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Natur & Umwelt Grüner Sinnesrausch – die Intelligenz der Pflanzen

Sie sehen schön aus, wachsen kräftig und duften vielleicht auch gut. Aber wer würde schon soweit gehen, Pflanzen als intelligent zu bezeichnen? Der italienische Biologe Stefano Mancuso zweifelt keinen Moment daran. Sein flammendes Plädoyer ist nun in Buchform auf Deutsch erschienen.

Blüte einer Mimose
Legende: Lernfähige Pflanze: Der Mimose kann der Reflex abtrainiert werden, bei Gefahr ihre Blätter wegzuklappen. Imago

Ein unscheinbarer Bau an der Peripherie von Florenz ist die Wirkungsstätte eines der leidenschaftlichtsten Verfechter einer pflanzlichen Intelligenz. Wir sind zu Besuch bei Stefano Mancuso, Professor am Internationalen Institut für Neurobiologie der Pflanzen. Er forscht seit Jahren daran, wie Pflanzen auf ihre Umwelt reagieren.

Der Fürsprecher der Pflanzen

Buchcover des Buches von Mancuso
Legende: In seinem Buch beschreibt Mancuso, warum er überzeugt ist, dass Pflanzen eine Intelligenz haben. SRF

Pflanzen verfügen über alle Sinne, die Tiere und Mensch auch haben: Sie können sehen, hören, riechen, schmecken und tasten. Das ist aber längst nicht alles. Mancuso spricht sogar von mindestens 15 weiteren Sinnen, die uns die Pflanzen voraus haben. Sie können zum Beispiel die Schwerkraft berechnen oder chemische Stoffe analysieren. Sinnesorgane brauchen sie dafür keine – das ganze Gewächs kann Informationen aufnehmen und weitergeben. Am sensitivsten sind dabei die Wurzeln.

Wahrscheinlich ist dieser Vorsprung durch die unterschiedliche Evolution begründet. «Im Gegensatz zu Tieren können Pflanzen nicht flüchten, wenn sie bedroht werden», sagt Mancuso. «Sie müssen darum sehr viel früher wahrnehmen können, wenn sich in der Umgebung etwas verändert.»

Neurobiologie ohne Nervenzellen

Was Pflanzen alles wahrnehmen können und wie sie diese Möglichkeiten nutzen, daran forschen Mancuso und sein Team in Florenz. Es ist eine Art Verhaltensforschung der Pflanzen, die hier betrieben wird. Schon der Name des Instituts mit der Betonung auf die Neurobiologie spricht für sich, denn Pflanzen verfügen ja über keine Nervenzellen. Da lächelt Mancuso schelmisch und sagt: «Der Name ist auch ein wenig Provokation, klar. Aber der grosse Teil der pflanzlichen Zellen ist genauso in der Lage, elektrische Signale zu erzeugen und zu übertragen, wie die Nervenzellen der Tiere.» Dies gilt insbesondere für die Wurzeln.

Mit dieser Meinung ist Mancuso nicht allein. Bereits der grosse Evolutionsforscher Charles Darwin beschrieb, dass sich die Wurzelspitzen der Pflanzen verhielten, als hätten sie ein Gehirn. Nur haben sie das gar nicht nötig, denn die gesamte Pflanze ist sensitiv befähigt.

Legende: Video Bohne sucht nach Stange abspielen. Laufzeit 01:43 Minuten.
Aus Einstein vom 27.02.2015.

Stefano Mancuso zeigt das Video einer Bohnenranke im Zeitraffer (siehe links). Zielstrebig wächst sie in Richtung der einzigen Stange in ihrer Nähe. Offenbar kann sie diese «sehen». Wie genau, wissen auch die Forscher noch nicht, aber sie erklären es sich mit der pflanzlichen Fähigkeit, verschiedene Qualitäten von Licht wahrnehmen zu können. In einem weiteren Versuch ist es gelungen, Mimosen ihr schreckhaftes Verhaltensmuster, ihre Blätter bei Berührung einzuklappen, abzutrainieren.

Bis noch vor kurzer Zeit galt es sogar als verpönt, bei Pflanzen überhaupt von Verhalten zu sprechen.

All diese Erkenntnisse sind für Mancuso Beweis genug: Pflanzen verhalten sich nicht nur, sondern sie sind lernfähig. Von da ist es bis zur Intelligenz nur noch ein kleiner Schritt. Damit greift er in ein Wespennest. Bei vielen Biologen gilt ein solcher Schluss unseriös. Doch Mancuso lässt sich davon nicht irritieren: «Bis noch vor kurzer Zeit galt es sogar als verpönt, bei Pflanzen überhaupt von Verhalten zu sprechen».

Pflanzen anstatt teurer Geräte

Heute sind Pflanzen dem Ruf der «passiven Wachstumsroboter» längst entwachsen. Stefano Mancuso glaubt, dass wir noch viel mehr von den Pflanzen lernen könnten. «Würden wir uns mehr von den Pflanzen inspirieren lassen, könnten wir zu völlig anderen Modellen gelangen. Weil sie kein Kommandozentrum haben, wie wir unser Gehirn, stehen sie für eine verteilte Intelligenz. Ihre Funktionen sind auf den ganzen Körper verteilt.»

Vielleicht gibt es also in Zukunft Roboter, die Pflanzen nachempfunden sind. Pflanzen könnten anstelle teurer Geräte Gifte im Boden oder in der Luft erkennen und vor drohenden Umweltkatastrophen warnen – Ansporn genug für den leidenschaftlichen Professore aus Florenz, weiter seine ganzen Sinne der Erforschung der wundersamen Pflanzenwelt zu widmen.

Legende: Video Konkurrenz von Bohnenpflanzen abspielen. Laufzeit 00:46 Minuten.
Aus Einstein vom 27.02.2015.

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