Zum Inhalt springen

Header

Audio
Nur das Klima macht dem Regenwurm den Garaus
Aus Wissenschaftsmagazin vom 26.10.2019.
abspielen. Laufzeit 04:45 Minuten.
Inhalt

Regenwurm-Studie Ein Winzling mit riesiger Wirkung

Eine Forscher-Gruppe hat den weltweiten Regenwurm-Bestand untersucht – und Überraschendes ausgebuddelt.

Regenwurm ist nicht gleich Regenwurm. Allein durch den Schweizer Boden wühlen sich fast 40 verschiedene Arten. Weltweit sind es Tausende.

Wie viele genau weiss niemand, sagt die Biologin Helen Phillips. Vor allem in den Tropen gebe es riesige Wissenslücken: «Jedes Mal wenn meine Kolleginnen dort ein Loch graben, entdecken sie eine neue Regenwurmart.»

Audio
Regenwurm
02:29 min, aus 100 Sekunden Wissen vom 13.01.2011.
abspielen. Laufzeit 02:29 Minuten.

Regenwürmer sind wichtig – zum Beispiel für die Fruchtbarkeit der Böden. Deshalb hat ein grosses internationales Forschungsteam um Helen Phillips den ersten Überblick über die globale Regenwurmbevölkerung erstellt.

Nicht nur kleine pinke Würmer

Sie habe für die Regenwurmzählung nicht selbst im Dreck gewühlt, gibt Helen Phillips ohne Umschweife zu. Hinter dem Computer sei sie glücklicher als mit der Schaufel in der Hand.

Ihre Kolleginnen aus dem Feld zeigten ihr Bilder verschiedener Arten. Es waren ganz andere Würmer, als sie sie kannte: grüne oder blaue Exemplare, manche davon Riesen, bis zu drei Meter lang.

Dutzende Regenwurmforscher aus aller Welt haben ihre Angaben ins federführende Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung in Leipzig geschickt. Dort liess Helen Phillips den Computer im Datenberg nach Mustern suchen.

In der Eiszeit dezimiert

Auch wenn sich in einem Stück Boden einer klimatisch gemässigten Zone, zum Beispiel in Europa, teils mehr Regenwürmer und Regenwurm-Arten fanden als in den Tropen: Gesamthaft gibt es dort, an den Hotspots der Artenvielfalt, wohl mehr Regenwurmarten als bei uns.

Aber sie kommen in den Tropen oft nur lokal im Umkreis einiger Kilometer vor. In Europa dagegen sind viele Arten weiträumig verbreitet.

Darwin und der Regenwurm

Box aufklappen Box zuklappen
Legende: Imago / Photo12

Es war niemand geringeres als Charles Darwin, der zuerst untersuchte, wie die Regenwürmer den Boden verändern.

Nach 29 Jahren des Experimentierens fand er heraus: Indem sie Pflanzenreste und Mineralien fressen, Gänge graben und ihren Kot im und auf dem Boden deponieren, bringen sie Erde aus dem Boden an die Oberfläche. Bei Darwin waren es etwa vier Kilogramm Erde pro Quadratmeter pro Jahr.

Dabei zeigten sie auch Intelligenz, attestierte Darwin. Denn die Würmer packten in seinen Versuchen die Blätter auf der Erdoberfläche stets an ihrem schmalsten Ende, um sie leichter in ihre Gänge hineinziehen zu können – obwohl sie blind sind.

Darwin schrieb ein Buch über den Regenwurm: «Die Bildung der Ackererde durch die Tätigkeit der Würmer». Es war sein letztes und verkaufte sich damals genau so gut wie sein Hauptwerk «Über die Entstehung der Arten», in dem er die Evolutionstheorie entwickelte.

Der wahrscheinliche Grund dafür liegt in der letzten Eiszeit. In Europa rottete die Vergletscherung in vielen Regionen die Regenwürmer aus, während der Wurmbestand in den Tropen unbehelligt blieb.

Das führt zum Schluss, dass die Würmer, die es in Europa heute gibt, jene waren, die nach der Eiszeit die leeren Gebiete am schnellsten wieder besiedelten.

Fruchtbare Fischköder

Im nördlichen Russland und Nordamerika, wo es während der Eiszeit ebenfalls grosse Gletschermassen gab, sind noch heute stellenweise keine Regenwürmer zu finden. Ausser dort, wo der Mensch sie versehentlich wieder eingeführt hat – zum Beispiel als weggeworfene Fischköder.

So etwa der europäische Regenwurm, der im Norden Nordamerikas als invasive Art gilt. Vor seiner Ankunft lagen in den dortigen Wäldern dicke Teppiche von Laub auf dem Boden: ein gefundenes Fressen für den Regenwurm, aber als die Laubschichten in der Folge abnahmen, veränderte sich das Ökosystem tiefgreifend.

Meist aber haben die Aktivitäten der Regenwürmer positive Effekte: Sie belüften den Boden, machen ihn aufnahmefähiger für Wasser und insgesamt fruchtbarer.

Trockenes Klima wurmt den Regenwurm

Doch die wichtigen Leistungen der Regenwürmer könnten künftig ausbleiben, befürchtet die Biologin Helen Phillips. «Unsere Analysen zeigen, dass die globale Verbreitung der Regenwürmer stark vom Klima abhängt.»

Video
Aus dem Archiv: Regenwurm – das Tier des Jahres 2011
Aus Tagesschau vom 04.01.2011.
abspielen

Wo es zum Beispiel allzu trocken sei, gebe es kaum Würmer. Solche wurmfeindlichen Regionen könnten mit der Klima-Erwärmung zunehmen.

«Darüber sind wir ziemlich besorgt», sagt Helen Phillips. Denn die umtriebigen Würmer unter unseren Füssen sind wichtig für die Landwirtschaft – und damit für unsere Ernährung.

Meistgelesene Artikel

Nach links scrollen Nach rechts scrollen

4 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Aktuell sind keine Kommentare unter diesem Artikel mehr möglich.

  • Kommentar von Rolf Künzi  (Unbestimmt)
    Ganz genau die Regenwürmer sind jene Tiere die die Kanalisation des Boden sind und Humus aufbauen, und wie politisch die Diskussion ist sieht man daran wie sehr er übersehen wird. Es können tatsächlich mit Bäumen, Douglasien und Humus Terra Pretta locker alle CO2 Ziele erreicht werden. Wenn man denn ehrlich hingeht und mal rechnet. Mit angebrannter Kohle im Boden könnte man ein Paradies schaffen und dabei hätten wir noch nicht mal von Meeren gesprochen. Die innere Oberfläche verbietet aber Gift
  • Kommentar von M. Roe  (M. Roe)
    Die neue Uni-Generation untersucht Regenwürmer, Armut und was noch? Wenn keiner etwas gegen irgend ein Problem tut, nützt es nichts wenn wir es erkennen! Stellt die "Uni-"Linge ab!
  • Kommentar von A. Keller  (eyko)
    Im gesunden Boden einer ha Grünland leben eine bis drei Millionen Regenwürmer.Je mehr Würmer vorhanden sind, desto besser ist die Bodenfruchtbarkeit. In einem zu intensiv und unsachgemäss bewirtschafteten Boden können die Regenwürmer fast vollständig verschwinden.Der Einsatz von Umweltgiften ist eine weltweite Bedrohung für die Artenvielfalt unserer Ökosysteme. Die Giftstoffe sind langlebiger als gedacht. Vor allem im Boden können sie Monate und Jahre bestehen und gefährden so auch Regenwürmer.