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Die Geschichte hinter «.ch» «Doch nicht alles verkackt»: So kam das Internet in die Schweiz

Die PTT verschlief das Internet, zwei ETH-Forscher holten es ins Land: Die «Väter des Schweizer Internets» erinnern sich.

Es ist der 20. Mai 1987. Der Kalte Krieg ist noch nicht vorbei, doch in Moskau spricht Michail Gorbatschow von Reformen und Offenheit. In den Wohnzimmern stehen Röhrenfernseher, auf den Schreibtischen die ersten Personal Computer. Vom Internet hat in der Schweiz noch kaum jemand gehört.

Doch am 20. Mai 1987 wird ein Email geschrieben, das bald alles ändert. Absender: ETH-Professor Bernhard Plattner und sein Assistent Hannes Lubich. Empfänger: Jon Postel von der Internet Assigned Numbers Authority in den USA. Inhalt: Die Bitte, für die Schweiz die Länderdomain «.ch» zu registrieren – denn bislang ist das Land im Internet noch nicht mit einer eigenen Endung zu erreichen.

Ein paar Tage später antwortet Postel, das «.ch» gehöre nun der Schweiz. «Es war für uns keine grosse Sache, eher ein Verwaltungsakt», erinnert sich Hannes Lubich 39 Jahre später. Und Bernhard Plattner stellt amüsiert fest: «Es war eigentlich sehr einfach, Vater des Schweizer Internets zu werden.»

Es beginnt mit zwei Buchstaben

Doch die Geschichte, wie das Internet in die Schweiz kommt, beginnt lange vor dem Jahr 1987. Nicht bei uns, sondern in Kalifornien: Dort werden im Herbst 1969 die Buchstaben «L» und «O» von Los Angeles nach Menlo Park bei Stanford geschickt.

Podcast Geschichte

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Schwarz-weisse Abbildung eines Gesichts auf rotem Hintergrund mit dem Wort ‹Geschichte›.
Legende: SRF

Der SRF Podcast Geschichte beschäftigt sich in drei Episoden mit der Geschichte des Internets in der Schweiz – von den ersten Versuchen, ein nationales Netz aufzubauen über die Erfindung des WWW am Cern bei Genf bis zum Dotcom-Crash und einem Mann, der mit dem Verkauf einer Internet-Adresse viel Geld verdient.

Der Podcast zur Geschichte des Internets in der Schweiz ist hier zu finden oder überall dort, wo es Podcasts gibt.

Die eigentliche Nachricht hätte «Login» heissen sollen. Doch der SDS 940 Computer, für den sie bestimmt war – ein über drei Meter breiter Koloss, untergebracht in mehreren mannshohen Metallschränken – stürzt nach den ersten beiden Buchstaben ab.

Reine Männersache

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Person mit Brille sitzt an einem Schreibtisch vor alter Computertechnik.
Legende: Museum für Kommunikation, Bern. Inventarnummer: HAS09783/02

Der Aufbau des Internets in der Schweiz scheint reine Männersache gewesen zu sein. Auch Bernhard Plattner, der gerne als Vater des Schweizer Internets bezeichnet wird, kann sich an keine Frau erinnern, die massgeblich daran beteiligt war: «Das ist bedauerlich, aber vielleicht ist es auch ein Zeichen der damaligen Zeit. Als ich an der ETH in Zürich studiert habe, gab es vielleicht 10 Frauen auf 200 Studierende. Heute ist der Anteil Frauen zum Glück sehr viel höher.»

Damit ist «LO» die erste Botschaft, die je übers Internet verschickt wird. Oder besser gesagt: Übers Arpanet, den vom US-Verteidigungsministerium finanzierten Vorläufer des Internets. In der Schweiz bekommt das kaum jemand mit. Denn das Arpanet ist ein geschlossenes Netz, offen nur für ausgewählte US-Universitäten und Forschungsinstitute.

