Wie viel Mensch verträgt die Erde?

Unsere Lebensweise verändert tagtäglich das Gesicht der Erde. Wir roden Wald, überbauen Boden, verbreiten zahlreiche Schadstoffe in der Umwelt. Wie viel davon verträgt die Erde noch? Die so genannte Belastbarkeits-Forschung versucht, klare Grenzen anzugeben. Doch das ist einfacher gesagt als getan.

Eine Ampel vor einer Rauchfahrne aus dem Schornstein eines Kraftwerks. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Klare Signale: Mit einem optischen Warnsystem wollen Forscher aufzeigen, ab wann welcher Umweltfaktor kritisch wird. Imago

Das Forschungszentrum «Stockholm Resilience Centre» mit über hundert Mitarbeitern an der Universität Stockholm befasst sich mit der Frage, wie wir unseren Planeten erhalten können. Und zwar so erhalten, dass für neun bis zehn Milliarden Menschen gute Lebensbedingungen herrschten, sagt Johan Rockström, der Leiter des Zentrums. Es sei eine ethische Verantwortung zu schauen, dass sich die Umweltbedingungen nicht zu stark veränderten.

«Verbleiben im Holozän» nennt Rockström das Ziel, also das Beibehalten von Umweltbedingungen, wie sie seit der letzten Eiszeit herrschen, der Würm-Eiszeit. Nur von diesen Bedingungen wüssten wir auf sicher, dass sie die menschliche Gesellschaft zu tragen vermögen.

2 von 9 am wichtigsten

Der schwedische Forscher und sein Team haben neun verschiedene Themenbereiche identifiziert, die für den Erhalt dieser Umweltbedingungen am wichtigsten sind. Und in jedem dieser Themenbereiche auch die Grenzen angegeben, wie weit die Menschheit noch gehen könnte. Wie stark die Meere noch versauern dürfen oder wie dick die Ozonschicht sein muss.

Doch zuoberst in der Hierarchie dieser neun Grenzen stehen klar die Klimaveränderung und die Artenvielfalt. Sie sind laut den Fachleuten die Folgen von mehreren anderen Grenzen, wie der Verfügbarkeit von Nährstoffen wie Stickstoff und Phosphor – oder auch der Abholzung und sonstigen Umnutzung von Landflächen.

Porträtfoto von Johan Rockström, Leiter des Stockholm Resilience Center. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Forschung an Umweltrisiken: Johan Rockström, Leiter des Stockhokm Resilience Center. Wikimedia Commons/ Janwikifoto / Science

Wo sind die Limits wirklich?

Die grosse Schwierigkeit ist nun, diese Grenzen tatsächlich festzulegen. Johan Rockström tut dies mit klaren Zahlen und einem Ampelsystem: grün – gelb – rot. Zum Beispiel beim Klima: Unter 350ppm (Teile pro Million) CO2 in der Luft ist alles im grünen Bereich.

Diese Schwelle wurde bereits im Jahr 1988 überschritten; seitdem sind wir im gelben Bereich. Dieser reicht noch bis 450ppm CO2 – aktuell sind wir bei knapp 400ppm, wie auch eine Messreihe auf dem Mauna Loa in Hawaii zeigt. Danach folgt der rote Bereich.

Globales Warnsystem als Ziel

Grün heisst bei Rockström: alles gut, so soll es bleiben. Gelb bedeutet: zunehmendes Risiko von negativen Auswirkungen. Und rot: Gefahr, hohes Risiko für drastische Ereignisse. Die Biodiversität ist beispielsweise im roten Bereich. Aber auch wenn ein Kriterium im roten Bereich liegt: Die Erde wird nicht gleich zusammenbrechen, so Rockström. Das Ziel seiner Arbeit sei aufzuzeigen, dass es ab einem gewissen Punkt kein Zurück mehr gebe; unumkehrbare Prozesse würden in Gang gesetzt. Ein Beispiel dafür wäre das Abschmelzen des Grönländischen Eisschildes.

Das einfache Modell ist dazu gedacht, Politikern und Wirtschaftsführern als Entscheidungsgrundlage zu dienen und stösst auf breites Interesse: Diverse Artikel in Fachzeitschriften zeugen davon und weltweit hält Rockström Vorträge, wie kürzlich am Weltwirtschaftsforum in Davos.

Verlockend, aber kaum zu beweisen

Doch es gibt auch Kritik, insbesondere aus der Wissenschaftsgemeinde: Seine Darstellungen seien zu einfach. Reto Knutti, Klimaforscher und Professor an der ETH Zürich und Mitautor des aktuellen Klimaberichts zu Handen des Weltklimarates, findet die Idee zwar grundsätzlich interessant. Doch er gibt zu bedenken, dass es nicht wirklich klar sei, wo diese Grenzen für den menschlichen Einfluss liegen.

Die Grenzen des Planeten

6:00 min, aus Wissenschaftsmagazin vom 07.02.2015

Gerade beim Klima: Es gäbe keine magische Schwelle, so Knutti, ab der man sagen könne, nun gibt es eine Katastrophe. Die Auswirkungen würden einfach immer dramatischer, je weiter man gehe. Zwar könnten unumkehrbare Prozesse wie das Abschmelzen des Eises in Grönland in Gang gesetzt werden – trotzdem sei bei solchen Prozessen noch vieles unklar. Und mit Katastrophenszenarien Angst zu schüren, so Knutti, sei nicht angezeigt.

In einem Punkt sind sich die beiden Forscher freilich einig: Die Wissenschaft habe genug Beweise geliefert; es sei klar, dass gehandelt werden müsse. Sei es beim Artenschwund oder beim Klima. Insofern sind sie beide auf die Klimakonferenz Ende Jahr in Paris sehr gespannt. Dort soll ein für alle Staaten verbindliches Klimaabkommen ausgehandelt werden – für die Zeit nach dem Kyoto Protokoll ab dem Jahr 2020.