Berner Klimaforscher fordern zusätzliche Ziele

Beim Klimaschutz haben sich die meisten Länder aufs sogenannte 2-Grad-Ziel geeinigt. Ob dieses Ziel je erreicht wird, ist offen. Doch klar ist für Experten: Das 2-Grad-Ziel reicht bei weitem nicht, um unseren Planeten zu schützen. Dazu braucht es laut einer neuen Studie weitere Ziele.

Rauch steigt aus den Schornsteinen der Belchatow-Anlage, dem grössten Kohlekraftwerk in Europa. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Klimafaktor CO2: Das Kohlekraftwerk Bełchatów in Polen entlässt jährlich Millionen Tonnen Kohlendioxid in die Atmosphäre. Reuters

Bis zur Mitte des Jahrhunderts muss die Welt ihren CO2-Ausstoss halbieren. Das verlangt das 2-Grad-Ziel. Demnach dürfen Treibhausgase die globale Temperatur nicht stärker erwärmen als zwei Grad im Vergleich zur vorindustriellen Zeit. Hinter diesem Klimaziel steht nach vielen zähen Verhandlungen die Mehrheit der Regierungen der Welt.

Klimaziele auch für Land und Meer

Allerdings zeigt nun eine Berner Forschungsgruppe in der Fachzeitschrift «Nature» auf, dass dieses eine Ziel nicht genügt, um die schlimmsten Folgen des Klimawandels abzuwenden. «Das kann nur gelingen, wenn wir das Klimasystem mit einem gesamtheitlichen Ansatz betrachten statt reduziert aufs 2-Grad-Ziel», sagt Klimaphysiker Fortunat Joos von der Universität Bern.

Eine Weltkarte, die mit sechs Klimazielen beschriftet, die Berner Forscher vorschlagen, Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Sechs Klimaziele: Die Berner Forscher schlagen konkrete Kriterien vor, um den Folgen des Klimawandels zu begegnen. Uni Bern/Kratochvil, Hopcroft (UAF/NOAA), Earnest, Lobell (Stanford), Hastings-Trew

Damit der Planet Erde sauber und fruchtbar bleibt, müsse sich die Welt daher auf zusätzliche Klimaziele einigen. Das Forschungsteam mit Marco Steinacher, Joos und Thomas Stocker schreibt im Fachmagazin «Nature», dass etwa auch der Anstieg des Meeresspiegels, die Versauerung der Ozeane und der Verlust an hochwertigen Landwirtschaftsflächen zu begrenzen sei.

CO2-Ausstoss massiv senken

Was diese Erweiterung der Ziele für den Ausstoss von Klimagasen heisst, haben die Forscher erstmals berechnet, mit einem Klimamodell, das Energie- und Stoffbilanzen in der Luft, in den Ozeanen und auf dem Land berechnen kann. Fazit: «Wenn wir alle Ziele erfüllen möchten, müssen die Emissionen von CO2 deutlich tiefer sein als nur mit dem 2-Grad-Ziel», so Joos.

Bis zu 50 Prozent tiefer als heute angestrebt müsste der CO2-Ausstoss sein, um auch die bisher unberücksichtigten Nebenwirkungen des Klimawandels einzugrenzen. Vor allem, um die Versauerung der Ozeane zu stoppen, die Korallenriffe und Schalen-Tiere schädigt, müsste der CO2-Ausstoss massiv reduziert werden. Die Modellrechnungen der Forscher haben nämlich gezeigt: Auch bei mehreren statt nur einem Klimaziel bleibt der Ausstoss des Treibhausgases CO2 hauptverantwortlich für diese Umweltveränderungen. Andere Klimagase fallen weniger ins Gewicht.

Strenge Ziele – harzige Umsetzung

Nach der neuen Klimastudie müssten sich die heutigen CO2-Vorgaben also massiv verschärfen. Ist das realistisch? Die auf Klimapolitik spezialisierte Nationalrätin Kathy Riklin sagte gegenüber Radio SRF: «Die Studie macht klare Vorgaben. Sie zeigt, dass es nicht genügt, was wir heute geplant haben und dass wir den CO2-Ausstoss künftig breiter eindämmen müssen. Die Wissenschaft darf strenge Ziele vorgeben. Ob sie die Politik dann aber auch umsetzt, das ist die zweite Frage.»

Diese zweite Frage ist und bleibt eine Knacknuss, wie sich gerade wieder gezeigt hat. Gestern Mittwoch hat der Bund angekündigt, die CO2-Abgabe auf Brennstoffe werde 2014 erhöht. Der Grund: Die Schweiz hat ihre CO2-Verminderungsziele im vergangenen Jahr verfehlt.