Zum Inhalt springen

Natur & Umwelt Euphorie und Krisenstimmung: Wissenschafts-Highlights 2015

Die Klima-Konferenz in Paris, eine Gen-Schere für Menschen, Tiere und Pflanzen, selbstfahrende Autos und Krisenstimmung bei Forschern – das Wissenschaftsjahr 2015 war turbulent. Die SRF2-Wissenschafts-Redaktion mit einem Rückblick auf vier Themen, die sie besonders wichtig findet.

Legende: Audio Euphorie und Krisenstimmung: Wissenschafts-Highlights 2015 abspielen.
25 min, aus Wissenschaftsmagazin vom 26.12.2015.

1. Klima-Abkommen: Furchtbarer Trip ins Ungewisse

Historisch – dieser Begriff fiel immer wieder nach Abschluss des neuen Klima-Abkommens am 12. Dezember in Paris. Historisch ist vor allem das neue Ziel, das sich die Weltgemeinschaft gegeben hat: statt die Erwärmung bei plus 2 Grad zu bremsen, will sie es schon bei plus 1,5 versuchen.

Eine Länderkoalition um die kleinen Inselstaaten hat sich für das 1,5-Grad-Ziel stark gemacht. Plus 2 Grad sei für die Inseln im Pazifik schlicht zu gefährlich. Es drohten der steigende Meeresspiegel, hohe und heftige Sturmfluten, abgestorbene Korallenriffe. Aber letztlich weiss man nicht, was eine Welt jenseits von 1,5-Grad für die Inselstaaten in petto hätte, sagte der Premierminister der Cook-Islands in Paris: «Wir haben enorm Angst. Alles über 1,5 Grad ist ein furchterregender Trip ins Ungewisse.»

Das 1,5 Gradziel wirft viele Fragen auf – auf welche die Wissenschaft kaum Antworten hat, weil sie sich bisher auf die 2-Grad-Limite konzentriert hat. Man habe die Forschung rund um ein 1,5-Gradziel verschlafen, hiess es auf dem Klimagipfel.

Um diese Fragen geht es:

  • Was bedeutet der Unterschied zwischen 1,5 Grad und 2 Grad für gefährdete Regionen tatsächlich?
  • Lässt sich die Erwärmung bei plus 1,5 Grad überhaupt noch stoppen? Bereits jetzt hat sie 1 Grad erreicht.
  • Wie ist die 1,5 Grad-Limite noch zu schaffen?

Die Antworten darauf werden bald kommen; die Forscher haben sich an die Arbeit gemacht. Ziemlich klar ist schon jetzt: Das 1,5-Grad-Ziel ist wohl nur zu schaffen, wenn man akzeptiert, dass die Temperatur die Grenze für einige Jahrzehnte überschreiten wird. Sobald die Technologien zur Verfügung stehen, wird man Kohlendioxid aus der Atmosphäre herausholen können, um die Temperatur zu senken. Einfach wird das nicht – auch das ist jetzt schon klar.

2. Ungebremst: Die Zunahme der Automobilität

Noch nie waren so viele selbstfahrende Autos auf den Strassen unterwegs wie 2015. An zahlreichen Orten der Welt fanden Tests mit autonomen Fahrzeugen statt, auch in der Schweiz, auf Zürcher Strassen. Generell ist eine rasche Zunahme an Computertechnik in Autos zu beobachten, welche die autonome Fahrweise überhaupt ermöglicht.

Erste (Serien-) Fahrzeuge sind bereits mit dem Internet verbunden. Ein Update des Fahrzeugcomputers ist dann ganz ohne Werkstattbesuch möglich – zum Beispiel, um eine Berg-Anfahrhilfe zu installieren, die speziell für den Schweizer Markt entwickelt wurde. Das birgt aber auch neue Risiken: Hacker können Sicherheitslücken ausnützen und im Extremfall sogar die Steuerung eines Fahrzeugs übernehmen, wie in den USA demonstriert wurde.

Durch die Computerisierung und die Vernetzung der Fahrzeuge mischen auch neue Player im Fahrzeugmarkt mit. Nicht nur grosse Suchmaschinenanbieter, sondern auch Telekomunternehmen. Viele dieser Trends sind schon länger zu beobachten, doch dieses Jahr waren die Veränderungen deutlich schneller als in früheren Jahren.

Trotz der ungebremsten Zunahme an Mobilität wurde diese allerdings kaum hinterfragt. Der Wunsch nach Mobilität, beziehungsweise ihre Notwendigkeit, wird als gegeben angeschaut, eine vertiefte Diskussion wäre hier wünschenswert.

3. Universelle Gen-Schere: Durchbruch oder Dammbruch?

Eine neue Gentechnik-Methode Namens CRISPR sorgte im Jahr 2015 für Furore. Sie verbreitete sich in Windeseile in den Labors weltweit und wirft ethisch brisante Fragen auf. Etwa: Darf sie auch an menschlichen Embryonen eingesetzt werden?

Mit der CRISPR-Technik lässt sich Erbgut so präzise und einfach schneiden wie nie zuvor. Entwickelt wurde die Methode zwar erst vor drei Jahren, doch sie wird schon breit eingesetzt. Für die grösste Diskussion sorgte im Frühling 2015 ein Experiment an der Universität von Guangzhou in China. Dort haben Forscher CRISPR verwendet, um Krankheitsgene von menschlichen Embryonen zu reparieren. Es handelte sich um Embryonen, die von vornherein nicht lebensfähig waren und vernichtet werden sollten. Trotzdem haben die Forscher damit eine ethische Linie überschritten.

