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Bienen im Dichtestress
Aus nano vom 23.05.2022.
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«Save the bees» – aber richtig Darum gefährdet der Boom der Stadtimkerei unsere Wildbienen

Das Imkern in der Stadt boomt, doch die vermeintlich positive Entwicklung droht zur Gefahr zu werden.

Lautstark und zu Tausenden machen sie ihrem Unmut Luft – Stadtimkerin Anna Hochreutener hat gerade die Honigräume vom Bienenstock gehoben. Nun ist das Gesumme rund um den Stock auf einem Dach mitten in Zürich gross. Die Honigbienen fühlen sich gestört. Sie wollen den gesammelten Pollen und Nektar eintragen und Honigwaben füllen. Aber jetzt ist ihr Zuhause kurzzeitig auseinandergebaut und sie müssen warten.

Behutsam zieht Anna Hochreutener eine Wabe aus einem der Honigräume, betrachtet sie kurz und strahlt. «Das ist der Traum jeder Imkerin um die Jahreszeit. Eine volle Honigwabe», schwärmt sie.

Ideale Bedingungen für Bienen in der Stadt

Es ist Mitte Mai und überall blüht irgendetwas. Ein Paradies für Bienen. Gerade in der Stadt sind die Bedingungen für die emsigen Insekten sehr gut. Von März bis September gibt es eine grosse Vielfalt an Blühpflanzen, kaum Pestizide und keine Monokulturen, die nur kurz Futter im Überfluss liefern, aber nach der Ernte zur grünen Wüste werden.

Auf dem Bild ist ein Bienenstock auf einem Dach in Zürich zu sehen.
Legende: Die Bienenstände in Städen haben in den letzten Jahren massiv zugenommen. SRF

Doch auch das beste Buffet ist irgendwann leer gegessen – und genau das könnte in naher Zukunft drohen, zeigt eine aktuelle Untersuchung der Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft WSL. «In vielen Schweizer Städten nimmt die Menge der Nahrungsressourcen nicht im gleichen Tempo zu wie die Zahl der städtischen Bienenhalter. Das könnte zu Problemen führen – für die Honigbienen selbst, aber auch für andere bestäubende Insekten», erklärt Biologe Joan Casanelles Abella. Sollte der Trend weiter anhalten, droht den Bienen – egal welcher Art – in Zukunft ein Futterengpass.

Zu wenig Futter für zu viele Bienen

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Legende: SRF

WSL-Biologe Joan Casanelles Abella hat untersucht, wie nachhaltig das Imkern in der Stadt ist. Dafür hat er zunächst untersucht, wie sich die Anzahl Bienenstöcke im Zeitraum von 2012 bis 2018 in den 14 grössten Schweizer Städten verändert hat.

Das Ergebnis: Die Anzahl Bienenstände hat sich verdoppelt! Von 3139 Bienenständen im Jahr 2012 zu 6370 im Jahr 2018. Im Anschluss hat er die Anzahl Bienenstände pro Jahr und Stadt mit den jeweils vorhandenen Grünflächen, also dem bestehenden Nahrungsangebot, verglichen.

Es zeigt sich: Die Anzahl Bienenstöcke übersteigt fast überall das vorhandene Nahrungsangebot. Sprich, es gibt zu viele Bienen für zu wenige Futterquellen. Selbst dann, wenn der Forscher die Anzahl Grünflächen in seinem Rechenmodell verdoppelte – was realistisch gesehen in keiner Stadt möglich ist – war die Belastungsgrenze in vielen Städten noch immer erreicht.

Konkurrenz zwischen Honigbiene und Wildbiene

Honigbienen und Wildbienen ernähren sich von Nektar und Pollen. Doch die Übermacht an Honigbienen in vielen Städten führt zu Verdrängung. Allein in einem Bienenstock leben bis zu 50'000 Honigbienen. Wildbienen dagegen sind Einzelgänger.

Anders als Honigbienen – weltweit gibt es so viele wie noch nie – stecken Wildbienen tatsächlich in der Krise. Allein von den insgesamt etwa 620 Arten in der Schweiz gilt fast die Hälfte als bedroht. Es bestehe ein gewisses Missverständnis, was das Verschwinden der Bienen angehe, erklärt Joan Casanelles Abella. «Der Fokus vieler Menschen liegt auf den gemanagten Bestäubern, den Honigbienen. Diese können leicht ersetzt und geschützt werden. Andere Bestäuber – wie Wildbienen – haben keine so guten Anwälte. Dabei sind sie besonders gefährdet.»

Auf dem Bild ist eine Wildbiene auf einer pinken Blüte zu sehen.
Legende: Auf dem Bild zu sehen: Eine Gelbbindige Furchenbiene (Halictus scabiosae) auf einer Blüte. Die Gelbbindige Fruchenbiene gehört zu der Familie der Wildbienen. Wildbiene & Partner

Anstatt also für immer mehr Honigbienen in den Städten zu sorgen, wäre es deutlich sinnvoller Wildbienenförderung zu betreiben. Gut geeignet sind sogenannte Wildbienengärten mit einem speziell auf die verschiedenen Wildbienenarten zugeschnittenen Angebot an Blühpflanzen und Nistmöglichkeiten. Diese fehlen häufig inmitten der Betonwüste.

