Die nachfolgenden Aussagen und Empfehlungen ersetzen nicht die individuelle Abklärung oder Diagnose bei Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt.
Chat-Protokoll
warum trinkt man wieder Alkohol obwohl man sich am Tag danach mit einem Kater schon x-mal gesagt hat, man trinke nie wieder so viel?
Maria Brehmer: Eine sehr ehrliche Frage – und eine, in der sich sicherlich viele Menschen wiedererkennen (mich früher eingeschlossen).
Kurz gesagt: Weil Alkohol eine körperliche, emotionale und soziale Gewohnheit ist. Der Kater spricht den Verstand an («Das tue ich mir nie wieder an»), aber der Wunsch zu trinken entsteht später nicht aus dem Kopf, sondern auf ganz anderen Ebenen.
Ein paar zentrale Gründe:
- Emotionale Verknüpfung: Alkohol ist im Gehirn mit Entspannung, Belohnung, Abschalten oder Geselligkeit verknüpft. Wenn Stress, Frust, Freude oder Leere auftauchen, meldet sich automatisch diese alte «Lösung» – selbst wenn man rational weiss, dass sie schadet.
- Gewöhnung des Nervensystems: Der Körper erinnert sich an die schnelle Wirkung. In angespannten Momenten sucht er nicht nach der besten, sondern nach der bekanntesten, zuverlässigsten und leider oft auch schnellsten Regulation.
- Soziale Dynamik & Dazugehören: Trinken ist kulturell normalisiert. In Gesellschaft nicht zu trinken kann sich – bewusst oder unbewusst – wie Ausschluss anfühlen. Das verstärkt den Impuls.
- Der Kater verblasst: Wir vergessen ganz einfach, wie schlimm es mal war.
Das hat nicht mit fehlender Willenskraft zu tun, sondern es zeigt vielmehr, wie tief Alkohol bei vielen aus verschiedenen Gründen verankert ist.
Wie schnell macht sich ein Alkoholverzicht beim Abnehmen bemerkbar?
Regina Esser: Ein Alkoholverzicht kann sich schnell durch purzelnde Kilos auf der Waage bemerkbar machen, vorausgesetzt, dass man den Alkoholverzicht nicht durch andere ungesunde Lebensmittel kompensiert. Alkohol enthält viele leere Kalorien und beeinflusst den Fettstoffwechsel der Leber.
Ist es empfehlenswert, gänzlich auf Alkohol zu verzichten, wenn man versucht, schwanger zu werden?
Regina Esser: Diese Frage kann ich klar mit ja beantworten. Der Konsum von Alkohol in der Schwangerschaft kann zur irreversiblen Nerven- und Organschäden des Ungeborenen führen. Problematisch ist, dass wir hier keine Grenzwerte und Zeitraum kennen, in der der Alkoholkonsum in der Schwangerschaft weniger risikoreich wäre. Da die meisten Frauen erst nach einigen Wochen eine Schwangerschaft bemerken, kann man daher nur dazu raten, auf Alkohol zu verzichten, wenn eine Schwangerschaft geplant ist.
Guten Abend mein mann 65 trinkt täglich 2 bier An den wochenenden mehr.oder wenn er unter freunden ist trinkt er auch einges mehr.er wirkt nicht betrunken und trinkt «nur» bier.was mir sorge macht dass er heimlich im keller bier trinkt.ich habe schon alles probiert fachstellen, mit ihm geredet nichts hilft. Ist er alkoholiker? Danke für ihre antwort
Stephan Streit: Guten Abend, besten Dank für Ihre vertrauensvolle Frage.
Ihre Sorge ist sehr verständlich – heimliches Trinken ist ein klares Warnsignal und für Angehörige sehr belastend. Ob Ihr Mann «Alkoholiker» ist, lässt sich nicht nur an der Menge festmachen, sondern an typischen Merkmalen: starkes Verlangen, Kontrollverlust, Toleranz, Weitertrinken trotz Problemen. Dass er im Keller versteckt trinkt und Ihre Gespräche und Fachstellen bisher nichts bewirkt haben, passt zu einem fortgeschrittenen, ernst zu nehmenden Problem – auch wenn er «nur Bier» trinkt und nicht betrunken wirkt.
Ich empfehle Ihnen Folgendes:
- Weiterhin nur nüchtern, unter vier Augen und respektvoll ansprechen, mit Ich‑Botschaften: «Ich mache mir grosse Sorgen, weil du sogar heimlich trinken musst, und das belastet mich sehr.»
- Klare Grenzen setzen (z.B. bei aggressivem Verhalten oder Gewalt, keine Ausreden mehr gegenüber Dritten) und gleichzeitig Hilfe einzufordern (Hausarzt, Suchtberatung, Blaues Kreuz, SafeZone).
- Sich selbst Unterstützung holen: Eine Angehörigen‑Beratung an einer kantonalen Suchtfachstelle oder beim Blauen Kreuz (auch anonym und kostenlos) hilft Ihnen, mit Belastung und Schuldgefühlen umzugehen und sinnvolle Grenzen zu finden.
Ihr geschildertes Verhalten ist für alle Beteiligten belastend und problematisch – aber Sie müssen und sollen nicht alleine damit bleiben, sondern dürfen sich aktiv Hilfe holen. Ich wünsche Ihnen alles Gute.
Guten Abend, ich (20J.) trinke praktisch nie Alkohol. Mir sagten bereits so viele Menschen, ich müsse das mal ausprobieren um meine Grenze zu kennen. Sonst verpasse ich etwas. Das löst Druck in mir aus, weil ich Angst habe, es später vielleicht tatsächlich zu bereuen. Muss man seine Grenzen wirklich austesten?
Dörte Petit: Vielen Dank für Ihre Frage. Sie unterstreicht, in welchem Ausmass Alkoholkonsum wird in unserer Gesellschaft normalisiert wird. Bei anderen Substanzen wird nicht der gleiche Druck auf nichtkonsumierende Personen ausgeübt, wie bei Alkohol. Nein, man muss seine Grenzen nicht austesten. Freuen Sie sich, dass Sie nicht das Bedürfnis haben, Alkohol zu trinken.
Ich selbst, 25 jährig, trinke selten Alkohol, sprich ca. 6-8 x pro Jahr 1 Glas Rotwein oder 1 Mischgetränk (Aperol Spritz, Hugo, Cafe Baileys). Alkoholkonsum wird oft als gesundheitsschädigend bezeichnet, gleichzeitig heisst es, massvoller Weinkonsum kann positive Effekte auf das Herz-Kreislauf-System haben. Welcher Konsum ist nun «optimal» totale Abstinenz oder ist einmal pro Monat besser oder einfach nur vertretbar?
Regina Esser: Es stimmt, dass es Studien gibt, die einen geringen Alkoholkonsum mit einem verminderten Risiko für Herz-Kreislauferkrankungen in Verbindung bringen. Allerdings handelt es sich hier um sehr geringe Mengen Alkohol. Für andere Organsysteme ist dieser positive Effekt nicht belegt. Vor allem für Krebserkrankungen konnte bisher kein Schwellenwert definiert werden. D.h. jeglicher Alkoholkonsum birgt hier ein Risiko. Daher vertrete ich die Meinung, aus gesundheitlichen Gründen, ist der komplette Verzicht auf Alkohol am besten. Alkohol ist ein Genussmittel. Auch der moderate Konsum ist mit einem Risiko verbunden.
Im Laufe des letzten Jahres bin ich in verschiedenen Medien mit der Aussage konfrontiert worden, dass jedes Glas Alkohol Gift für den Körper ist. Demgegenüber hat der Master of Wine Philipp Schwander Ende 2025 eine herangezogen, die belegen soll, dass das berühmte eine Glas Wein am Abend eben doch nicht gesundheitschädlich ist. An was kann man sich halten? Ich kann nachvollziehen, dass schon 1 Glas Wein der Gesundheit nicht förderlich ist. Aber gilt das nicht auch für einen Tag mit viel Stress? Für die Pizza beim Italiener? Für eine Zeit mit wenig Schlaf oder wenig Bewegung? Für nachlässige Zahnhygiene? Sprich, die Dosis (bzw. die Ausprägung) macht das Gift und da scheint mir das Veto gegen ein, zwei Gläser Wein gelegentlich zum Essen eher dogmatisch. Aber eben, interessant ist zu erfahren, was wissenschaftlich dazu bekannt ist. Problematisch: sowohl Studien, die von Gesundheitsorganisationen in Auftrag gegen werden (Haltung: alles, was der Gesundheit schadet ist schlecht), als auch solche von Exponenten wie Schwander (Haltung: Wein ist ein Kulturgut und grundsätzlich unbedenklich) sind aus meiner Sicht fragwürdig. Weil letztlich die Ergebnisoffenheit nicht besteht. Die Studien sollen eine bestimmte Sicht der Dinge belegen.
