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Tierversuche auf dem Prüfstand
Aus Wissenschaftsmagazin vom 15.01.2022.
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Tierwohl im Fokus Weniger Tierversuche: Was ist möglich in der Schweiz?

Andere Länder gehen voran bei der Reduktion von Tierversuchen. Auch in der Schweiz tut sich einiges, aber ein schneller Wandel ist nicht absehbar.

Die Zahl der Tierversuche in der Schweiz ist seit Mitte der 1990er Jahre kaum gesunken. Im Jahr 2020 lag sie bei 560‘000 Tieren. Dazu kommen 600’000 genmodifizierte Mäuse, die zwar speziell für Tierversuche gezüchtet wurden, aber nicht verwendet werden konnten, weil sie zum Beispiel einen unbrauchbaren Genotyp oder das falsche Geschlecht hatten.

Diese Tiere wurden getötet, ohne dass sie vorher für Versuche eingesetzt worden wären. «Redlicherweise müssten aber auch diese Tiere in der Tierversuchsstatistik mitgeführt werden», findet Julika Fitzi, vom Schweizer Tierschutz STS.

Forschung für mehr Tierwohl

In der Statistik deutet zwar nichts darauf hin, aber die Bemühungen, die Tierversuche zu verbessern, zu reduzieren oder sogar ganz zu ersetzen, sind am Wachsen. 2018 gründete der Bund dafür das sogenannte 3R-Kompetenzzentrum. Zurzeit läuft ein 5-jähriges Forschungsprogramm, mit dem gezielte Projekte gefördert werden, um Tierversuche zu verbessern oder zu ersetzen. 20 Millionen Franken stehen dafür zur Verfügung.

Was ist das 3R-Prinzip?

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Nach diesem Prinzip sollen heute in der Schweiz die Tierversuche durchgeführt werden. Die Initiative wird getragen vom Bund, von den Hochschulen und der Pharmaindustrie.
Die 3 R stehen für:

  • Replace: Keine Tierversuche, wenn es geeignete Alternativmethoden gibt.
  • Reduce: Die Anzahl Tierversuche und Versuchstiere so weit möglich reduzieren. Entscheidend dabei ist, so viele Tiere einzusetzen, dass eine statistisch abgesicherte Aussage möglich ist.
  • Refine: Die Methoden und den Umgang mit den Tieren während der Versuche und in der Haltung optimieren, damit es ihnen möglichst gut geht.

Versuche an Zellen statt an Tieren

Wie Tierversuche ersetzt werden können, zeigt zum Beispiel ein neuer Test mit Fischzellen, den die Eawag, das Wasserforschungsinstitut der ETH, entwickelt hat.

Die Giftigkeit von Chemikalien in Gewässern kann nun anhand von gezüchteten Kiemenzellen getestet werden und es müssen nicht mehr jährlich Tausende von Regenbogenforellen vergiftet werden. Solche alternative Testmethoden zu entwickeln ist aber sehr aufwendig und hat im konkreten Fall mehr als 15 Jahre gedauert.

US-Umweltbehörde setzt neue Massstäbe

Vielen geht das zu langsam. Die US-Umweltbehörde EPA will nun vorwärts machen und plant, bis 2035 im Bereich der Toxikologie sogar ganz auf Tierversuche verzichten.

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So wichtig sind Tierversuche heute
aus Echo der Zeit vom 13.01.2022.
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«Das ist sehr ambitioniert», sagt Lothar Aicher vom schweizerischen Zentrum für angewandte Humantoxikologie, «aber es zeigt, in welche Richtung die Entwicklung geht». Aicher arbeitet als Toxikologe mit am OECD-Testrichtlinien-Programm, bei dem Standards für Tierversuche neu festgelegt werden. «Die Entwicklung in Richtung verfeinerter und weniger Tierversuche ist in vollem Gange, aber sie wird wohl weniger schnell kommen, als sich das viele wünschen», sagt Aicher.

Manche Tierversuche sind kaum ersetzbar

Es gibt verschiedene Gründe dafür, warum Tierversuche in vielen Bereichen nicht so einfach zu ersetzen sind. Bei der Medikamentenentwicklung müssten neue Stoffe statt zuerst am Tier, direkt am Menschen getestet werden.

Auch bei der Erforschung komplexer Abläufe, wie etwa einer Krebserkrankung, können Alternativen wie Zellkulturen oder im Labor gewachsene 3-D-Gewebemodelle, sogenannte Organoide, oft keinen Ersatz bieten. Erst in einer Ratte oder einem Hund kann der komplexe Verlauf der Krankheit erforscht werden, um dann Ansätze für eine Therapie oder neue Medikamente zu finden.

