Goldrausch am Meeresgrund

Vorräte aus wertvollen Metallen wie Nickel, Mangan, Kupfer oder Kobalt schlummern in den Tiefen unserer Meere. Sie sind gefragte Rohstoffe für Smartphones, Elektroautos oder Windkraftanlagen. In zwei Jahren sollen erste Abbaulizenzen vergeben werden. Experten fürchten irreparable Umweltschäden.

Ein Greifarm bohrt den Meeresboden auf. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Rohstoffabbau auf dem Meeresboden: Gestiegene Rohstoffpreise und das Wirtschaftswachstum in Ländern wir Indien und China lässt das Interesse steigen. Nautilus Minerals

«Was man in der Tiefsee kaputt macht, kann man nicht zu unseren, nicht einmal zu Lebzeiten unserer Enkel wieder reparieren», warnt Kristina Gjerde von der Internationalen Naturschutz-Organisation IUCN. Denn die Untiefen der Meere sind eine andere Welt. «Dort tickt die Zeit viel langsamer». Fische wie die Sägebäuche werden gut 150, Korallen gar 2000 bis 4000 Jahre alt. Die Manganknollen, auf die die Industrie gar so erpicht ist, wachsen in einer Million Jahre gar nur wenige Millimeter.

Der unbekannte Meeresgrund

Bisher sind nicht einmal zehn Prozent des Meeresgrundes ordentlich kartiert. Viele Regionen der Tiefsee sind also im wörtlichen Sinn terra incognita. Wie soll man von einem System, das man zu wenig kennt, die Folgen industrieller Belastung prognostizieren?

Rohstoffe aus dem Meer

6:51 min, aus Wissenschaftsmagazin vom 22.02.2014

Meeresforscher fordern daher mehr Zeit für Umweltverträglichkeitsstudien. Denn gar so dränge die Zeit ja auch wieder nicht, meint Linwood Pendelton, Ökonom an der Duke-University in den USA. Vom Tiefseebergbau sei schon seit den 1960er-Jahren die Rede, «auf ein paar Jahre mehr oder weniger kommt es jetzt auch nicht mehr an».

Linwood Pendleton befasst sich mit der Frage der Wirtschaftlichkeit: Rechnet sich der Bergbau im Meer überhaupt? Man müsse kalkulieren, sagt er: «Welche Dienstleistungen erbringt das Ökosystem Meer zu Gunsten des Menschen? Und wie werden diese durch Bergbau beeinträchtigt?» Die Meere leisten vielfältige Dienste. Sie speichern Kohlenstoff, produzieren Nahrung in Form von Fischen und bringen charismatische Meeressäuger hervor. «Davon lebt wiederum der Tourismus, denn viele reisen zu Orten, wo man Wale beobachten kann.»

Die Schatztruhe des Meeres

Die neuen Goldgräber haben es auf Metalle wie Kupfer, Nickel, Kobalt oder Mangan abgesehen. Diese liegen auf dem Meeresgrund in Form von Manganknollen, Kobaltkrusten oder Massivsulfiden. Die Experten des diese Woche veröffentlichten dritten «World Ocean Review» warnen, dass beispielsweise der Abbau von Manganknollen «einen erheblichen Eingriff in den Lebensraum Meer» darstellt. Der Lärm der Erntemaschinen allein könnte Wale und Delfine stören.

Massivsulfide wiederum – Schwefelverbindungen mit unter anderem Silber und Gold – bilden sich rund um heisse Quellen mit ihren besonders produktiven und sensiblen Ökosystemen. Wenigstens gäbe es in diesem Fall eine umweltschonende Variante des Abbaus, so Linwood Pendelton: «Wenn heisse Quellen erlöschen, suchen sich die Lebewesen ein anderes Habitat. Rund um inaktive Quellen kann man also mit einem kleinen ökologischen Fussabdruck grossen mineralischen Wert gewinnen.» Das einzige Problem dabei: «Solche erloschenen Quellen findet man nicht so leicht.»

Die Industrie steht in den Startlöchern

Für die Tiefsee gibt es bisher 19 Erkundungslizenen. Einzelne Länder haben mit Firmen ausserdem Verträge über Tests in ihren Küstengewässern abgeschlossen. Doch der Grossteil der daraus entstehenden Studien liegt bei den Firmen unter Verschluss und ist für Umwelt-Forscher nicht zugänglich.

Ein Greifarm umfasst eine Koralle. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Meeresschnecken schützen: Das Unternehmen Nautilus Minerals testet möglichst nachhaltige Methoden zur Gewinnung von Rohstoffen im Ozean. Nautilus Minerals

Eine Ausnahme ist das kanadische Unternehmen Nautilus Minerals, das vor der Küste von Papua-Neuguinea in 1600 Metern Tiefe möglichst nachhaltige Methoden der Sulfidgewinnung testet. Dazu gehört etwa: Kein Unterwasserdetonationen, keine gefährlichen Chemikalien. Und: Man will versuchen, die ortsansässigen betroffenen Meeresschnecken in ein ungestörtes Habitat zu übersiedeln. Alle Studien sind öffentlich zugänglich.

Man kann es Entwicklungsländern zwar nicht verübeln, wenn sie vom Reichtum vor ihrer Küste profitieren wollen und Firmen Schürflizenzen ausstellen. Doch man kann dem Goldrausch auch zunächst einmal widerstehen, wie etwa in Namibia. Mehrere Firmen wollen dort vor der Küste Phosphat abbauen. An einem der Pläne sei gar nichts umweltschonend gewesen, meint Bronwen Currie. Sie ist Meeresforscherin am Ministerium für Fischerei und Meeresresourcen. «Bis zu sechs Meter dicke Schichten Sand und Schlamm wären heraufgeholt und am Strand abgeladen worden.» Nach der Verarbeitung hätte der Abfall grossteils wieder ins Meer gekippt werden sollen.

Manganknolle Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Manganknollen enthalten neben Mangan und Eisen auch die wirtschaftlich interessanten Elemente Kobalt, Nickel und Kupfer. Wikipedia

Namibia hat vorläufig ein Abbaumoratorium ausgerufen, denn der Staat hat viel zu verlieren: eine florierende Fischereiindustrie. Wenn die feinen, aufgewirbelten Sedimente lange in der Wassersäule verharren, könnten Larven und Jungfische Schaden nehmen. In den nächsten zwei bis drei Jahren werden umfassende Studien den kumulativen Effekt von Phosphatabbau entlang der Küste dokumentieren.

Egal wie Namibias Entscheidung letztlich ausfällt – sie wird sicher Kreise ziehen. Denn Mexiko, Neuseeland und Südafrika habe ebenfalls Phosphat vor ihren Küsten. Sie warten erst einmal ab.

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