Winterhilfe für Sommervögel: Metamorphose auf dem Balkon

Statt Raupen den Vögeln zu überlassen, liest eine Zürcherin die Tiere auf und gewährt ihnen Obdach auf dem Balkon. Dank ihrer Sachkunde und jahrelangen Erfahrung durchleben die Gäste bis zum Frühjahr die Stadien der Metamorphose. Bis es Zeit für den Abschied ist.

Es begann vor 25 Jahren: Kathrin Hunziker entdeckte am Strassenrand Dutzende Raupen in Brennnessel-Stauden, die abgemäht auf dem Boden lagen – ein gefundenes Fressen für Vögel. Die Bauerntochter begann auf ihren Streifzügen gefährdete Tiere einzusammeln. «Ich habe kapiert, dass ich ihnen helfen kann», erzählt sie. Seit diesem Erlebnis hat Hunziker Hunderte von Raupen auf ihrem Balkon-Vorplatz Gastrecht gewährt.

Vollpension für Raupen

Als erstes entrümpelte die ehemalige Buchhändlerin ihren Balkonvorplatz und zimmerte Holzkisten, die sie mit Tüll zudeckte, um die Tiere vor Vögeln und Parasiten zu schützen. Nach und nach bevölkerte sie die Behausungen mit Raupen in allen Wachstumsstadien: von der schwarzen «Babyraupe» des Schwalbenschwanzes bis zur vier Zentimeter langen ausgewachsenen Zitronenfalter-Raupe, die kurz vor der Verpuppung stand – alle fanden Platz.

Ihren kleinen Garten in Oberengstringen liess sie gezielt verwildern und pflanzte zusätzlich Wilde Möhren und Spitzwegerich – zusammen mit Dill und Fenchelkraut die ideale «Vollpension» für die Schwalbenschwanz-Raupen. Und die Brennnessel, über die sich Hunziker schon so oft geärgert hatte, durfte stehenbleiben: Sie ist die Leibspeise der Tagpfauenaugen-Raupe. Die Fütterung der Vielfrasse, die für ihre Metamorphose zum Schmetterling ein Energie-Depot brauchen, war gewährleistet.

Lebensraum für fliegende Hotelgäste

«Es geht mir nicht nur darum, dass es von einigen Schmetterlingsarten ein paar Expemplare mehr hat», sagt Hunziker, «ich möchte auch Lebensraum neu erschaffen, indem ich die Pflanzenvielfalt wachsen lasse, die unsere Raupen brauchen, um überhaupt Sommervögel werden zu können.»

Jede gesammelte Raupe, alle Puppen und jeder erfolgreich geschlüpfte Schmetterling: Hunziker bestimmt ihre Arten, zählt sie und dokumentiert ihre «Verwandlungsreise» fotografisch (siehe Fotogalerie). Und sie hält fest, wenn statt eines Falters die Made einer Fliege schlüpft, weil ein Parasit ein Ei in die Raupe gelegt hat – auch das gehört zu ihrem Handwerk.

Abschied und Hoffnung auf Wiedersehen

Manche Schmetterlinge kommen verkrüppelt zur Welt, andere schaffen die Metamorphose nicht: «Wenn einer aber die Flügel auffaltet und nach zwei, drei Stunden losfliegt, bin ich glücklich», sagt Kathrin Hunziker. Und verschmitzt fügt sie hinzu: «Hoffentlich findet er meinen Garten wieder.»

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