Maria Brehmer: Tatsächlich gibt es im Rotwein einen Stoff (Resveratrol, ein Polyphenol), dem gesundheitsförderliche, weil entzündungshemmende Eigenschaften zugeschrieben werden. Die gesundheitsschädlichen Effekte von Alkohol überwiegen jedoch dem positiven Effekt dieses einen Stoffes, der übrigens auch in normalem, unvergorenem Traubensaft vorkommt.
Doch zu Ihrer Ambivalenz, die Sie beschäftigt: Ja, es ist immer ein «Handel», den wir mit unserer Ernährungs- und Lebensweise abschliessen. Wenn einem Wein als Kulturgut wichtig ist und die positiven den negativen Effekten (also auch zum Beispiel die Angst vor gesundheitlichen Folgen) bei Ihnen überwiegen, dann ist das eine individuelle Priorisierung. Fragen Sie sich also gerne, wo Ihre Prioritäten liegen und wie Sie diese für Sie bestmöglich setzen – und je nachdem, wie Sie sie setzen, werden Sie entsprechende Studien finden, die Ihre Haltung unterstützen werden.
Auf welchen Platz steht die Schweiz europaweit und weltweit hinsichtlich Alkoholkonsum?
Dörte Petit: Laut der HBSC-Studie, eine Schüler.innenbefragung, liegt die Schweiz beim Alkoholkonsum im vergangenen Monat unter den 15-jährigen auf Platz 21 von 45.
Ein tägliches Schnäpsli als Medicin, ist man dann schon Alkoholikerin?
Regina Esser: Eine Alkoholabhängigkeit oder Sucht wird noch durch bestimmte Kriterien wie z.B. den Kontrollverlust oder Starken Drang (Craving) zu Trinken bestimmt. Unabhängig davon, birgt aber der regelmässige Konsum von hochprozentigen Alkohol Risiken. D.h. es kann schon gesundheitsschädlich sein, auch wenn keine Sucht besteht.
Ich trinke aus Frust und Resignation von der Arbeit eine Flasche Weisswein am Tag Wie schaffe ich es davon wegzukommen und wenn ich von heute auf Morgen damit aufhöre hat es Nebenwirkungen
Maria Brehmer: Sie wissen bereits sehr genau, was der Auslöser ist: Frust, Erschöpfung, Resignation, der Wunsch nach Abschalten. Der Alkohol ist im Moment Ihr Ventil – aber kein nachhaltiges. Wichtig ist jetzt nicht, „stärker“ zu werden oder sich zusammenzureissen, sondern Schritt für Schritt andere Formen der Entlastung aufzubauen.
Wenn Sie täglich eine Flasche Wein trinken und beim Aufhören Nebenwirkungen spüren, ist ein abruptes Allein-Aufhören nicht ratsam. Holen Sie sich bitte Unterstützung – das ist kein Scheitern oder ein Zeichen von Schwäche, sondern Verantwortung für sich selbst.
Der erste wirkliche Schritt raus aus diesem Kreislauf ist: nicht mehr allein damit zu bleiben und sich Hilfe zu erlauben. Von dort aus kann sich sehr viel verändern. Dass Sie diese Frage stellen, zeigt bereits, dass in Ihnen der Wunsch nach Veränderung lebendig ist – und darauf lässt sich sehr gut aufbauen.
Ich arbeite seit 3 Jahrzehnten in der Gesundheitsbranche. Alkohol ist unumstritten ein grosses Problem, dies auch ohne die Zahlen der Dunkelziffer. Weil heute überall Studien herangezogen werden, darf man und muss man hier erwähnen, dass Studien inzwischen beweisen können, dass schon kleine Mengen Alkohol Auswirkungen auf das Gehirn, die Psyche und das soziale Umfeld haben, ganz zu schweigen vom regelmässigen Konsum. Die Gesundheitsbranche leidet und ächzt unter den steigenden Kosten. Warum wird beim Alkohol nur zögerlich der Hebel angesetzt? Ist die Lobby zu mächtig, bzw. stehen wirtschaftliche Interessen der Gesundheitsförderung im Wege (Beispiel Werbung Zigaretten vs. Spirituosen) Der Ansatz ihrer Umfrage zum Alkoholkonsum ist falsch gewählt. Er ist nicht zielführend und lenkt vom klar ersichtlichen und existierenden Problem ab, wenn «Mengendiskussionen» geführt werden. Der Fokus muss viel deutlicher auf die schädliche Wirkung von Alkohol gelegt werden, unabhängig der konsumierten Menge. Ob es tatsächlich hilft steht allerdings in den Sternen, siehe das Rauchen..
Dörte Petit: Guten Abend. Ja, wie sie es ganz richtig sagen, ist die Lobby mit ihren wirtschaftlichen Interessen sehr stark. Alkohol wird als Kulturgut normalisiert. Wirksame Präventionsmassnahmen, wie etwa Werbeeinschränkungen oder höhere Preise werden häufig als Freiheitseinschränkungen bezeichnet. Stattdessen wird an die Eigenverantwortung appelliert.
Wie reagiere ich am besten auf die schwere Alkoholsucht eines Freundes? Wie kann ich helfen, etwas in die Wege leiten, bevor sein Körper nicht mehr mitmacht?
Stephan Streit: Vielen Dank für deine persönliche Frage. Am wichtigsten ist: nicht wegschauen, aber auch nicht allein die Verantwortung tragen. Du kannst viel anstossen, aber die Entscheidung zur Veränderung liegt bei deinem Freund.
Hier einen Vorschlag, wie du ihn konkret ansprechen könntest: Wähle einen ruhigen Moment, in dem er nüchtern ist, und sprich unter vier Augen, wertschätzend und sachlich. Sprich in Ich‑Botschaften: «Ich mache mir grosse Sorgen um deine Gesundheit», statt «Du ruinierst dein Leben». Nenne konkrete Beobachtungen, die auf einen übermässigen Alkoholkonsum zurückzuführen sind und die dich und sein soziales Umfeld belasten.
Mach deutlich, dass du ihn ernst nimmst und nicht verurteilst: Ziel ist nicht, ihn zu kontrollieren, sondern ihm zu helfen und ihn zu einer Veränderung zu motivieren. Biete ihm deine Hilfe bei den ersten Schritten an:
- gemeinsam einen Termin bei Hausarzt
- Suchtberatung beim Blauen Kreuz oder einer anderen Suchtfachstelle
- gegebenenfalls kannst du ihn begleiten oder zusammen hingehen
- Für weitere persönliche Unterstützung kannst auch du dich als mitbetroffene Person jederzeit kostenlos und unbürokratisch bei einer ambulante Fachstelle melden.
Ich wünsche dir alles Gute, viel Mut und Zuversicht.
Guten Tag, Ich (weiblich, knapp 30 J. alt), leide unter Endometriose und in diesem Zusammenhang unter starken Periodenschmerzen. Welchen – womöglichen negativen – Effekt hat Alkohol in geringen Mengen auf entzündliche Erkrankungen? Was ist in Zusammenhang mit der Einnahme von Schmerzmitteln und Alkoholkonsum zu beachten?
Regina Esser: Wie sich Alkohol speziell auf Endometriose auswirkt kann ich nicht zweifelsfrei beantworten. Allerdings handelt es sich bei Alkohol um ein Zellgift, welches Entzündungsprozesse im Körper begünstigt. Von daher würde ich postulieren, dass es sich auch negativ auf die Symptome bei Endometriose auswirken kann. Es gibt verschiedene Arten von Schmerzmitteln. Bei der Gruppe der NSAID zu der u.a. Ibuprofen gehört ist vor allem der Effekt auf die gesteigerte Magensäureproduktion zu beachten. Alkohol führt auch zu einer Übersäuerung im Magen. In Kombination kann das Entzündungen von Magen- und Speiseröhre begünstigen. Bei Symptomen einer Alkoholvergiftung (Kater, Hangover) würde ich zudem von der Einnahme von Paracetamol abraten, weil dies eine zusätzliche Belastung für die Leber bedeutet. Hingegen können Opiate wie Morphin oder Oxycontin die sedierende Wirkung von Alkohol verstärken, so dass ich auch hier von einer gleichzeitigen Einnahme dringend abrate. Abschliessend lässt sich somit sagen, das die Kombination von Alkohol und Schmerzmedikamenten nicht ideal ist.
