Klimafreundlicher Beton aus Che Guevaras Zementwerk

Die Weltgemeinschaft verhandelt in Lima über einen neuen Klimavertrag. Er soll die Erderwärmung abbremsen – aber dafür braucht es wirksamere Massnahmen als bisher. Eine davon könnte ein klimafreundlicher Zement sein. Die Erfindung stammt ausgerechnet aus dem kriselnden Kuba.

Fernando Martireno mit zwei Mitarbeitern im Zementwerk Siguaney. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Fernando Martireno (Mi.) und zwei Mitarbeiter vor einem Drehofen: Hier, im Zementwerk Siguaney, wurde zum ersten Mal eine Testmenge des klimafreundlichen LC3-Zements hergestellt. SRF/Thomas Häusler

Zementspezialist Fernando Martireno steht am Ende einer kolossalen Röhre. Sie ist über 100 Meter lang, und so dick, dass ein Mensch leicht darin stehen könnte. Darin wird Kalk gebrannt, ein zentraler Bestandteil von Zement.

Das Ungetüm ist zur Wartung gerade geöffnet. Am einen Ende ist eine riesige Düse zu sehen, durch die im Betrieb Erdöl schiesst. Die Flamme erhitzt den Ofen auf 1500 Grad. «Für jede Tonne Zement werden 800 Kilogramm CO2 emittiert. Das ist ein ganz brutaler Prozess», sagt Fernando Martireno, «aber überall auf der Welt ist es genau dasselbe. Ein sehr energieintensiver Prozess.»

Hier im kubanischen Zementwerk Siguaney ist der Prozess noch etwas energieintensiver als anderswo, denn das Werk ist über 50 Jahre alt. Den Bauentscheid unterzeichnete kurz nach der Revolution 1959 ein gewisser Ernesto Che Guevara, damals Industrieminister Kubas, erzählt Martirena.

Not macht erfinderisch

Weil bei der Produktion so viel Energie gebraucht wird, tragen Zement und der Beton, der damit hergestellt wird, massgeblich zum weltweiten CO2-Ausstoss bei – etwa acht Prozent.

Das CO2 entsteht beim Verbrennen des Heizöls und weil der erhitzte Kalk direkt CO2 abgibt. Zwar hat die Industrie den Zement bereits klimafreundlicher gemacht, indem sie Teile des gebrannten Kalks durch andere Stoffe ersetzt hat. Aber das Maximum schien erreicht – bis 1991 die Sowjetunion zusammenbrach und Kuba deswegen plötzlich 75 Prozent weniger exportieren konnte, erzählt Ferdinando Martirena: «Wir haben damals eine ganz tiefe Krise erfahren. Wir haben damals innerhalb von sechs Monaten fast zwei Drittel der Energie verloren».

Die Not machte den Professor von der Universidad Marta Abreu im kubanischen Santa Clara erfinderisch: Er begab sich auf die Suche nach Materialien, die noch mehr gebrannten Kalk im Zement ersetzen könnten – und er wurde fündig. In seinem Zement-Rezept kommen gebrannte Tonerde und gemahlener Kalk dazu. Der Ton muss nur bei halber Hitze gebrannt werden und der gemahlene Kalk gar nicht. Das spart Unmengen an Heizöl und der Ton gibt beim Brennen kein CO2 ab. Bis zu 30 Prozent konnten die Emissionen so reduziert werden.

Kubanisch-Schweizerische Zusammenarbeit

Mit diesem Resultat aus dem Labor kontaktierte Martireno Zementforscher von der ETH Lausanne. Es begann eine höchst erfolgreiche Zusammenarbeit. Die Gruppe beschloss, dass Martireno seinen so genannten LC3-Zement für einen Praxistest in einer Zementfabrik herstellen sollte.

Che Guevaras uraltes Werk Siguaney erklärte sich damit einverstanden. Aus Schweizer Sicht entpuppte sich der Versuch als Herausforderung: «Ungefähr nach einem Tag sind die Isolationsschichten von dem Ofen heruntergefallen, das war ein absolutes Drama», erinnert sich Jerôme Laffely von der ETH Lausanne. Doch das kubanische Team schaffte es, im Werk Siguaney 200 Tonnen LC3-Zement zu produzieren.

Karibische Folterkammer

Wie gut er ist, testet das Team an der Nordküste Kubas. Auf einer Plattform im Meer liegen grosse Betonwürfel – hergestellt mit LC3-Zement. »Die Bedingungen hier sind sehr aggressiv. Das Chlorid, das Wasser, die Feuchtigkeit sind super – eine richtige Beton-Folterkammer«, erklärt Martireno.

Fernando Martireno und ein Kollege betrachten mehrere Zement-Blöcke an der Küste. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Höllische Bedingungen: Das harsche Umfeld an der Nordküste Kubas ist perfekt, um die Verwitterungs-Festigkeit des Zements zu testen. SRF/Thomas Häusler

Noch laufen die Tests in der karibischen Folterkammer, aber Labortests zeigen jetzt schon: Beton aus LC3-Zement könnte sogar dauerhafter sein als herkömmlicher. Und weil die Probeherstellung im Uraltwerk Siguaney alles andere als ideal war, können die Forscher der Zementindustrie nun versichern, dass sich ihr Öko-Zement auch unter schwierigen Bedingungen in Schwellenländern herstellen lässt.

Und das ist genau der Markt, den das Team anpeilt. Denn dort ist der Bedarf enorm: Indien, China und Brasilien teilen sich zurzeit 84 Prozent der weltweiten Zementproduktion. Wenn diese drei Länder zu einem Drittel auf den Ökozement umstellen würden, liesse sich Jahr für Jahr so viel CO2 einsparen, wie es ganz Grossbritannien ausstösst.

Der Anfang ist gemacht

Mit Indien arbeitet das kubanisch-schweizerische Team bereits erfolgreich zusammen. Geld für diese Kooperation steuert die schweizerische Entwicklungshilfe-Agentur Deza bei. Auch aus China kommt Interesse, aus Thailand und Brasilien. Es sieht so aus, als könnte das alte Zementwerk Che Guevaras am Anfang von etwas ganz Grossem stehen.