Auf leisen Sohlen zurück in die Schweiz

Früher galten Wildkatzen als blutrünstige Bestien, die Jägern ihre Beute streitig machten und sie gar in Gefahr bringen konnten. Sie wurden gejagt bis zur Ausrottung. Doch die alte Feindschaft ist begraben und die Wildkatze zurück. Nun droht ihr neues Unheil – durch die Vermischung mit Hauskatzen.

Eine fauchende Wildkatze Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Fauchende Furie: Wildkatzen sind scheue Einzelgänger, die die Nähe von Menschen nicht mögen. SRF

Wildkatzen sehen niedlich aus mit ihrem buschigen Schwanz, der schönen Maserung, dem rosafarbenen Stupsnäschen. Eigentlich genau wie unsere Büsi. Sie jedoch anfassen, gar streicheln? Das würde eine Wildkatze niemals zulassen. Im Gegenteil: Wenn sie sich bedroht fühlt, wird sie zur Furie. «Wenn eine Mutter ihre Jungen verteidigt, kann sie einen sogar spitalreif schlagen», sagt Marianne Hartmann, Wildkatzenforscherin mit einer eigenen Forschungsstation am Zürcher Albis. Wildkatzen sind unzähmbar. Selbst wenn sie von Menschen erzogen werden.

Kopf einer Wildkatze. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Sieht zahmer aus, als sie ist: Wildkatzen sehen aus wie Stubentiger, doch im Verhalten ähneln sie eher Leoparden. SRF

Freiwillig würden die scheuen Raubtiere jedoch nicht die Nähe zum Menschen suchen. Ganz selten nur bekommt man eine Wildkatze zu Gesicht. Die Einzelgänger leben zurückgezogen in Wäldern, fern von menschlichen Siedlungen. Ganz im Gegenteil zu ihren domestizierten Verwandten, den Hauskatzen, die vor rund 2000 Jahren von den Römern nach Europa gebracht wurden. Sie sind bestens an das Leben mit dem Menschen angepasst. Auch verwildert leben sie immer in der Nähe menschlicher Siedlungen, der Basis ihrer Ernährung und Fortpflanzung.

Zum Abschuss freigegeben

Mit dem Menschen hat die europäische Wildkatze keine guten Erfahrungen gemacht. Er hatte sie im 18. und 19. Jahrhundert in ganz Europa so gut wie ausgerottet. Nachdem er seinen Nahrungs-Konkurrenten Wolf, Luchs und Bär bereits den Garaus gemacht hatte, wurde auch die Wildkatze zum Abschuss freigegeben. Ihr wurde angedichtet, ein blutgieriger Schädling zu sein. Dass sie Jungwild reisse und selbst Menschen anfallen könne. Als klar wurde, dass sich die harmlose Mäusejägerin ausschliesslich von Nagern ernährt und keine Bedrohung ist, war es bereits zu spät.

Woran erkenne ich eine Wildkatze? Marianne Hartmann erklärt's.

0:57 min, vom 16.10.2013

Heute befindet sich die Wildkatze auf der Roten Liste der gefährdeten Arten. Und genau wie Luchs, Wolf und Bär, ist auch sie zurück in Europa, obwohl niemand damit gerechnet hat. In den letzten Jahrzehnten hat sie den Schweizer Jura wieder besiedelt; etwa 450 bis 900 Tiere leben laut Bafu auf einer Fläche von rund 600 Quadratkilometern. Bis zu 10 Quadratkilometer gross muss das Revier einer männlichen Wildkatze – eines Kuders – sein. Je nach Essensangebot.

Gefahr von einer nahen Verwandten

Von den Wildhütern droht den Wildkatzen heute keine Gefahr mehr; die sind froh, dass das Raubtier zurück ist. Doch die Wildkatze breitet sich aus und trifft so auch immer häufiger auf verwilderte Hauskatzen, mit denen sie sich paart. Wissenschaftler vermuten, dass die Wildkatze durch die genetische Vermischung lebenswichtige Fähigkeiten verlieren könnte. «Wir schauen das eher kritisch an», sagt Katzenforscherin Marianne Hartmann. «Wildkatzen beispielsweise sind perfekt ans Klima angepasst. Im Winter nehmen sie bis zu 50 Prozent an Gewicht zu und bekommen ein ganz dickes Fell. Hauskatzen haben diese Anpassung wenig bis gar nicht». Im schlimmsten Fall, befürchtet sie, könnte die Wildkatze sogar aussterben.

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Wildkatzen im Jura

Wildkatzen brauchen ausgedehnte Wälder und auch im Winter die Möglichkeit, Mäuse zu jagen, die sie unter der Schneedecke finden müssen. In den Alpen ist der Schnee zu hoch, der Winter zu hart. Im Jura finden die Wildkatzen auch in harten Wintern einen Südhang, wo sie die kleinen Nager zum Überleben finden.

Um das näher zu untersuchen, hat die Biologin Beatrice Nussberger den Genpool der Wildkatzen im französisch-schweizerischen Jura genau untersucht. Sie hat festgestellt, dass bereits 20 Prozent der Wildkatzen mit Hauskatzen vermischt – Wissenschaftler sprechen von hybridisiert – sind. Was genau das für die Wildkatze bedeutet, ob die Hybridisierung schädlich ist oder der Wildkatze vielleicht sogar nützt, ist jedoch noch nicht klar.

Strassen und Freizeitsportler vermeiden

Dennoch plädieren viele Wissenschaftler dafür, die Wildkatzen bereits jetzt zu schützen. So werden Massenkastrationen von wilden Hauskatzen vorgenommen, deren Zahl stetig zunimmt, wie «Einstein» berichtet. Aber auch der Lebensraum der Wildkatzen soll erhalten bleiben und nicht durch Strassen zerschnitten oder Freizeitsportler gestört werden. Wenn Wildkatzen viel Raum haben, um sich zu vermehren, so die Hoffnung, könnte die Vermischung auf natürliche Weise gebremst werden. Noch einmal soll die Wildkatze nicht aussterben. Und diesmal hat sie auch die Wildhüter auf ihrer Seite.

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