Die PTT will es selber machen

Die Schweizer PTT hat derweil eine eigene Vision für den Datenverkehr. Während in den USA das dezentrale Netz der Zukunft entsteht, will sie ihr Telefonnetz digitalisieren – und zwar in Eigenregie. Der Name des Projekts: Integriertes Fernmeldesystem IFS.

«Die PTT hatte damals das absolute Monopol für Datenübermittlung. Wenn man selber so ein System gebaut hätte, wäre das illegal gewesen», weiss Bernhard Plattner. Mit dem IFS will die PTT dieses Monopol sichern: mit einem digitalen Netz, mit dem man Bilder übertragen, Informationen aus Datenbanken abrufen oder telefonieren kann – viel von dem, was später auch das Internet möglich macht.

Doch das IFS ist ein gigantischer Flop: Nach fast 14 Jahren Entwicklung und Investitionen von rund 220 Millionen Franken muss das Projekt 1983 abgebrochen werden. In einer Zeit, als das Internet beginnt, die ganze Welt zu umspannen, ist der Schweizer Alleingang zum Scheitern verurteilt. Die technologischen Systeme sind zu komplex und voneinander abhängig geworden.

Die Geburt von Switch

In den 1980er-Jahren ist die Schweiz technologisch ins Hintertreffen geraten und gut ausgebildete Ingenieure (und erst recht Ingenieurinnen) sind rar. Ende 1985 verabschiedet der Bundesrat darum die Botschaft über die «Sondermassnahmen für die Informatik und Ingenieurwissenschaften». Ans Internet denkt dabei niemand.

Trotzdem legen die Sondermassnahmen den Grundstein für dessen Verbreitung. Denn von den 207 Millionen Franken des damit verbundenen Investitionspakets sind 15 für den Aufbau eines schweizerischen Hochschul- und Forschungsnetzwerks vorgesehen.

Damit verbunden ist auch die Gründung der Stiftung Switch. Deren Zweck wird in der Stiftungsurkunde eher umständlich formuliert: «Die Stiftung bezweckt, die nötigen Grundlagen für den wirksamen Gebrauch moderner Methoden in der Teleinformatik im Dienste der Lehre und Forschung in der Schweiz zu schaffen, zu fördern, anzubieten, sich an solchen zu beteiligen und sie zu erhalten.»

Das lange Warten auf Daten

Doch Ende der 80er Jahre lässt sich das Internet noch nicht mit dem von heute vergleichen. Für eine ganze Universität musste eine 64 Kilobit schnelle Leitung genügen. Das war so langsam, dass man beim Erhalt eines Email mitlesen konnte, wie sie Wort für Wort ankam.

Computerbildschirm mit Finanzanwendung und Banknoten neben dem Monitor.
Legende: Als man für das Internet-Banking noch Bargeld brauchte: Symbolbild-Visionen aus den 1990er-Jahren. Keystone

Hannes Lubich blickt zurück: «Wir haben bei der Switch damals Emails einzeln weitergeleitet. Wenn ein Sender zu viele auf einmal verschickt hat, dann rief man den auch mal an und sagte: ‹Kannst du das bitte morgen machen?›.»

Domain-Namen auf einem A4-Blatt

Bald ist die Switch auch für die Registrierung von Internet-Domains zuständig – jener Adresse, unter der ein Dienst im Internet zu erreichen ist. Auch hier geht es noch recht gemütlich zu: Die ersten Domains werden auf einem A4-Blatt notiert. Domain-Namen für Privatpersonen sind nicht vorgesehen – man kann sich schlicht nicht vorstellen, was jemand damit anstellen sollte.

xbox.com – eine Adresse, die Microsoft unbedingt haben wollte

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Nahaufnahme einer Xbox von Microsoft. Zu sehen das grüne Logo auf einem Gerät mit schwarzem Gehäuse.
Legende: imago images

Steff Gruber gehört zu den ersten Schweizern, die im Internet aktiv waren. Aus Begeisterung sichert er sich rund 500 Domain-Namen – für Fliegerei, Funk, Kultur, dazu Fantasienamen für mögliche Marken.