Mittwoch-Samstag Alkohol erlaubt, Sonntag-bis und mit Dienstag Alkohol lass bleiben. So entsteht jeweils 3 Tage Pause, welche dazu führt, dass der Körper Zeit hat sich zu regenerieren. So braucht es auch nicht immer mehr Alkohol um sich seelig duslig zu fühlen. Ist es das beste Rezept um Alkoholismus zu verhindern ?
Maria Brehmer: Solche Trinkregeln können für manche Menschen funktionieren – vor allem dann, wenn weder eine emotionale noch körperliche Abhängigkeit besteht. Die Pausen können dem Körper tatsächlich Erholungszeit geben.
Was dabei aber oft übersehen wird, ist die emotionale und mentale Belastung: Wenn viel Energie darauf verwendet wird, Tage zu zählen, Regeln einzuhalten oder „durchzuhalten“, stellt sich eine wichtige Frage: Warum braucht es den Alkohol überhaupt?
Kontrolliertes Trinken verhindert keine (emotionale) Abhängigkeit, wenn der Alkohol weiterhin eine klare Funktion hat – etwa zur Entspannung, zur Belohnung oder zum Abschalten. Dann bleibt der Alkohol innerlich sehr präsent, auch an den trinkfreien Tagen.
Deshalb ist die entscheidendere Frage weniger «Wie reglementiere ich meinen Konsum am besten?», sondern: «Warum will ich den Alkohol an vier Tagen unbedingt beibehalten?» oder auch «Fühle ich ich frei und bin ich zufrieden mit diesem Rhythmus?»
Ich, Studentin, mache diesen Januar (und vielleicht sogar weiter) eine Alkoholpause. Stattdessen versuche ich, mehr Sport zu machen und mehr zu lesen. Momentan klappt das ganz gut. Aber ich habe Angst, dass ich irgendwann einen grossen Drang verspüre, Alkohol zu trinken. Was sind die gesündesten/besten Tipps, um dieses Bedürfnis zu verdrängen?
Dörte Petit: Prima, dass Sie sich dem Dry January anschliessen, und eventuell auch darüber hinaus gehen möchten. Dies kann auch eine Gelegenheit sein, mehr über sich selbst und Ihren Alkoholkonsum herauszufinden: Beispielsweise, in welchen Situationen verspüren Sie einen grossen Drang, Alkohol zu trinken? Kommt es in Situationen, in denen allenfalls ein gewisser Gruppenzwang herrscht, dazu? Was sind mögliche andere Gründe? Falls es eher in Situationen, in denen «alle» trinken, zu einem Drang kommt, würde ich thematisieren, dass Sie keinen Alkohol trinken möchten. Je nach dem, was die Gründe für den Drang sind, kann es auch gut sein, sich weiter beraten zu lassen.
Aktuell lese ich immer häufiger, dass Alkohol Krebs verursacht, aber kaum je davon, welcher Art. Beim Rauchen scheints klar, aber welchen Krebs verursacht Alkohol? Und ist bei Alkohol nicht eher ein hoher Blutdruck eine typische fast gefährlichere Folgeerscheinung?
Regina Esser: Alkohol ist nach aktuellem Wissenstand für mindestens 7 Krebsarten verantwortlich. Hierzu gehören Tumore von Mund, Kehlkopf, Speiseröhre, Magen, Darm, Leber und Bauchspeicheldrüse. Aber Alkohol erhöht auch das Risiko für Brustkrebs. Allerdings gibt es neben der krebsverursachenden Wirkung auch weitere gesundheitsschädliche Aspekte, wie z.B. ein erhöhter Blutdruck, Fettleber oder Erkrankungen durch Vitamin- und Nährstoffmangel.
Können sich das Gehirn und die Organe nach einer exzessiven Zeit (Rauschtrinken) in der Jugend und frühen Erwachsenenleben regenerieren, wenn ab ca. 30 Jahren praktisch kein Alkohol mehr getrunken wird? Was soll bei zukünftigem Konsum beachtet werden, ist das seltene Rauschtrinken schädlicher als öfterer moderater Konsum?
Stephan Streit: Guten Abend, vielen Dank für deine wichtige und persönliche Frage. Ja – vieles kann sich erholen, aber nicht alles, und das Risiko für Spätfolgen bleibt erhöht.
Gehirn und Leber können sich bei späterer Abstinenz oder sehr geringem Konsum teilweise regenerieren, vor allem wenn keine fortgeschrittenen Schäden wie Leberzirrhose oder schwere kognitive Defizite entstanden sind. Nach exzessivem Rauschtrinken in Jugendjahren ist ein weitgehender «Reset» durch langfristig nüchternes Leben möglich. Für die Zukunft gilt: Am sichersten ist weitgehende oder vollständige Abstinenz; laut den neusten Empfehlungen der WHO gibt es keine risikofreie Alkoholmenge.
Deshalb empfehle ich dir, dich bei deinem Hausarzt oder auf einer Suchtfachstelle für weitere Abklärungen zu melden.
Ich muss gestehen, dass ich doch etwas erschrocken bin ob der fünf Einzeldosen pro Monat. Auch wenn ich nur am Wochenende einzelne Gläser trinke, komme ich da im Monat schnell auf acht oder mehr... Danke für diesen Beitrag. Was ich allerdings in diesem Anhang anregen möchte ist die die Thematik der Verantwortung von Moderatorinnen und Moderatoren. Selbst in der nachmittäglichen Sendung, als es um die Vorschau zur Sendung ging, wurde darüber gelacht nach dem motto 'ups nur 5 Einheiten – das schafft ja niemand'. Sehr oft fällt mir auf, wie flapsig am Rande in Sendungen über das Feierabendbier oder andere Gelegenheiten des Trinkens gesprochen wird. Meist mit amüsiertem Ton der suggeriert, dass Alkohol in dieser oder jener Gelegenheit 'normal' sei. Oft auch im Format Impact, indem 'dokumentarisch' über Drogen und andere Suchtmittel berichtet wird. Oft bekommt man dabei den Eindruck, dass dies wohl eher ein Werbespot denn als Abschreckung zu verstehen ist.
Maria Brehmer: Danke für diese Frage und Anmerkung. Zunächst einmal finde ich es sehr wichtig und positiv, dass ein bewussterer Umgang mit Alkohol überhaupt Thema in Sendungen und Berichterstattung ist. Das ist ein Schritt in die richtige Richtung.
Gleichzeitig zeigen Ihre Beispiele sehr deutlich, wie tief Alkohol in unserer Kultur verankert und normalisiert ist. Wir sprechen über Trinkmengen, Empfehlungen, Trinkpausen oder Grenzwerte – und übersehen dabei oft ein wesentliches Problem, oder eine Hürde:
- Alkohol ist sozial hoch akzeptiert, emotional aufgeladen und allgegenwärtig. Er gehört zum Bild, zur Sprache, zum Humor, zum Feierabend, und genau diese Normalität macht ihn so wirkmächtig.
- Wenn in Beiträgen, Filmen und Literatur vermittelt wird: Das gehört dazu, das ist harmlos, das machen doch alle, festigt das jedes Mal dieses Bild. Für Menschen, die bereits kämpfen oder zweifeln, kann das sehr ent-lastend wirken – oder sehr be-lastend.
Bewusstsein entsteht nicht nur durch Zahlen, sondern auch durch Haltung. Und jede differenzierte, respektvolle Einordnung trägt dazu bei, dass Menschen – so wie Sie hier – sich selbst ehrlichere Fragen stellen können, ohne Scham und ohne Lächerlichmachen.
Hallo, ist es so, dass Alkoholkonsum beim Stillen für das Baby gesundheitlich unbedenklich ist, solange man eine genug lange Pause macht und die Milch wegkippt?
Regina Esser: Ich würde dazu raten, auf Alkohol in der Stillzeit komplett zu verzichten. Alkohol schädigt die Entwicklung und Schlaf des Babys. Der Alkoholgehalt in der Muttermilch entspricht ungefähr der Blutalkoholkonzentration. Um zu wissen, wann sie nach dem Alkoholkonsum die Muttermilch wieder rein ist, müsste man seine Alkoholabbauzeit kennen. Das sind normalerweise mehrere Stunden, aber abhängig von Trinkmenge und weiteren Faktoren wie z.B. ob man etwas gegessen hat oder auf nüchternen Magen trinkt. In der Praxis wird das kompliziert. Sicherer ist es gar nicht zu trinken.
