China hat zu grossen Durst

Industrie und Landwirtschaft haben in China so viel Wasser verbraucht, dass Flüsse vielerorts ausgetrocknet sind. Oder schwer verschmutzt. Dem Land geht das Wasser aus. Gewaltige Pipelines sollen Abhilfe schaffen. Doch wie lange geht das gut?

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Bildlegende: Dort, wo es am dringendsten gebraucht wird, ist das Wasser besonders knapp: in der Landwirtschaft im Norden Chinas. SRF

«Zweifache Quelle», «Breiter Kanal» – nur Strassennamen wie diese erinnern daran, dass Peking einst von 2000 Quellen umgeben war. Heute leidet die Stadt unter akutem Wassermangel. Das Flussbett des Yongding, einst eine wichtige Wasserquelle für die Hauptstadt, ist ausgetrocknet.

Verantwortlich dafür sind Landwirtschaft und Industrie. «Hunderte von Fabriken waren hier angesiedelt», erklärt Wang Jian, Pekinger Experte für Wasserressourcen. «Sie haben riesige Mengen Wasser verbraucht und Abwasser in den Fluss gelassen. Das hat zu starker Verschmutzung geführt und die Wasserknappheit verstärkt.»

Städte wie Peking wachsen rasant. Sie müssten eigentlich immer mehr Wasser zur Verfügung haben. Stattdessen aber ist das Gegenteil der Fall. Und das Problem zeigt sich mittlerweile auch in der Provinz.

«  Zuhause duschen kann niemand mehr. »

Dorfbewohnerin

In Hebei, nahe Peking, besucht das Wirtschaftsmagazin «ECO» Familien in einem Dorf am ausgetrockneten Yongding-Fluss. Sie haben nur ein Mal pro Tag für zwei Stunden Wasser. «Heute reicht das Wasser noch zum Trinken, zum Kochen und um das Geschirr zu waschen», sagt eine Dorfbewohnerin. «Zuhause duschen kann hier niemand mehr.»

Der Wassermangel verschärft sich auch wegen einer geografischen Begebenheit des Landes: Die grossen Wasserreservoirs Chinas sind vor allem im Süden zu finden. Doch die Hälfte der Bevölkerung und zwei Drittel der Landwirtschaft befinden sich im Norden.

Umstrittene Wasser-Pipelines

Hoffnungen ruhen auf Wasser-Pipelines. Sie sollen das Ungleichgewicht entschärfen. Noch in diesem Jahr soll eine Pipeline eröffnet werden, die Wasser über 1000 Kilometer vom Süden in den Norden transportiert. 300‘000 Menschen sind für das Projekt umgesiedelt worden.

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Bildlegende: 40 Prozent der chinesischen Flüsse führen Wasser, das weder geniess- noch brauchbar ist. SRF

Für Ma Jun vom unabhängigen Institute of Public & Environmental Affairs verschieben solche Projekte nur das Problem: «Wir haben Jahrzehnte lang nur auf die Ausweitung der Wasserversorgung gesetzt. Wir haben Dämme gebaut, haben tiefer und tiefer gebohrt, und jetzt transportieren wir Wasser vom Süden in den Norden.» Mit dem neuen Süd-Nord-Wasserkanal stosse man an die Grenzen. «Es ist höchste Zeit, dass China mit den bestehenden Wasservorkommen sorgsamer umgeht», so Ma Jun.

Das Umdenken aber findet in der chinesischen Gesellschaft nur langsam statt. Und nur in kleinen Schritten. Ein erster sind Führungen von Wasser-Fachmann Wang Jian in Peking. Jedes Wochenende erklärt er Menschen die Wasserversorgung der Stadt, und er führt ihnen die Konsequenzen des chinesischen Wasserverbrauchs vor Augen. Anhand dessen erklärt er, wie jeder Einzelne seinen Beitrag zur Schonung der Wasser-Ressourcen leisten kann – und muss.

Sendungsbeitrag zu diesem Artikel

  • Chinas Kampf um sauberes Wasser

    Aus ECO vom 3.11.2014

    Die Zahlen sind alarmierend: 40 Prozent des Wassers in den grössten Flüssen Chinas ist giftig, und unzählige Bachbette sind ausgetrocknet. Das hat happige finanzielle Folgen, der Wassermangel kostet China jedes Jahr 2 Prozent der Wirtschaftsleistung. Weil Grossstädte wie Peking ständig mehr Wasser benötigen, müssen Pipelines das kostbare Gut über Tausende Kilometer transportieren. Die chinesische Volkswirtschaft muss ihren Umgang mit Wasser grundlegend überdenken.