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Pestizid verstärkt sich gegenseitig
Aus Echo der Zeit vom 04.08.2021.
abspielen. Laufzeit 04:07 Minuten.
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Studie zu Pestiziden Pestizid-Gemische sind für Bienen schädlicher als angenommen

Eine neue Studie im Fachmagazin «Nature» zeigt: Pestizid-Gemische schaden Bienen überproportional. Experten fordern neue Zulassungsverfahren.

Harry Siviter war fleissig. Der Forscher von der Universität von Texas hat sämtliche auffindbaren Studien zusammengesucht, die es zum Thema Hummeln, Wildbienen, Honigbienen und den Stressfaktoren gibt, die ihnen schaden können: schlechte Nahrung, Krankheiten, Parasiten und Agrochemikalien.

Er wollte wissen, wie diese Stressfaktoren zusammen wirken. In vielen einzelnen, teils kleinen Studien, wurde diese Frage schon untersucht, doch deren Aussagekraft ist oft begrenzt. Siviter durchforstete deshalb 15'000 existierende Studien und wählte die aus, die das Zusammenwirken verschiedener Stressfaktoren untersuchten. Er prüfte deren Qualität und kam schliesslich auf 90 auswertbare Studien, deren Ergebnisse und Rohdaten er kombinierte. Seine Übersichtsstudie erschien heute im Fachmagazin «Nature».

Pestizide können sich in ihrer Wirkung verstärken

Das klare Fazit: Agrochemikalien haben häufig einen synergistischen Effekt. Das heisst: Wenn ein einzelnes Pestizid zehn Prozent der Bienen in einem Bienenvolk tötet, und ein zweites Pflanzenschutzmittel noch einmal zehn Prozent, würde man erwarten, dass ein Bienenvolk das beiden Stoffen ausgesetzt ist, 20 Prozent der Tiere verlieren würde.

Die Studienauswertung zeigt nun aber: Beide Pestizide können sich in ihrer Wirkung auch gegenseitig verstärken, so dass der Effekt grösser ist als 20 Prozent.

Harry Siviter betont, das gelte auch bei Konzentrationen, die Honigbienen, Wildbienen und Hummeln tatsächlich auf dem Feld in freier Wildbahn antreffen.

Video
Bienen: Pestizide schaden Bienen (2/3)
Aus SRF school vom 28.03.2019.
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Überrascht hat ihn das Ergebnis nicht, sagt Siviter. Vor allem, weil eben viele kleinere Studien diesen Effekt schon gezeigt hatten. Doch seine breit angelegte, neue Auswertung gibt dem Ganzen eine deutlich robustere Datengrundlage.

Anpassung der Zulassungsverfahren gefordert

Auch Peter Neumann, Bienenforscher von der Universität Bern, ist nicht überrascht. Die Forderung, die Neumann ableitet, ist konkret: «Es wäre sinnvoll wenn die Zulassungsverfahren Interaktionen berücksichtigen würden».

Genau das tun Zulassungsverfahren nämlich bisher nicht: sie prüfen Agrochemikalien isoliert voneinander und ignorieren fast komplett, ob und wie diese zusammenwirken. «Damit ist vorprogrammiert, dass Unvorhergesehenes geschieht, sobald die zugelassenen Stoffe tatsächlich genutzt werden», sagt Adam Vanbergen vom französischen Agrarforschungsinstitut INRAE in Dijon.

Anders als bei Medikamenten oder Impfstoffen wird bei Agrochemikalien nach der Zulassung nicht regelhaft untersucht, wie diese in der Umwelt wirken, sagt Siviter. Sind diese Stoffe einmal zugelassen, sind sie «einfach da draussen,» wie Siviter es nennt. Gerade unerwartete Effekte würden deshalb nicht ausreichend entdeckt und beachtet.

Harry Siviter hofft, dass seine Studie Bewegung in die Sache bringt. Zulassungsbehörden orientieren sich für gewöhnlich an harten Fakten – je solider desto besser, sagt er, und davon lege er nun einige mehr auf den Tisch. Er könnte Recht behalten: Die EU-Zulassungsbehörde EFSA arbeitet zurzeit an entsprechenden Updates ihrer Prüfverfahren.

Echo der Zeit, Radio SRF 1, 4.8.2021, 18.05 Uhr;

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24 Kommentare

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  • Kommentar von Christoph Heierli  (help)
    Trotz diesem Wissen, stimmt der Bürger in der Schweiz mit 60% für den Gebrauch dieser Gifte. Ich kann den Schweizer aus Sicht eines Imker (21 Jahren/ 40-50 Völker/ Tiergerecht) nicht verstehen. Verstehen tu ich auch die Bauern nicht, die so ihre Lebensgrundlage aus lauter Angst und Habgier selber zerstören. Mein Nachbar - Bauer lässt für Insekten Streifen an den Rändern stehen. Er verwendet null Pestizide und Insektizide. Er hat sich BIO verschrieben und lebt froh wie die Maus im Haferstroh.
    1. Antwort von Maciek Luczynski  (Steine)
      Warten wir mal ab, wie die Obst Bauern reagieren werden, wenn es dazu kommt, dass die "Bestäubungsdienste" bezahlt werden müssen, weil es zu wenige Insekten dafür gibt.
  • Kommentar von Pirmin Limacher  (Auri11)
    Ich bin dafür, dass wir die Grenzen zu machen und das ganze Land auf Bio umstellen. Und wenn es dann mal ein Jahr gibt, wie 2021 und die Regale leer bleiben, dann müssten wir halt hungrige Mäuler exportieren. Oder hat jemand eine bessere Lösung?
    1. Antwort von Jaro Bels  (Gotod)
      Es gibt keine Bessere, bravo. Und was schlagen Sie für vergiftetes Wasser vor?
    2. Antwort von Franziska Stäheli  (Franziska Stäheli)
      Ja, wieder mehr Leute in die Landwirtschaft! Gibt halt nicht den Lohn wie im Grossraum Büro wäre dafür aber Sinn gebender

      Zweiter Lösungsansatz; jeder/ jede soll im kleinen versuchen möglichst viel selber abzubauen. Auf den Balkonen könnte man auf zwei drei ebenen Gemüse, Beeren oder gar Nano Obst anbauen. Falls ihr dazu Tipps braucht, ich bin eure Frau( Gärtnerin ;-)
      3. Anstelle dieser sinnlosen Bord 'verunstaltungen' ( vinca und konsorte) Beete anlegen. Ach ich könnte ewig so weiter machen
  • Kommentar von Willi Schwarz  (Willi S.)
    Wenn man auf Pestizide verzichten will, muss man auf gentechnisch veränderte Pflanzen setzen oder einen massiven Ertragsausfall in Kauf nehmen. Ich werde bei nächster Gelegenheit für "Gentech" stimmen.
    1. Antwort von Barbara Trübner  (Opalapfel)
      @Willi Schwarz: Die Selbstmordrate der Gentech-Bauern in Indien ist sehr hoch, sie tappten in eine grosse Falle der Gentechindustrie, die Versprechen entpuppten sich als grosse Lüge. Ist alles nachzulesen bei Interesse.....
    2. Antwort von Levi Steiner  (Redneck)
      Das stimmt jetzt so mal gar nicht. Studien haben erwiesen dass wenn man den Boden von Pestiziden (Gift) befreit hat (dauert ein paar Jahre) so fallen höhere Erträge aus da die Pflanzen in unvergiftetem Boden richtig viel Wurzeln können.
      Schade sind die beiden Initiativen abgelehnt worden...