Warum wird man immer noch komisch angesehen, belächelt oder ausgeschlossen, wenn man bewusst keinen Alkohol trinkt, um sich damit etwas Gutes zu tun?
Maria Brehmer: Danke für diese Frage, die ich als eine Person, die seit einigen Jahren keinen Alkohol mehr trinkt, früher aber sehr regelmässig trank, sehr gut kenne und mir auch immer wieder selbst beantworten musste.
Die Antwort: Weil Alkohol in unserer Kultur nicht nur ein Getränk ist, sondern ein soziales Bindemittel, ein jahrhundertealtes Kulturgut, eine normalisierte, psychoaktive Droge. Wer bewusst nicht trinkt, stellt – meist ungewollt – eine Gewohnheit in Frage, die für viele selbstverständlich ist. Das kann verunsichern und wird dann schnell mit Belächeln, Relativieren oder sogar Ausschluss beantwortet. (Oder, was es auch gibt: Mit sehr grosser Neugier und einer Art Faszination, die man dann aber gerne versteckt.)
Hinzu kommt: Wenn jemand sagt „Ich trinke nicht“, entsteht bei anderen manchmal ein innerer Vergleich. Und die Erkenntnis: Oh, das geht also auch! Und das innere Rattern beginnt ...
Aber: Gleichzeitig verändert sich aber auch gerade sehr viel. Alkoholfrei zu leben oder bewusst zu verzichten wird zunehmend akzeptierter, weil es sichtbarer und vertrauter wird. Immer mehr Menschen machen diese Erfahrung, sprechen darüber, es gibt Sendungen, leisere und lautere Stimmen – und dadurch verliert das Nicht-Trinken langsam seinen Sonderstatus.
Meine Eltern trinken schon seit ich denken kann praktisch jeden Abend (auch unter der Woche) relativ viel Alkohol (mind. 1-2 Bier und mehrere Gläser Wein), zum Teil steht den ganzen Abend kein Wasserglas auf dem Tisch. Ich habe meine Eltern im Teenageralter vermehrt darauf hingewiesen, auch darauf, dass es für mich emotional schwierig ist, damit umzugehen. Meine Mutter trinkt seither bedeutend weniger, mein Vater hat sein Verhalten kaum angepasst. Inzwischen bin ich ausgezogen und er wird bald pensioniert und ich sorge mich, dass der Alkoholkonsum noch weiter steigt (Langeweile, fehlende Struktur, etc.). Wie kann ich kommunizieren, dass der Alkoholverbrauch in meinen Augen in einem problematischen Bereich ist? Ab wann gilt der Konsum als problematisch bzw. ist dann jemand schon Alkoholiker/Alkoholikerin? Danke und einen schönen Abend
Stephan Streit: Danke für deine persönliche Schilderung – deine Sorge ist sehr nachvollziehbar. Wenn ich das richtig verstehe, bist du bereits als Kind und Jugendliche in einer suchtbelasteten Familie aufgewachsen. Die bevorstehende Pensionierung deines Vaters wird sicher eine zusätzlich herausfordernde Situation.
Problematisch wird Konsum, wenn regelmässig deutlich mehr als 2 Standardgläser pro Tag (Frauen) bzw. 3 pro Tag (Männer) getrunken werden und Alkohol täglich konsumiert wird – dann spricht man von chronisch risikoreichem Konsum.
Eine Alkoholabhängigkeit liegt vor, wenn zusätzlich Kriterien wie starkes Verlangen, Kontrollverlust, Toleranzsteigerung, Entzugserscheinungen und Weitertrinken trotz gesundheitlichen und/oder sozialen Schäden dazukommen – dieser Übergang vom Genuss zur Sucht verläuft meist schleichend über Jahre.
Du musst mit deinen belastenden Fragen nicht allein bleiben: Es gibt kostenlose, vertrauliche Beratungen für Angehörige, z.B. beim Blauen Kreuz oder kantonalen Suchtberatungen, wo du deine Situation in Ruhe besprechen und dir Rückhalt holen kannst.
Alles Gute und viel Zuversicht.
Wieso ist Alkohol schlecht für die Haut? Wie trägt sie zu Akne bei? Vielen Dank für Ihre spannenden Antworten.
Regina Esser: Alkohol kann das Hautbild auf auf verschiedene Weise negativ beeinflussen. Alkohol fördert Entzündungen und kann zu einer Zunahme der Talproduktion führen, und somit Akne begünstigen. Alkohol entzieht der Haut Feuchtigkeit und führt zum Kollagenabbau und somit zu vorzeitiger Hautalterung beitragen. Alkohol erweitert kleine Blutgefässe, was Rötungen verursacht. Vor allem Menschen mit Rosazea bemerken häufig eine Verschlechterung ihrer Symptome nach Alkoholkonsum.
ich habe einen Freund, der seit 3 Monaten kein Alkohol mehr trinkt. Seit dem ist er nicht mehr richtig in unserer Runde integriert, auch bei alkohol-freien Aktivitaeten. Dort ist er auch sehr ungemuetlich geworden und hat keinen Spass mehr. Wie koennen wir ihn ermuntern wieder Alkohol zu trinken?
Maria Brehmer: Zunächst einmal: Jemanden dazu ermuntern zu trinken, nachdem er sich bewusst entschieden hat, keinen Alkohol mehr zu konsumieren, ist keine hilfreiche Unterstützung. So wie Trinken eine persönliche Entscheidung ist, ist es auch der Verzicht darauf.
Dass Ihr Freund sich verändert hat oder im Moment weniger ausgelassen wirkt, kann viele Gründe haben. Für manche Menschen ist der Verzicht auf Alkohol zunächst mit einer Phase der Neuorientierung verbunden: Gefühle werden direkter erlebt, Dynamiken in Freundschaften verändern sich, Rollen müssen sich neu finden. Das ist kein Zeichen, dass die Entscheidung falsch war – oft im Gegenteil.
Vielleicht fühlt er sich weniger integriert, weil er spürt, dass er wieder so sein soll wie früher und seine Kollegen ihn gerne wieder trinkend hätten. Das erzeugt Druck und Distanz oder auch das Gefühl, nicht akzeptiert zu sein. Was wirklich helfen kann, ist Interesse statt Erwartung: Nachfragen, zuhören, ihn so akzeptieren, wie er gerade ist – ohne ihn verändern zu wollen.
Ich habe früher mit meinem Mann zum Mittagessen und Abendessen ein Glas Wein getrunken, mit Gästen noch mehr. Regeneriert sich die Leber etc. wieder, wenn man nichts mehr trinkt? Seit mein Mann gestorben ist trinke ich sehr selten, und wenn dann nur in Gesellschaft Bier oder Wein.
Regina Esser: Die Leber ist glücklicherweise ein sehr regenerationsfreudiges Organ. Sofern der Schaden durch Alkohol noch nicht weit fortgeschritten ist, besteht eine grosse Chance, dass sich das Organ wieder vollständig erholt. Allerdings besteht auch ein genetisches Risiko. Nicht alle Menschen verstoffwechseln Alkohol gleich gut. Es gibt Menschen, die schon bei geringeren Mengen Alkohol mit Entzündungen der Leber reagieren.
Hallo. Ich finde es nach wie vor erschreckend, dass eine so schädliche Substanz wie Alkohol legal und völlig normalisiert ist in unserer Gesellschaft. Ich habe deshalb vor 12 Jahren entschieden nie mehr Alkohol zu trinken und bin froh, dass mir dies gelungen ist. Meine persönliche Vermutung ist, dass es am Gesündesten ist absolut Null Alkohol zu konsumieren. Was sagt die Medizin/Wissenschaft dazu?
Maria Brehmer: Ihre Vermutung ist korrekt: Die aktuelle Wissenschaft ist heute sehr klar darin, dass es keine gesundheitlich unbedenkliche Menge Alkohol gibt. Jeder Konsum hat eine messbare Wirkung im Körper – auf Zellen, das Nervensystem, den Schlaf, das Krebsrisiko. In diesem Sinne ist Null Alkohol aus medizinischer Sicht die gesündeste Option.