Das chinesische Experiment löste eine weltweite Debatte in Wissenschaftler-Kreisen aus. Im Dezember trafen sich die wissenschaftlichen Akademien aus den USA, Grossbritannien und China in Washington zu einer Konferenz, um den verantwortungsvollen Umgang mit der neuen Technik zu diskutieren. Sie fordern weltweit eine bessere und harmonisierte Regulierung, um sicher zu stellen, dass CRISPR nicht verfrüht an Menschen eingesetzt wird ­– vor allem nicht an Embryonen.

Überlagert von dieser Ethik-Debatte werden die Anwendungen von CRISPR bei Tieren und Pflanzen. Diese sind ebenfalls aufsehenerregend. Zum Beispiel gelang es Forschern um den US-Genetiker George Church von der Harvard University bei Schweinen über 60 Gene gleichzeitig mit CRISPR verändern. Ihr Ziel ist es, Schweine als Organspender für Menschen zu züchten. Dafür müssen bestimmte Gene bei den Tieren ausgeschaltet werden etwa Viren-Gene, die für den Menschen gefährlich werden könnten.

Die Prognose? Von CRISPR werden wir noch viel hören.

4. Krisenstimmung: Was ist mit der Forschung los?

Das Jahr 2015 war wie schon lange nicht mehr ein Jahr der Selbstreflexion in der Wissenschaft. Denn sie hat ein Problem: Man muss nämlich davon ausgehen, dass ein beträchtlicher Teil der veröffentlichten Forschungsresultate falsch ist. Das liegt zum einen an zu kleinen Studien oder an schlechter Statistik beim Auswerten der Daten. Aber genau so problematisch ist das fehleranfällige Begutachtungssystem von Forschungsartikeln und dass meist nur aufsehenerregende Resultate veröffentlicht werden, die sich gut erzählen lassen, statt auch einmal solche, wo nichts herauskommt.

Das Rezept für bessere Forschung, glauben viele Wissenschaftler, ist mehr Transparenz und Kooperation. So sollen bereits die Forschungspläne veröffentlicht werden, damit sie überprüft werden können. Aber auch Rohdaten sollten allen zur Verfügung stehen – zum Nachrechnen.

Doch das läuft dem Wissenschaftsbetrieb entgegen, wo aufsehenerregende, überraschende und in hochrangingen Zeitschriften veröffentlichte Forschung für die wissenschaftliche Karriere entscheidend ist. Leider, so lehrt die Erfahrung, sind aber die überraschendsten Ergebnisse auch am wahrscheinlichsten falsch. Einige fordern deshalb: Die Welt brauche mehr langweilige Forschung.

Einige Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern ärgern sich allerdings bereits wieder über die Diskussionen rund um die Krise in der Wissenschaft. Man solle aufhören zu jammern und es einfach besser machen. Genau das würden abseits der öffentlichen Wahrnehmung nämlich schon sehr viele Forschende tun.

Wissenschafts-Quiz

Wissen Sie bescheid über die grössten Durchbrüche im Wissenschaftsjahr 2015? Im Quiz des Fachmagazins «Science» können Sie es testen.

Studien: Mehrzahl zweifelhaft

Brian Nosek hat das «reproducability project» lanciert. Dafür wurden hundert Studien aus der Psychologie nochmals durchführt. Resultat: Nur in einem Drittel der Fälle kam die Replikation einer Studie zum gleichen Resultat wie die Originalstudie. Das heisst, viele Studien halten einer Überprüfung einfach nicht stand.

3 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Teilen Sie Ihre Meinung... anwählen um einen Kommentar zu schreiben

Wir haben Ihren Kommentar erhalten und werden ihn nach Prüfung freischalten.

Einen Kommentar schreiben

Bitte beachten Sie unsere Netiquette verfügbar sind noch 500 Zeichen

Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.

  • Kommentar von Denise Casagrande, 8444 Henggart
    Selbstfahrende Autos: Was solll das bringen? Umweltfreundliche Motorfahrzeuge mit max. 120 km/h wären primär sinnvoll. Auf den absolut überfüllten A-Bahnen (hauptsächlich EinzelfahrerInnen unterwegs) wäre die Einführung eines Bussystems - stop and go - sehr sinnvoll und Verkehrsmindernd, ohne grosse Investition und Steuergeldverschwendung! Eine sinnvollere, fairere Strassenverkehrsgesetzgebung (Verhältnismässigkeit innerorts - ausserorts Geschwind.keitsübertretung - Gefährdung)wäre angezeigt.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen Antworten anwählen um auf den Kommentar zu antworten
    1. Antwort von Andrea Balmer, Aarau
      Selbstfahrend ist extrem sinnvoll (weil die Zeit anders genutzt werden kann). Gemäss BFS gibt es 3.8 mio Pendler in der Schweiz. Davon benutzen 53% das Auto (=2.014 mio). Sie sind pro Arbeitsweg 30 min unterwegs, 47 Wochen pro Jahr (=94.66 mio Stunden). Bei einem Medianlohn 6118 CHF brutto und durchschnittlich 1892 Jahresarbeitszeit entspricht dies UNGLAUBLICHEN 3.67 Milliarden CHF pro Jahr.
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
    2. Antwort von Daniel Kunz, Aarau
      Gute Frage - viel! 1. einiges an Energieersparnis, weil ein Computer vorausschauender und mit mehr Wissen zur Effizienz programmiert fahren kann. 2. Der Verkehrsfluss wird verbessert, Stau vermieden, weil wiederum vorausschauender und rücksichtsvoll gefahren würde. Stauverursacher sind nämlich oft die, die für den eigenen Vorteil drängeln, schnell beschleunigen, abbremsen etc. Antwort auf Ihre Frage?
      Ablehnen den Kommentar ablehnen