Und schliesslich entwickelt die Forschung immer wieder neue Technologien, wie etwa die Mobilfunk- oder die Nanotechnologie, die auch auf mögliche gesundheitliche Schädigungen überprüft werden müssen. Hier steht der Wunsch nach möglichst viel Sicherheit und der Wunsch nach möglichst wenig Tierversuchen oft im Widerspruch.

Wissenschaftsmagazin, 15.01.2022, 12:40 Uhr

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31 Kommentare

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  • Kommentar von daniel wismer  (yakman)
    Würden Tierversuchslabore "Tage der offenen Türen" einführen, würde wohl kaum jemand von uns mit nein stimmen. Bauern kriegen harte Sanktionen, wenn das Kuhläger 5cm zu klein ist-auf der anderen Seite schicken wir tausende Tiere jährlich in die Hölle: das ist schizophren. Es würde mich nicht wundern, wenn eines Tages heraus käme, dass das Covid-Virus aus einem chinesischen Tierversuchslabor stammte.... Wäre es nicht intelligenter, uns u.a. auf "Vorbeugen ist besser als Heilen" zu besinnen ?
  • Kommentar von Werner Vetterli  (KlingWe)
    Die Forschung hat nach eigener Meldung die Anzahl Tierversuche um 75% reduziert.
    Vorbildlich würde ich meinen, denn dies ohne Zwangsmassnahmen oder Gesetze.
    Wenn ich andere Wirtschaftsbereiche betrachte, erkenne ich keine so markante Reduzierung trotz Verboten, Gesetzen und finanziellen Strafen.
    Ich meine die Pharma-Forschung ist auf dem richtigen Weg.
  • Kommentar von Brigitte Sponchia  (Brigitte Sponchia)
    Die Frage, die sich mir stellt ist vielmehr, was sagen Tierversuche denn eigentlich aus über den menschlichen Körper und wie das jeweilige "erprobte " Medikament für Auswirkungen hat? Was sicher ist, ist, dass eine Medikament, erprobt an Affen, für Affen eine Aussage hat- mehr nicht. Ansonsten müssten ja keine Tests und Studien an Menschen anschliessend geführt werden. 95% der an Tieren erprobten Arzneien versagen am Menschen lt Ärzte gegen Tierversuche. Eine Quälerei für nichts
    1. Antwort von Pascal Odermatt  (PDOdermatt)
      Sie denken also Tierversuche überspringen und direkt am Mensch testen. Dann würden vmtl 99.9% Arzneien versagen, oder noch mehr. Kann man schon wollen, muss aber dann auch mit den Konsequenzen leben (oder dann eben halt nicht).
    2. Antwort von Brigitte Sponchia  (Brigitte Sponchia)
      @Odermatt..es gibt viel bessere Methoden als an Tieren zu prüfen. Das ist eine antiquierte Methode. Es widerspricht sich ja selber- wären diese Tierversuche so sicher, warum dann noch Tests an Menschen? Die Angst hat schon viel Fortschritt verhindert. Tierversuche hätte die Forschung weit gebracht, wird oft behauptet- so mancher Profi sagt auch, Tierversuche haben die Forschung verlangsamt, weil es eben zu oft in die Irre führt. Fragen Sie die Profis ausserhalb der Pharmaindustrie
    3. Antwort von Pascal Odermatt  (PDOdermatt)
      Per Zufall weiss ich von Profis ausserhalb der Pharma. In Tierversuchen geht es eher darum unsichere Chemikalien zu eliminieren als sichere zu bestimmen. Die Nutzen/Risikoabwägung basiert schlussendlich auf klinischen Studien. Tierversuche sind in der Tat aufwendig und zeitintensiv, da geht es auch nicht in 1. Linie um Geschwindigkeit, sondern um Sicherheit und Dosierung. Neue Methoden werden in Zukunft sicher einige Tierversuche obsolet machen, aber die Technologien sind noch in Entwicklung.
    4. Antwort von Mike Pünt  (Scientist)
      Mäuse sind keine Menschen. Das stimmt. Aber auch eine Maus hat blutgefässe, ein Herz, eine Blut-Hirn-Schranke, ein Immunsystem usw. Und all diese Systeme sind in der Funktion sehr ähnlich dem unseren (einfach viel kleiner). Darum geht es bei Tierversuchen.
      Und moderne Forschung dreht sich oft um neue Therapien. zB. Stammzelltherapie, Gentherapie, T-cell therapie und nicht nur um einfache Chemikalien die eingespritzt werden.
    5. Antwort von Mike Pünt  (Scientist)
      Es wird übrigens auch sehr viel Grundlagenforschung betrieben. Z.B zur funktion der Organe, von bestimmten Zellen im Organismus, dem Gehirn, Verdauungstrakt und so weiter. Diese Forschung kann man natürlich nicht an Menschen durchführen.