Warum also eine Sendung wie diese? Weil Alkohol eben nicht nur ein gesundheitsschädlicher Stoff, sondern ein tief kulturell, sozial und emotional verankertes Mittel ist. Er steht für Entspannung, Zugehörigkeit, Belohnung, Abschalten – und genau deshalb verhandeln wir gesellschaftlich ständig darüber: Wie viel ist „okay“? Wann wird es problematisch? Warum fällt Verzicht so schwer?
Formate wie PULS sind wichtig, weil sie diese Normalisierung sichtbar machen und zur Reflexion einladen – ohne moralischen Zeigefinger. Es geht nicht darum, Menschen vorzuschreiben, wie sie leben sollen, sondern darum, informierte Entscheidungen zu ermöglichen und Räume zu öffnen, in denen auch Nicht-Trinken als gleichwertig und legitim wahrgenommen wird.
Je mehr wir darüber sprechen, desto mehr verschiebt sich das Bewusstsein – und genau das erleben wir gerade.
Unser Sohn, 35 Jahre alt, ist seit vielen Jahren Alkoholiker. Kliniken, Wohnen bei uns etc. nützten nichts. Er hat sich sehr negativ verändert und seinen Aussagen können wir keinen Glauben schenken. Er behauptet immer, nicht zu trinken, was jedoch nicht stimmt. Immer mehr spüre ich, wie gesundheitliche Symptome bei mir auftreten. Ich habe jedoch ein schlechtes Gewissen, mich von meinem Sohn zurückzuziehen. Wie soll ich mich verhalten? Vielen Dank für Ihre Antwort.
Stephan Streit: Guten Abend, danke, dass Sie Ihre Situation mit uns teilen. Sie haben als Eltern über viele Jahre enorm viel getragen – mit Sorgen, Hoffnungen und Enttäuschungen. Es ist wichtig zu betonen: Ihr Sohn ist suchtabhängig, und Sie tragen nicht die Schuld daran, dass bisherige Versuche wenig bewirkt haben. Gleichzeitig ist es verständlich, dass Ihre eigene Gesundheit jetzt leidet. Auch Sie haben die Möglichkeit Unterstützung, Ermutigung und Entlastung zu erhalten. Dabei können ihr Hausarzt, Angehörigen‑Beratungen bei Suchtfachstellen oder Selbsthilfegruppen sehr hilfreich sein, damit Sie einen Weg finden, der sowohl Ihrem Sohn wie auch Ihnen Unterstützung bietet.
Wo konsumieren Jugendliche am meisten Alkohol in der Schweiz? Wie stehen Sie zur Altersregelung bezüglich Alkohol? Gibt es etwas, das Sie aktuell gerne anpassen würden? Finden Sie, dass Schulen ihre Jugendliche ausreichend genug über die Folgen von Alkoholkonsum aufklären? Wo sehen Sie Verbesserungspotenzial in der Prävention?
Dörte Petit: Bezüglich der Altersregelung gibt es immer wieder Diskussionen, ob die Altersgrenze für alle Getränke auf 18 angehoben werden sollte. Argumente hierfür sind die Hirnentwicklung, die Wirkung des Alkohols auf die Risikobereitschaft etc. Wirksame Prävention besteht nicht aus Aufklärung über die Folgen von Alkoholkonsum. Bezüglich der Prävention wäre es wichtig, sich nicht auf eine Substanz (in diesem Fall den Alkohol) zu konzentrieren, sondern breiter und früher anzusetzen: Schon Kinder im Grundschulalter können von wirksamen Präventionsmassnahmen profitieren, indem psychosoziale Kompetenzen gefördert werden. Wenn dies regelmässig und kompetent umgesetzt wird, wirkt sich dies positiv auf den Substanzkonsum aus, im Sinne es eines geringeren Konsums im Jugendalter. Die Förderung der Lebenskompetenzen ist daher ein wichtiger Bestandteil der Prävention bei Kindern und Jugendlichen. Parallel dazu ist es auch wichtig, die Umwelt so zu gestalten, dass der Alkoholkonsum nicht mehr so normalisiert wird, wie es derzeit der Fall ist. Dies kann durch Werbeeinschränkungen aber auch die Gestaltung von Bars, Angebote von attraktiven nicht alkoholischen Getränken etc. geschehen.
Ist es richtig,dass Menschen mit einem Magenbypass kein Alkohol trinken sollten? Gibt es dazu Studien?
Regina Esser: Es gibt sicher Studien, wobei mir diese nicht bekannt sind. Es ist aber so, dass der Hauptteil von Alkohol im oberen Darmabschnitt ins Blut aufgenommen ist. Wie schnell das passiert, ist auch von der Magenfüllung abhängig. Ein gefüllter Magen verzögert die Resorption von Alkohol und die Blutkonzentration steigt weniger schnell an. Nach einer Magen-Bypass Operation verkürzt sich die Magen-Darm Passage und man kann weniger feste Nahrung essen. Das wiederum begünstigt die schnelle Alkoholaufnahme und das Risiko von Alkoholvergiftungen.
Ich möchte herausfinden wie ich spüre, dass mir die Reduzierung von Alkohol gut tut resp. den Verzicht körperlich (positiv) spüre. Ich habe schon mehrmals auf den Konsum von Alkohol verzichtet, fühlte mich aber weder besser nich schlechter dadurch. Gerade an warmen Sommerabenden geniesse ich gerne ein kühles Bier beim grillen oder nach einem intensiven Training (Fussball). Gerade innerhalb des Vereinslebens ist es nicht immer einfach darauf zu verzichten, Immer wieder sind Sprüche darüber zu hören wenn alkoholfreies Bier bestellt wird. Ich habe schon einige Marken und Sorten an alkoholfreiem Bier probiert fand jedoch noch immer keines, dass an den klassischen Biergeschmack anknüpfen kann. Selber würde ich mich mittlerweile als seltener Gelegenheitstrinker bezeichnen. Gerade im Herbst/Winter fällt es mir einfach darauf zu verzichten und ich spüre kein Verlangen umbedingt trinken zu müssen. Im Frühling/Sommer steigt jedoch die Lust auf ein kühles Blondes. Was kann ich unternehmen um dieses Verlangen besser zu steueren oder zu widerstehen?
Maria Brehmer: Ihre Schilderung zeigt sehr gut, worum es beim Alkohol oft eben nicht geht: nicht primär um die Menge – sondern um Funktion, Gewohnheit und Zugehörigkeit. Das «kühle Bier nach dem Training» oder beim Grillieren steht weniger für den Alkohol selbst als für Belohnung, Entspannung, Gemeinschaft und Ritual. Genau deshalb taucht das Verlangen saisonal auf: Sommer, Wärme, Vereinsleben, Geselligkeit – das Gehirn hat gelernt, das gehört zusammen.
Wenn Sie beim Verzicht weder deutliche positive noch negative Effekte spüren, kann das mehrere Gründe haben: Erstens sind viele Effekte subtil und schleichend (Schlaf, Regeneration, Reizbarkeit, innere Ruhe) und werden oft erst im Vergleich oder über längere Zeit wahrnehmbar. Zweitens trinken Sie bereits wenig – dann fühlt sich der Unterschied nicht sehr gut spürbar an. Und drittens kann es sein, dass Sie aktuell weniger den Alkohol „brauchen“, sondern eher das Gefühl dahinter oder wie erwähnt für die einhergehenden Effekte. Spannend ist daher nicht nur die Frage «Wie widerstehe ich?», sondern:
Was soll mir dieses Bier gerade geben?
- Entspannung nach Leistung?
- Zugehörigkeit im Team?
- Abschalten im Kopf?
Wenn Sie diese Funktion ernst nehmen, können Alternativen entstehen, die nicht einfach nach fadem Ersatz schmecken, sondern das Bedürfnis direkt ansprechen: z. B. bewusstes Runterfahren nach dem Training, ein fixes alkoholfreies Ritual, klare innere Haltung im Verein („Ich entscheide das für mich“) oder auch das Aushalten der kurzen Irritation, wenn Sprüche kommen – die oft mehr über die Gruppe als über Sie sagen.
Veränderung entsteht selten durch Verbote, sondern durch Selbsterkenntnisse. Wenn Sie besser verstehen, wofür das Bier in diesen Momenten steht, braucht es deutlich weniger Kraft, darauf zu verzichten – oder bewusst zu entscheiden.