Eine der Adressen heisst xbox.com. Der Name entsteht beiläufig: Ein Mitarbeiter richtet einen Server ein und fragt, wie er ihn nennen soll. Gruber antwortet spontan: «Call it Xbox.»

Ende der 1990er-Jahre meldet sich ein nobles Zürcher Anwaltsbüro bei Gruber. Er wird – in Lederjacke und Jeans – in einem riesigen Sitzungszimmer empfangen, Corbusier-Sessel inklusive. Dann treten sechs Herren in Anzügen ein und bieten 20'000 Franken für xbox.com.

Gruber lacht bloss: Die Summe ist ihm den Aufwand nicht wert, den er mit den Änderungen an seinem Server hätte. Ausserdem weiss er von ehemaligen Hacker-Kollegen, dass Microsoft den Namen Xbox intern bereits für seine neue Spielkonsole verwendet, die Rechte daran aber nie geklärt hat.

Nach einigem Hin und Her einigt man sich doch auf einen Preis – Experten gehen von mehreren 100'000 Franken aus. «Erst Jahre später, als aus der Xbox ein Milliarden-Business geworden ist, habe ich gemerkt, wie doof ich damals war», stellt Gruber heute fest: «Ich hätte 10 Millionen verlangen können, die hätten das bezahlt.»

Auch Unternehmen und Institutionen dürfen erst nur eine Adresse registrieren. Und das hat seine Tücken, erinnert sich Hannes Lubich: «Die Kunstschule Zürich wollte ausgerechnet ‹ars.ch› als Adresse. Und ich sagte: Na ja, wenn man den Punkt nicht so ganz gross druckt, dann steht da was völlig anderes auf der Visitenkarte. Und habe sie dann überredet, dass sie ‹ars-zh.ch› nehmen. Das sah weniger schlimm aus.»

Mitte der 1990er-Jahre nehmen die Domain-Registrierungen dann plötzlich zu. Grund ist das World Wide Web, das WWW, erklärt Hannes Lubich: «Das hat plötzlich die Internetnutzung für die breite Öffentlichkeit möglich gemacht. Das war der Moment, wo wir bei der Switch alle gesagt haben: ‹Oh, das ist doch ziemlich gross.›»

Jetzt steigt auch der gelbe Riese ein

Auch die PTT interessiert sich jetzt für das Internet. Nachdem sie noch bis Mitte der 1990er-Jahre auf ihr eigenes System Videotex gesetzt hat, lanciert sie 1996 zusammen mit privaten Unternehmen das Internetportal The Blue Window, das verschiedene Onlineangebote an einem Ort bündelt: Nachrichten und eine elektronische Zeitung, Kleininserate, einen Marktplatz zum Einkaufen, einen Veranstaltungskalender mit Ticketverkauf.

Was war Videotex?

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Schwarz-weiss-Bild eines alten Videotex-Bildschirms mit dem Telegiro-Dienst der PTT.
Legende: Keystone

Ein Wählscheibentelefon, darauf ein Modem, ein Röhrenfernseher, ein Decoder und eine kiloschwere Tastatur: So sieht Anfang der 1980er Jahre der Zugang zu Videotex aus. Die PTT haben grosse Pläne mit dem neuen Informationsdienst: Sie rechnen damit, dass ihren Kunden bald Millionen von Seiten aus aller Welt zur Verfügung stehen.

Vorbild ist Frankreich, wo das 1980 eingeführte Télétel (das Endgerät heisst Minitel) ein grosser Erfolg ist. In der Schweiz sieht es anders aus: Bis 1990 erhofft man sich 250'000 Anschlüsse. Doch erst 1992 wird überhaupt die 100'000er-Marke geknackt.

