Wassermangel im Gletscher-Paradies

In Peru finden sich 70 Prozent der tropischen Gletscher. Dennoch droht den Menschen in den Anden Wasserknappheit, denn die Gletscher schmelzen. Ein von der Schweiz unterstütztes Projekt soll helfen.

Zwei Frauen sitzen auf einem Berg mit Blick ins Tal, im Hintergrund der Hualcan-Gletscher. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Blick auf den Hualcan-Gletscher: Die Eisfelder in Peru sind Trinkwasserquelle für Millionen von Menschen, doch immer mehr Gletscher verschwinden. Reuters

Zahlreiche Bäche fliessen von den hohen Andengipfeln ins Tal. Scheinbar unerschöpflich liefern mächtige Gletscher Nachschub. Es mutet absurd an angesichts all der Gletscher, Bergseen und Bäche – aber die Bauern im Tal leiden an Wassermangel. Das hat vor kurzem eine Studie gezeigt, die von der Entwicklungsorganisation Care und der Universität Zürich durchgeführt wurde. Das Gemeinschafts-Projekt soll helfen, dass die Bewohner der Anden auf die schädlichen Auswirkungen des Klimawandels reagieren können.

Streit um das Wasser

«In den letzten 30 Jahren hat Peru bereits 40 Prozent seiner Gletscherfläche verloren», sagt der Glaziologe Christian Huggel, der Leiter des Projekts. Zur Anschauung fährt er zu einer Stelle auf 3700 Metern Höhe. Dort entnimmt die Stadt Carhuaz, die unten im Haupttal liegt, aus einem Bergbach ihr Trinkwasser. Doch das gefällt den Bauern nicht.

Wassermangel in Peru

4:28 min, aus Wissenschaftsmagazin vom 04.12.2014

«Es gibt bereits Konflikte, wie man mit dem Wasser umgeht», sagt Huggel, «die Bauern hier sind besorgt, dass die Stadt zu viel Wasser entnimmt.» Dann könnte zu wenig Wasser für die Bewässerung der Felder, die Tiere oder den Haushalt übrig bleiben. Das halbe Jahr über herrscht Trockenheit, zu dieser Zeit sind die Bergbauern besonders auf das Gletscherwasser angewiesen. Mancherorts ist es bereits knapp, und mit dem weiteren Abschmelzen der Gletscher könnte sich die Situation noch verschärfen.

Mit schädlichen Mineralien belastet

Einige Täler weiter, im Dorf Ollerus, leiden die Bauern bereits unter dem Wassermangel, berichtet Amelia Saenz. Sie verkauft Getränke auf dem Dorfplatz. Das Trinkwasser im Dorf kommt per Leitung von einer Fassung weit oben am Berg. Dieses Wasser sei kostbar, erzählt Saenz, selbst für die Bewässerung der Kartoffeläcker und Maisfelder sei es viel zu knapp. Zwar fliesse am Dorf ein Bach vorbei, doch er ist seit einigen Jahren mit schädlichen Mineralien belastet. Sein Wasser töte die Pflanzen ab, es sei zu nichts zu gebrauchen.

Die Dorfbewohner geben einer Mine weiter oben am Berg die Schuld dafür. Untersucht hat das bisher jedoch niemand. Wissenschaftler haben Hinweise dafür gefunden, dass eine solche Verschmutzung auch durch den Rückzug der Gletscher auftreten kann: Das abschmelzende Eis gibt Gestein frei, dessen Verwitterung die schädlichen Mineralien freisetzt.

Noch viel Sparpotenzial

Der Wassermangel muss so oder so bekämpft werden, sagt Christian Huggel. Er und die Mitarbeiter von Care setzen dafür bei den Bauern an. Sie können noch viel Wasser sparen. «Häufig überfluten die Bauern ihre Felder noch, oder die Kanäle werden einfach in den Boden gegraben, ein grosser Wasser-Verlust ist die Folge. Wenn man da zum Beispiel mit Röhren oder mit Tröpfchen-Bewässerung arbeiten würde, wäre noch viel heraus zu holen», ist Glaziologe Huggel überzeugt.

Zu sehen ist solch eine Bewässerungsanlage auf der kleinen Pflanzung von Roque Ramirez Gomez. Umgeben von Mauern aus Lehmziegeln wachsen hier Mais, Spinat, Salat und Heilpflanzen. Gomez hat mithilfe des Projekts eine sparsame Bewässerung installiert. Kleine Düsen geben direkt über den Pflanzen einen feinen Wassernebel ab. Künftig werde es wohl noch weniger Wasser geben, und so sei er froh, dass er nun diese sparsame Anlage besitze, erzählt der Kleinbauer.

Im Hintergrund der Hualcan-Gletscher, der den türkisblauen See im Vordergrund speist. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Die Idylle trügt: Wenn durch die Schmelze eine Eiswelle vom Hualcan-Gletscher in den See 513 rutscht, sind ganze Dörfer in Gefahr. Christian Huggel.

Es geht nicht von heute auf morgen

Viele seiner Nachbarn sind seinem Beispiel noch nicht gefolgt – auch wenn ihnen das schweizerisch-peruanische Projekt bei der Finanzierung helfen würde. Um Wasser zu sparen brauche es nicht nur Technik, man müsse auch das Vertrauen der Menschen gewinnen, weiss Christian Huggel. Und das geht nicht von heute auf morgen.

Eine weitere Hilfe im Kampf gegen den Wassermangel orten die Forscher hoch oben am Berg Hualcan. Dort liegt in einer Felsmulde ein See, den das schmelzende Eis eines zurückweichenden Gletschers nährt. Künftig soll ein künstlicher Abflusstunnel diesen Wasserspeicher anzapfen. In der Feuchtzeit soll der See gefüllt werden und in der Trockenzeit kann das Wasser abgelassen werden. «Vielleicht braucht es in Zukunft noch mehr solcher Reservoir-Seen», sagt Glaziologe Huggel. Damit Peru die Probleme meistern kann, die der Klimawandel mit sich bringt, wird ein Lösungsansatz allein wohl nicht reichen.