Wie stark ist eigentlich ein Zusammenhang des Alkoholkonsums mit dem Dupuytren (eine gutartige Bindegewebserkrankung der Hand) belegt und lässt sich eine weiteres Fortschreiten des Dupuytren durch Alkoholverzicht aufhalten?
Regina Esser: Alkohol gilt als Risikofaktor für eine Dupuytren-Erkrankung. Wobei hier der Mechanismus nicht geklärt ist, und es auch Studien gibt, die den Zusammenhang nicht belegen konnten. Von daher ist die Datenlage nicht so eindeutig. Anders sieht es aus, wenn bereits eine Leberzirrhose besteht, da diese egal ob durch Alkohol verursacht oder nicht, die Bindegewebserkrankung begünstigen kann.
Ich möchte mich erkundigen wie ich mit meinem nahestehenden Kollegen umgehen soll und kann. Dieser trinkt schätzungsweise an 6 Tagen die Woche, wenn nicht täglich Alkohol in viel zu hohen Mengen. Meistens am Abend. Oft Hochprozentiges. Der Arbeit wird nachgegangen, Hygiene etc. wird langsam etwas kritisch. Ich habe ihn schon mehrfach auf das problematische Verhalten angesprochen. Auch im Sinne von « Die Leute, deine Freunde und Bekannten machen sich sorgen um dich». Ein gewisser Fatalismus ist manchmal wahrnehmbar im Sinne von «Ich habe nicht vor alt zu werden». Ich versuche ein gutes Beispiel zu sein mit alkoholfreien Wochen, hinterfragen etc. Was kann ich tun? Habe ich eine Möglichkeit in zu einem Klinik Aufenthalt zu zwingen oder zu überreden? Besten Dank für Ihre Antwort
Stephan Streit: Guten Abend, Ihr Engagement für Ihren Kollegen geht bereits weit über das Übliche hinaus. Es scheint sich bereits um eine chronische Alkoholabhängigkeit zu handeln, die wirklich sehr ernst zu nehmen ist.
Sprechen Sie ihn weiterhin nur nüchtern, unter vier Augen und respektvoll an: Schildern Sie Ihre konkreten Beobachtungen (hoher Konsum, Hochprozentiges, veränderte Hygiene, negative Stimmung) und Ihre Sorge – ohne eine Diagnose zu stellen. Ermutigen Sie ihn zu einem ersten Abklärungstermin bei seinem Hausarzt oder in einer ambulanten Suchtfachklinik und bieten Sie an, ihn dabei zu unterstützen, etwa indem Sie gemeinsam anrufen oder ihn zu einem Informationsanlass in einer Suchfachklinik begleiten.
Zudem besteht auch die Möglichkeit, dass er sich über SafeZone (https://www.safezone.ch) anonym und kostenlos online beraten kann.
Gibt es Unterschiede in der Beurteilung des Alkoholkonsums und des Konsums anderer Substanzen wie zB Cannabis oder sind die Antworten in diesem Chat auch in Bezug auf andere Substanzen anwendbar?
Stephan Streit: Guten Abend, danke für die spannende Frage. Grundprinzipien wie riskanter Konsum, schädlicher Gebrauch und Abhängigkeit werden bei Alkohol und anderen Substanzen (z.B. Cannabis) nach sehr ähnlichen Kriterien beurteilt – etwa Verlangen, Kontrollverlust, Toleranz, Entzug und Weiterkonsum trotz schädlichen Folgen.
Viele Antworten in diesem Chat (z.B. zur Früherkennung, zum Ansprechen, zur Rolle von Angehörigen und zum bio‑psycho‑sozialen Verständnis von Abhängigkeit) lassen sich deshalb gut auch auf andere Substanzen übertragen. Unterschiede gibt es vor allem in der konkreten Behandlung und Prävention, weil Wirkweise, rechtlicher Status, körperliche Folgen und Entzugsverläufe von Alkohol und Cannabis nicht identisch sind – Therapiekonzepte und medizinische Schritte werden substanzspezifisch angepasst.
Weitere Informationen findest du auch auf: https://www.suchtschweiz.ch
Kann man bei Xerostomie eine Alkoholunverträglichkeit haben? Nach Wein oder Sekt bekomme ich einen heissen Hals, der brennt und warme Lymphknoten. Beides fühlt sich nicht gut an. Ist dies eine Alkoholunverträglichkeit?
Regina Esser: Bei der Xerostomie (Mundtrockenheit) wird weniger Speichel produziert, was die Schleimhaut empfindlich und anfälliger für Infektionen macht. Alkohol wirkt wie eine schwache Säure, was die Schleimhaut zusätzlich reizt und zu den von Ihnen beschriebenen Symptomen beitragen kann.
Stimmt die Aussage, dass Rotwein gut sei für das Blut/Blutbildung?
Regina Esser: Nein, das kann man so nicht sagen. Im Gegenteil, hoher Alkoholkonsum, ob Rotwein oder anderes, kann Nährstoffdefizite wie Eisen-, Vitamin B12- oder Folsäuremangel begünstigen, was zu einer Blutarmut führen kann.
Ich schaue sehe interessiert die Sendung auf Srf1. Ich bin 33 Jahre alt, Mami seit 14 Monaten und merke immer mehr, dass ich mittlerweile den Alkohol benötige – jeden Tag. Ich betrinke mich natürlich nicht ins Koma, aber es tut mir gut und ich kann somit meine Einsamkeit zuahause mit Kind etwas „überbrücken“. Es sind aktuell jeden Tag zwischen 0.5 bis 1 Flasche Wein oder Prosecco. Es macht mir sehr Angst, da ich so wie es aussieht die nächsten 1-2 Jahre zuhause bin und Mami sein darf (mein Mann arbeitet 100%). Ich frage mich, wie komme ich da am besten wieder raus? Ich möchte wieder happy sein können, fitter sein und weniger Konflikte mit mir und meinem Partner haben. All dies ist mir total bewusst, dass dies der Alkohol alles beeinflusst. Soll ich mich bei meinem Hausarzt melden? Ich schäme mich sehr dafür und wenn mein Mann davon wüsste, dann wäre dies ein riesen Problem für ihn. Vielen Dank für Ihre Antwort.
Maria Brehmer: Das ist eine sehr berührende und mutige Frage. Danke, dass Sie sie stellen.
Das Wichtigste zuerst: Sie sind damit nicht alleine – und Sie müssen da auch nicht alleine wieder herausfinden. Viele junge Mütter erleben genau diese Mischung aus Einsamkeit, Dauerverantwortung und fehlender Entlastung. Alkohol wird dann nicht «zum Problem», weil man schwach ist, sondern weil er kurzfristig zu einer emotionalen Entlastung wird.
Scham sorgt leider oft dafür, dass Menschen viel zu lange alleine bleiben. Dabei ist genau jetzt der richtige Moment, hinzuschauen: Sie merken, dass Sie den Alkohol brauchen, Sie haben Angst davor, wie es sich entwickelt, und Sie wünschen sich Veränderung. Das ist kein Eingeständnis von Schwäche, sondern Bewusstsein und Selbstverantwortung.
Zu Ihren konkreten Fragen:
- Ja, ein Hausarzt oder eine Hausärztin, dem/der Sie vertrauen, ist ein sehr guter erster Schritt. Sie müssen dort nicht «alles erklären» oder sich rechtfertigen (oft eine grosse Angst). Es geht darum, Unterstützung zu bekommen – medizinisch und menschlich.
- Auch eine Suchtfachstelle oder Beratungsstelle ist absolut sinnvoll – und viel niederschwelliger, als viele denken. Dort geht es nicht um „Etiketten“, sondern um Entlastung, Einordnung und konkrete Hilfe.
- Ein weiterer wichtiger Punkt: Sie dürfen und sollen Ihren Mann mit in die Verantwortung nehmen. Auch wenn er 100 % arbeitet, heisst das nicht, dass die gesamte emotionale und mentale Last bei Ihnen liegen muss. Einsamkeit, Überforderung und Daueranspannung sind keine privaten Probleme, sondern ein gemeinsames Thema in einer Familie. Veränderung gelingt langfristig meist besser, wenn man sie nicht verstecken muss.
- Wichtig: Wenn täglich 0,5–1 Flasche Alkohol im Spiel ist, bitte nicht abrupt alleine aufhören, sondern begleitet.
Sie dürfen sich Hilfe holen. Sie dürfen das ernst nehmen. Und Sie dürfen Schritt für Schritt einen Weg finden, der zu Ihnen passt – ohne (noch mehr) Schuld, aber mit Unterstützung.
