden, das eingeschränkte menschliche Regenerationsvermögen, zu stimulieren», erläutert Uwe Kierdorf.

Rothirsche in der Schweiz

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Der Rothirsch ist das grösste einheimische Säugetier – derzeit sind es rund 35'000 Tiere in der Schweiz. Noch vor 170 Jahren war der Rothirsch hierzulande praktisch ausgestorben. Gründe waren zu intensive Jagd und veränderte Lebensräume.

Das 1875 verabschiedete eidgenössische Jagdgesetz brachte die Tiere zurück, denn es beschränkte die Jagdzeiten und schützte die weiblichen Tiere. Heute kommt der Rothirsch wieder in allen Kantonen vor, wenn auch teilweise in kleinen Beständen. Die Tiere nehmen vor allem einen Grossteil der Schweizer Alpen und Voralpen in Beschlag.


Hirsche sind gesellig. Ausser zur Brunftzeit leben die Tiere in Rudeln, getrennt nach Geschlechtern. Sie ernähren sich von Gräsern, Blätter, Rinde, Knospen und Zweigen. Um die acht Kilogramm wiegt das Geweih eines grossen Rothirsches. Jährlich wächst es neu und jedes weitere Jahr verzweigt es sich weiter.

Ein einjähriger Hirsch trägt nur zwei schmale Spiesse, im zweiten Jahr sind es schon vier oder sechs. Die maximale Grösse wird zwischen dem siebten und zehnten Lebensjahr erreicht. Rechtzeitig zu Beginn der Brunft ist die Stirnwaffe für das Drohen und Kämpfen einsatzbereit.

Der Rothirsch könnte uns vielleicht also in Zukunft helfen, amputierte Gliedmassen nachwachsen zu lassen. Noch sind solche Szenarien Science-Fiction. Aber die Rezepte aus der Natur könnten wegweisend sein für die Medizin.

SRF 1, Einstein, 21.04.2022, 21:05 Uhr

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2 Kommentare

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  • Kommentar von Klaus Waldeck  (Oldie)
    Sehr beeindruckend und sicher einer guten Forschungs-Förderung wert. Auch wenn es heute Medikamente und Behandlungen zur Verlangsamung des Osteoporoseprozesses gibt , so könnten Knochenbrüche bei Stürzen älterer Personen mit nachfolgender Dauer- Invalidität verhindert werden.
  • Kommentar von Denise Casagrande  (begulide)
    Auch der Mensch, ist ein Teil der Natur.
    Deshalb sollte die Menschheit, jeder Mensch achtsam mit der Natur, dem Ökosystem und den Tieren umgehen = keine Ausbeutung, Vergiftung, Vermüllung, Zerstörung!
    Das git auch für Krankheiten und deren Behandlung = die Heilkraft der Natur wieder vermehrt nutzen.