Alice Auersperg traute ihren Augen nicht, als sie sah, wie virtuos Kuh Veronika gelernt hatte, einen Stecken als Werkzeug zu nutzen. Auersperg arbeitet in Wien am Forschungsinstitut für Mensch-Tier-Beziehung, das von der Schweizer Messerli-Stiftung finanziert wird.
«Normalerweise reise ich weit weg in entfernte Länder, um solches Verhalten zum Beispiel an Affen zu beobachten», sagt Auersperg «und nun sehe ich es auf einmal quasi um die Ecke an einem Tier, das gemeinhin als dumm bezeichnet wird».
Erst mit vier Jahren beginnt die Kuh Stecken zu nutzen
Auersperg setzt sich seit vielen Jahren mit dem Spielverhalten und dem Werkzeuggebrauch von Tieren auseinander und hat ein Buch dazu geschrieben. Darauf bekam sie ein Video zugeschickt, das sie faszinierte und neugierig machte: Eine Kuh, die sich mit einem Stecken ausgiebig kratzt.
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Bild 1 von 3. Kuh nutzt Borsten als Werkzeug. Die Braunvieh-Kuh Veronika nutzt einen Besen als Werkzeug, um sich an unterschiedlichen Körperstellen zu kratzen. Sie wählt je nach Zielregion das passende Ende des Werkzeugs und passt ihre Bewegungen gezielt an. Bildquelle: SRF.
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Bild 2 von 3. Kuh verwendet Stielenden zur Problemlösung. Die unterschiedlichen Haltungen und Bewegungen verdeutlichen eine gezielte, situationsangepasste Nutzung des Werkzeugs. Bildquelle: SRF.
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Bild 3 von 3. Beobachtung mit Kognitionsforscherin. Die Kognitionsforscherin Alice Auersperg dokumentiert das Verhalten der Braunvieh-Kuh Veronika auf einer Alm in Kärnten. Die Beobachtungen bilden die Grundlage für Untersuchungen zur flexiblen Werkzeugnutzung und Tierintelligenz. Bildquelle: SRF.
Zusammen mit ihrem Postdoktoranden Antonio Osuna-Mascaro reiste Auersperger in die Berggemeinde in Kärnten, wo Kuh Veronika seit 13 Jahren lebt. Als sie vier Jahre alt war, habe die Kuh begonnen, sich mit Stecken, die sie vorsichtig ins Maul nahm, gezielt zu kratzen, so habe es der Bauer Wittkar Wiegele erzählt. «Dieses Kratzen war erst noch unbeholfen», sagt Auersperg, «wurde dann aber immer raffinierter».
Der Test mit dem Bodenschrubber
Um zu überprüfen, wie gut die Kuh auch ein ihr fremdes Werkzeug zum Kratzen gebrauchen kann, legten ihr die Forschenden einen Bodenschrubber hin. Zum Erstaunen der Verhaltensforscher, wusste Kuh Veronika den Schrubber auf Anhieb auf zwei verschiedene Arten zu nutzen: Die Kuh nahm den Schrubber ins Maul und mit den Borsten schrubbte sie sich ihre behaarte Rücken.
Flexible Nutzung eines Mehrzweckwerkzeugs durch eine Kuh
Mit dem glatten Stielende hingegen massierte sie sich überall dort wo die Haut delikater ist: An ihrer Bauchseite, am Euter und am After. «Sie hat also Verletzungen gezielt vermieden und das Werkzeug unterschiedlich einzusetzen gewusst», sagt Auersperg.
Schimpansen sind beim Werkzeuggebrauch noch cleverer
«Dass sich Kühe an einem Baum den Rücken schrubben ist verbreitet und normal», sagt Auersperg «aber dass sie sogar verschiedene Eigenschaften eines Werkzeuges für unterschiedliche Funktionen nutzen – das ist ein Verhalten, das bis jetzt nur bei Schimpansen dokumentiert wurde».
Die Schimpansen gingen allerdings noch einen Schritt weiter, indem sie zum Beispiel mit kleinen Stecklein nach Termiten angelten und so also Werkzeug auf die Umwelt und nicht auf den eigenen Körper anwendeten.
Weitere geschickte Kühe gesucht
Die Forschenden suchten weiter auf Social-Media-Plattformen und fanden noch andere Beispiele, wo Rinder sich mit Stecken gezielt kratzen. Zu sehen war das Verhalten sowohl beim europäischen Hausrind, wie auch bei den Zebu-Rindern. Bis heute suchen die Forschenden aus Wien nach weiteren Beispielen von cleveren Kühen.
Dumm sind sie also sicher nicht, unsere Kühe.
Die verhältnismässig alte Braunvieh-Kuh Veronika in Kärnten wird nicht zur Milch- oder Fleisch-Produktion sondern als Haustier gehalten. Normalerweise werden Milchkühe mit knapp sieben Jahren geschlachtet. In der üblichen Kuhhaltung bleibe das Lernpotenzial der Kühe wohl meist verborgen, sagt Auersberg, und damit unterschätzt.
Kuh Veronika und die anderen Beispiele aber zeigten, dass Rinder grundsätzlich die kognitiven Voraussetzungen für den Werkzeuggebrauch hätten. «Dumm sind sie also sicher nicht, unsere Kühe.»