Wenn ich mehr als 1 Glas Wein trinke, beginnt bei mir in der Regel die Nase zu laufen – teilweise auch mit Niesanfällen. Kann man allergisch auf Alkohol sein?
Regina Esser: Eine laufende Nase nach Rotwein Konsum kann ein Hinweis auf eine Histaminintoleranz sein. Rotwein enthält viel Histamin und setzt gleichzeitig körpereigenes Histamin frei. Empfindliche Menschen können hier mit Kopfschmerzen, Hautrötungen, laufender oder verstopfter Nase und Atemnot reagieren.
Mein älterer Bruder ist alkoholsüchtig. Ich mache mir grosse Sorgen um seine Gesundheit und um den Verlust von Beziehungen. Wie und mit welchen Worten kann ich ihn darauf ansprechen und ihm meinen Wunsch, einen Alkoholentzug in Erwägung zu ziehen, vermitteln.
Stephan Streit: Vielen Dank für deine sehr persönliche Frage und dein grosses Engagement für deinen Bruder. Wenn du ihn ansprichst, kannst du dir überlegen: Musst du das Gespräch alleine führen oder gibt es eine andere angehörige Person (Familienmitglied, Partner*in, Arbeitskollegen), die dabei hilfreich wären.
Mögliche Formulierungen könnten sein:
- «Ich mache mir grosse Sorgen um deine Gesundheit und darum, dass du Beziehungen verlieren könntest.»
- «Ich habe gemerkt, dass Alkohol immer mehr Raum in deinem Leben einnimmt, und das macht mir Angst.»
- «Ich würde mir sehr wünschen, dass du deinen Hausarzt aufsuchst oder eine Suchtberatung in Erwägung ziehst – ich unterstütze dich gerne bei den ersten Schritten.»
Unabhängig davon ist es sehr empfehlenswert, dass du selbst eine persönliche Angehörigenberatung bei einer Suchtfachstelle in Anspruch nimmst – oder auch anonym online (z.B. SafeZone) –, um Rückhalt, Entlastung und konkrete Unterstützung für deinen eigenen Weg zu bekommen.
Ich habe zwei Teenager Kinder im Alter von 18 (w) und 16 (m). Sie trinken am Wochenende regelmässig. Wie kann ich ihnen einen guten Umgang mit Alkohol beibringen. Ich selber trinke im Alltag nie, bei Festen moderat (ein bis zwei Gläser). Der Vater ebenfalls.
Dörte Petit: Vielen Dank für Ihre Frage. Es ist wichtig, dessen bewusst zu sein, welchen Einfluss man als Eltern auf das Konsumverhalten der eigenen Kinder haben kann. Selbst ein Beispiel zu geben, wie Sie und Ihr Partner dies tun, ist hilfreich. Wichtig ist, im Gespräch zu sein, riskantes Verhalten zu thematisieren, wie etwa alkoholisiert Auto zu fahren. Sie schreiben, dass Ihre Kinder am Wochenende regelmässig Alkohol trinken. Hier ist es kann es hilfreich sein, im Gespräch zu sein, ob sie sich am Wochenende regelmässig betrinken oder lediglich ein Glas trinken. Der Alkoholkonsum sollte nicht bagatellisiert oder normalisiert werden. Aber besonders wichtig ist es, im Austausch zu sein.
Was und wie wird gecoacht zum Thema alkoholfreies Leben?
Stephan Streit: Eine erste sehr konkrete Möglichkeit eines Coachings für ein suchtfreies Leben läuft aktuell in der ganzen Schweiz unter dem Motto «Dry January» (https://www.dryjanuary.ch). Viel Spass und Erfolg dabei.
Ich habe noch nie alkoholische Getränke zu mir genommen. Ganz einfach, weil ich diese abscheulich finde. (Übrigens Jahrgang 1945.) Nun höre ich aber immer wieder, ein regelmässiges Glas Alkoholisches sei gut für Herz und Nerven. Soll ich mich überwinden und hie und da Wein oder Bier trinken?
Regina Esser: Davon rate ich Ihnen ganz klar ab. Wenn Sie Alkohol nicht mögen, gibt es keinen Grund ihn zu konsumieren. Alkohol ist ein Zellgift, welches sich auf vielfältige Weise schädlich auf die Gesundheit auswirkt. Es gibt nur wenig Hinweise auf eine positive Wirkung. Nach aktuellem Wissenstand überwiegen die negativen Konsequenzen. Wenn Sie Alkohol verabscheuen, ist das die natürliche Reaktion ihres Körpers, auf den Sie hören sollten.
Die Gelegenheiten und die Ständige verfügbarkeit macht es für mich schwierig. Vorallem bei Anlässe mit vielen Leute wirkt es für mich sehr verführerisch. Man nimmt sich viel vor, nichts zu trinken jedoch siegt dann der innere Schweinehund und es bleibt leider nicht nur bei einem Glas. Für mich am Schwierigsten, da unter Alkoholeinfluss ein sehr guten und lockeren Gesprächsfluss entsteht die Frage ist wie ich ohne in diesen komme.
Maria Brehmer: Was Sie beschreiben, ist sehr menschlich und mag vielen sehr bekannt vorkommen. Alkohol senkt Hemmungen und macht Gespräche scheinbar leichter – dafür wird er ja so oft genutzt. Das Problem ist nicht, wie Sie sind, sondern die Annahme, dass diese lockere Seite nur mit Alkohol möglich ist.
Ohne Alkohol fühlt sich Geselligkeit anfangs ungewohnt an, das kennen viele. Reden ohne Schwips muss also durchaus gelernt sein! Gesprächsfluss entsteht dann nicht mehr durch Enthemmung, sondern durch aktive Präsenz (die, ja, für viele anstrengend sein kann).
Vielleicht lohnt sich daher weniger die Frage «Wie werde ich ohne Alkohol genauso locker?», sondern eher: «Warum muss ich überhaupt immer locker sein?» Oft entsteht echte Verbindung genau dort, wo man sich nichts beweisen muss.
Mein Vater, Jg. 1942 trinkt schon lange zu viel Alkohol. Jetzt 2 Flaschen Rotwein pro Tag, beginnend um ca. 11 Uhr. Was raten Sie mir? Merci!
Stephan Streit: Guten Abend, Sie als Kind eines suchtabhängigen Vaters tragen seit vielen Jahren eine grosse Belastung – es ist wichtig, dass auch Ihre Situation ernst genommen wird.
Ihr Vater kann auch mit 83 Jahren seine Lebensqualität stabilisieren oder verbessern, wenn sein Alkoholkonsum thematisiert und medizinisch angeschaut wird. Sinnvoll könnte sein, dass Sie sich an den Hausarzt Ihres Vaters wenden und Ihre Beobachtungen und Sorgen schildern; er oder sie kann einschätzen, welche Schritte (z.B. vorsichtige Reduktion, medizinische Abklärung, Unterstützung zu Hause) möglich und realistisch sind. Wenn bereits Spitex, Pro Senectute oder ähnliche Dienste eingebunden sind, lohnt sich ein gemeinsames Gespräch, um zu klären, wie mit dem Alkoholkonsum umgegangen werden kann und wo Grenzen und Schutz nötig sind.
Für Sie persönlich empfehle ich eine kostenlose, vertrauliche Beratung auf einer kantonalen Suchtfachstelle (bspw. https://blaueskreuz.ch).
Wir wünschen Ihnen viel Zuversicht und dass Sie möglichst bald Entlastung erfahren und konkrete Handlungsmöglichkeiten erhalten.
Sollte man Alkopops nicht verbieten? Wären Sie dafür oder dagegen? Wie gross ist der Konsum an Alkopops im Vergleich zu anderen alkoholischen Getränken?
Dörte Petit: Alkopops sind problematisch, da sie süss schmecken, und man den Alkohol daher kaum schmeckt. Zielgruppe sind jüngere Personen. Aus diesem Grund wurde nach ihrer Einführung eine Sondersteuer erhoben, was den Preis ansteigen liess, gleichzeitig dürfen sie in der Schweiz nicht an Minderjährige verkauft werden. Diese Massnahmen haben gewirkt, auch wenn heute immer noch Minderjährige Alkopops konsumieren. Wenn Alkopops verboten würden, würde dies wahrscheinlich dazu führen, dass Jugendliche selbst ihre Getränke mischen. Statt des Verbots einer Getränkeart wäre eine breitere, strukturelle Prävention, die allgemein die Normalisierung des Alkoholkonsums hinterfragt, eher zielführend.