Das sieht auch die Stadtimkerin so: «Es hat keinen Sinn, wenn es plötzlich so viele Imker gibt. Vor allem so viele, die gerade anfangen mit Bienenhaltung, weil sie das Gefühl haben, sie tun der Natur etwas Gutes.» Schlauer wäre es eigentlich, sie würden ein schönes Wildbienenprojekt angehen, Nistplätze fördern, Blumen pflanzen, das dann allen zugutekommt und weniger auf die Honigbiene setzen.

Imkern in der Stadt – ja oder nein?

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Joan Casanelles Abella: «Wir brauchen unbedingt Honigbienen, vor allem in der Landwirtschaft. Honigbienen sind die wichtigsten Bestäuber. Aber wir dürfen nicht vergessen, dass sie nicht sie einzigen Bestäuber sind. Viele Studien bestätigen, je mehr Bestäuberarten es gibt, desto besser. In Städten werden Honigbienen meist als Hobby gehalten, es schafft eine positive Verbindung zur Natur.

Aber es gibt eben auch andere Wege, sich der Natur anzunähern. Zum Beispiel könnte man ein Bienenhotel aufhängen, Blühpflanzen sähen oder sich in anderen Umweltschutzprojekten für Bienen engagieren.»

Anna Hochreutener: «Was mir wichtig ist, wenn jemand anfängt zu imkern, die Person muss verstehen, dass es eine Tierhaltung ist und kein Hobby. Kein Hobby wie Gitarre spielen zum Beispiel. Da kann ich die Gitarre in die Ecke stellen, wenn ich gerade keine Lust und Zeit habe, bei den Bienen geht das nicht. Man muss sich kümmern, das ist sehr zeitintensiv, und man hat eine Verantwortung dem Tier gegenüber und es ist unschön, wenn es den Tieren schlecht geht oder sie sterben, weil man zu wenig Zeit hat und man sich dem nicht bewusst gewesen ist.

Man muss sich wirklich fragen, warum beginnt man mit der Bienenhaltung, will man das wirklich und wenn es drum geht, man möchte Bienen retten, weil man eben viel darüber gehört hat, dass Bienen am Sterben sind, dann rate ich schwer davon ab.»

«Save the bees» – aber richtig!

Im Moment kann jede und jeder, der will, einen Bienenstock aufstellen. Dieser muss lediglich gemeldet werden. Eine Bewilligungspflicht gibt es nicht. Auch eine Ausbildung zum Imker oder zur Imkerin ist nicht nötig. Sowohl der Forscher als auch die Stadtimkerin befürworten daher eine stärkere Regulierung.

Die Artenvielfalt – nicht nur die der Bienen – ist weltweit bedroht, sich hierfür zu engagieren, ist in jedem Fall sinnvoll. Doch der gute Wille ist das eine, die richtige Umsetzung das andere. Das sich dabei einiges falsch machen lässt, zeigt sich ausgerechnet am Boom der Stadtimkerei – dem vermeintlichen Aushängeschild der Bienenhilfe.

Nano, 23.05.2022, 10:30 Uhr

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16 Kommentare

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  • Kommentar von Christoph Heierli  (help)
    Landhonig, ziehe ich jedem Stadthonig vor. Der Bündner Bauer hat Grossteils auf BIO gesetzt. Unsere Luft ist frischer als die in der Stadt. Da die Bauern am Bio Berg später ihr Gras und Blumen mähen, habe ich beste Tracht bis ende Juni. Dank Himbeeren Bergahorn und Linde ist mein Honig lange so gut wie ein Stadthonig. "Wenn nicht besser" Ich empfehle dem Journalisten vor seinem Artikel das Dafür und Dagegen besser ab zu wägen und ab zu klären. Der Stadtimker muss ja solche Theorien verbreiten.
  • Kommentar von Christoph Heierli  (help)
    In der Praxis erlernt man die Bienenhaltung am besten. Nicht an unzähligen Kursen mit Theorie und nochmals Theorie. Gute Fachliteratur und Freude am Hobby sowie Praxis und nochmals Praxis führen zum Ziel. Nicht Theorie und unzählige teure Kurse inkl. unnötigem Eidg. Imkerdiplom. Die Kontrolle der Imker wird mehr und mehr über den Kanton gesteigert und laufend werden neue Bienen Päpste los geschickt.
    Ich imkere seit 21 Jahren mit gut 50 Völkern ohne irgend eine Beanstandung.
  • Kommentar von Christoph Heierli  (help)
    Überall in der Schweiz fühlen sich viele Leute plötzlich berufen in die Imkerei einzusteigen. Dieser Boom führt unweigerlich zu Problemen. Nach zwei Wochen fühlen sich viele schon als Bienenspezialisten und belehren dabei fleissig ihre Umwelt. Ich habe das Handwerk vor 21 Jahren erlernt, dies bei einem erfahrenen älteren Imker. Ein Jahr habe ich ihn in jeder freien Minute unterstützt und ihn entlastet. Je höher die Bienendichte desto schlechter für die Bienen. (Krankheitsübertragung usw.)