Der Historiker Luca Thanei nennt die Gründe: keine Suchmaschine, unübersichtliche Verzeichnisse, grobe Grafik am Fernseher, langsame Übertragung und überraschende Tariferhöhungen. Und schliesslich auch die Konkurrenz durch das World Wide Web.

Ab 1995 lagert die PTT Videotex an eine private Firma aus, 2000 wird der Dienst eingestellt.

Ganz freiwillig ist das plötzliche Engagement der PTT im Internet nicht. Denn mit dem revidierten Fernmeldegesetz, das auf Anfang 1998 in Kraft tritt, fällt das Netzmonopol des gelben Riesen. Die Lancierung von The Blue Window und damit verbundenen Internet-Angeboten ist der Versuch, vor der Liberalisierung noch Kundinnen und Kunden an sich zu binden und der kommenden Konkurrenz einen Schritt voraus zu bleiben.

Durchgehend online

Dinge wie Internet-Shopping oder Online-Dating sind nun keine Kuriositäten mehr. Immer mehr Schweizerinnen und Schweizer entdecken durch das World Wide Web das Internet. Spätestens mit dem Smartphone wird das Netz dann zum ständigen Begleiter. Als 1997 in der Schweiz die ersten Zahlen erhoben werden, geben erst 15 Prozent der Befragten an, das Internet in den vergangenen Monaten mindestens einmal genutzt zu haben. Heute sind es an die 100 Prozent.

Die wohl wichtigste Schweizer Erfindung

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Timothy Berners-Lee neben einem Computerbildschirm mit geöffneter Webseite.
Legende: CERN

Im März 1989 reicht der britische Informatiker Tim Berners-Lee am Kernforschungszentrum Cern bei Genf ein 20 Seiten langes Papier ein. Sein Chef notiert auf dem Deckblatt: «Vage, aber spannend.» Berners-Lee will das Datenchaos am Cern ordnen, wo tausende unterschiedliche Computer im Einsatz sind.

Seine Lösung: Dokumente, die über Hyperlinks verbunden sind und sich über eine eigene Adresse aufrufen lassen. An Weihnachten 1990 läuft auf Berners-Lees NeXT-Workstation der erste Webserver der Welt. Dass diese Maschine überhaupt angeschafft wird, ist nicht selbstverständlich: Amerikanische Internet-Technik ist am Cern lange unerwünscht.

Berners-Lee definiert in Folge die bis heute gültigen Grundlagen des World Wide Webs: HTML, HTTP und die Webadresse URL. 1993 gibt das Cern das Web kostenlos und ohne Patent frei. Das ist die Grundlage für seine weltweite Verbreitung.

Das Internet ist zur Selbstverständlichkeit geworden. Wir nehmen es nur noch wahr, wenn es einmal nicht funktioniert. Hannes Lubich blickt zurück: «Wir haben es überhaupt nicht so geplant. Das Internet ist im Grunde genommen ein Prototyp, den wir aufgrund seines Erfolgs nicht mehr abschalten können. Wir würden heute vermutlich viele Dinge anders machen. Ich bin aber nicht sicher, ob wir schneller oder erfolgreicher wären.»

Computerbildschirm mit Netscape-Browser und Webseiten-Icons.
Legende: Das PTT-Internet-Portal The Blue Window war für viele Schweizerinnen und Schweizer der erste Kontakt mit dem Internet. Keystone

Und Bernhard Plattner stellt fest: «Ich denke, die Schweiz hat das nicht schlecht gemacht. Verglichen mit vielen anderen Ländern sind wir eigentlich früh gewesen mit dem Aufbau des Internets. Ich glaube daher nicht, dass man sagen kann, die Schweiz habe alles verkackt. Entschuldigung für den Ausdruck!»

Radio SRF 1, Treffpunkt, 16.6.2026, 10:03 Uhr

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