Guten Abend, ich trinke am Wochenende ca zwei Flaschen Wein (an 2-3 Tagen), an den restlichen 4-5 Tagen gar kein Alkohol. Wie schädlich ist das auf die Dauer?
Stephan Streit: Guten Abend, Auf die Dauer ist dieses Muster gesundheitlich problematisch – auch wenn Sie unter der Woche nichts trinken.
Zwei Flaschen Wein auf 2–3 Tage sind bereits episodisch risikoreicher Konsum mit erhöhtem Risiko u.a. für Unfälle, Herz‑Kreislauf‑Erkrankungen und gewisse Krebsarten.
Wichtig ist nicht nur die Menge, sondern die Funktion: Wenn Alkohol vor allem gegen Stress, Frust oder Einsamkeit eingesetzt wird, kann das ein schleichender Übergang vom Genusskonsum zur Abhängigkeit sein.
Hilfreich ist die Frage: «Was gibt mir Alkohol, das ich nicht kriege – und warum fällt mir Verzicht schwer?» Ein alkoholfreier Monat (z.B. Dry January) oder mehrere nüchterne Wochen sind ein guter Test, wie es Ihnen körperlich und psychisch ohne Alkohol geht.
Ich empfehle Ihnen, einen Gesundheitscheck bei Ihrem Hausarzt vorzunehmen oder sich bei einer ambulanten Suchtfachstelle zu melden.
Ich trinke seit Jahren sehr viel Alkohol (ca. 3-4 mal wöchentlich bis zu 3 l Bier oder 1,5 l Wein). Im Moment mache ich dry january, was mir voraussichtlich gut gelingt (habe bereits im Oktober nichts getrunken). Mein Plan für nach Januar wäre es, nur noch ein Mal in der Woche Alkohol zu trinken, z. B. freitags. Was halten Sie von diesem Plan?
Maria Brehmer: Ihr Plan ist absolut nachvollziehbar – und ganz ehrlich: einmal pro Woche zu trinken ist bereits ein riesiger Schritt im Vergleich zu dem, was Sie beschreiben. Dass Dry January (und auch schon der alkoholfreie Oktober) Ihnen gelingt, ist ein sehr gutes Zeichen. Es zeigt, dass Sie grundsätzlich die Fähigkeit haben, Pausen einzulegen – und genau darin steckt viel wertvolle Information.
Solche Trinkpausen sind nicht „einfach nur Verzicht“, sondern echte Beobachtungsräume: Wann taucht das Verlangen auf? In welchen Situationen? Geht es um Entspannung, Belohnung, Abschalten, Zugehörigkeit? Wer das für sich erkennt, nimmt etwas mit, das weit über die reine Trinkmenge hinausgeht.
Ich habe selbst jahrelang kontrolliert getrunken: bestimmte Tage, klare Regeln, feste Grenzen. Nach aussen wirkte das vernünftig – innerlich war es oft erstaunlich anstrengend. Dieses ständige Verhandeln („Heute ja? Morgen nein? Habe ich es mir verdient?“) hat mich mental mehr beschäftigt, als mir bewusst war. Und befriedigend war es selten, weil ein Teil von mir eigentlich immer mehr wollte.
Für mich wurde es erst richtig ruhig, als ich ganz aufgehört habe – nicht aus Disziplin, sondern weil dieses innere Hin-und-Her wegfiel. Das muss nicht für alle so sein, aber viele erleben es ähnlich.
Deshalb ist Ihr Plan keineswegs falsch. Die spannendere Frage ist eher: Fühlt sich dieses einmal-pro-Woche-Trinken für Sie leicht an – oder kostet es mehr Energie, als es Ihnen gibt?
Darauf gibt es keine theoretische Antwort, sondern nur Ihre eigene Erfahrung. Und genau die dürfen Sie jetzt neugierig und wohlwollend sammeln.
Warum weigert sich der Bundesrat die WHO Richtlinien bezüglich Alkohol zu übernehmen? («der erste Tropfen ist bereits krebserregend»)
Dörte Petit: Als kulturell fest verankertes Genussmittel ist Alkohol mit bedeutenden wirtschaftlichen Interessen verbunden. Diese prägen den öffentlichen und politischen Diskurs in hohem Masse und stehen nicht selten in einem Spannungsverhältnis zu gesundheitspolitischen Zielsetzungen.
Kann es sein das Alkohol positiv auf das Schmerzempfinden ist? Ich habe ab und zu Spannungskopfschmerzen durch Nackenverspannungen und 1-2 Bier wirkt fast besser als ein Aspirin.
Regina Esser: Alkohol dämpft das zentrale Nervensystem und kann eine relaxierende Wirkung auf die Muskulatur haben und auf diesem Weg Spannungskopfschmerzen kurzzeitig lindern. Allerdings ist das eine trügerische Form der Entspannung, da bei häufigen Konsum der gegenteilige Effekt auftreten kann.
Weshalb übernimmt die offizielle Schweiz nicht die Empfehlung der WHO, auf Alkohol genauso zu verzichten wie aufs Rauchen, Kokain, Crack, etc.? Gibt es in diesem Bereich pseudo-wissenschaftliche Befunde wie beim vom Mensch verursachten Klimawandel, der immer noch bestritten wird von ganz wenigen ForscherInnen? Danke und beste Grüsse
Dörte Petit: Alkohol nimmt in unserer Gesellschaft die Rolle eines Kulturguts ein. Wirtschaftliche und gesundheitspolitische Aspekte stehen hier in einem Spannungsverhältnis.
Zur Zeit trinke ich bis Ende Februar kein Alkohol. Sonst bin ich Wochenendtrinker. Montag – Donnerstag kein Alkohol. Ein oder 2 Abende bin ich leidenschaftlicher Gintrinker auf Bier und Wein folgen sicher noch ca. 6 Gin tonic. überdurchschnittlich viel. Was empfehlen Sie mir für die Zukunft?
Stephan Streit: Hallo und Kompliment zu Ihrer aktuellen alkoholfreien Phase – das ist ein wichtiger Schritt. Ihr Muster mit vielen Drinks an 1–2 Abenden pro Woche entspricht einem episodisch risikoreichen Konsum (Rauschtrinken) mit erhöhtem Risiko u.a. für Unfälle, Herz‑Kreislauf‑Probleme und gewisse Krebsarten.
Für die Zukunft wäre sinnvoll: Hochprozentiges klar reduzieren, eine Obergrenze pro Abend setzen (z.B. 2–3 Drinks statt «bis 6 Gin Tonic»), weiterhin mehrere alkoholfreie Tage pro Woche einplanen und regelmässig alkoholfreie Phasen wie jetzt (Dry January) einbauen.
Hilfreich ist auch, sich die Frage zu stellen: Trinken Sie vor allem zur Entspannung, gegen Stress oder als «Belohnung». Dann lohnt sich ein Trinktagebuch zu führen und das Ausprobieren anderer Strategien (Sport, Freunde treffen, Hobbys aktivieren), damit es nicht vom Genusskonsum zur Abhängigkeit kommt.
Seit ich 18 Jahre alt bin gehört Ausgang und Rauschtrinken (ca. 3L Bier, danach Mischgetränke wie Vodka-Redbull) zu meinem Leben und dem meines Freundeskreises. Früher (18-26) öfters zweimal wöchentlich, mittlerweile vielleicht noch zweimal monatlich. Man wird halt älter. Mir sind die gesundheitlichen Folgen ehrlichgesagt nicht so bewusst und trotzdem sehe ich die Problematik. Doch ab und an mal einen Rausch tut der Seele gut und das Erlebte „im Suff“ lässt uns auch Jahre danach noch Tränen lachen. Dauerhaft auf Rauschtrinken zu verzichten, ist für mich unvorstellbar, aufgrund von Sportevents, Festivals, Hochzeiten, etc. bei welchen in meinem Wertesystem das „Besoffen sein“ einfach dazugehört und das ganze nochmal „geiler“ macht. Wie sehen Sie meine Situation? Haben Sie konkrete Tipps, wie ich mich zumindest an einen moderateren Alkoholkonsum hinarbeiten kann?
Maria Brehmer: Was Sie beschreiben, ist kein Randphänomen, sondern eine sehr typische Trinkbiografie: Rausch als soziales Bindemittel, als Verstärker von Erlebnissen, als etwas, das Gemeinschaft, Lockerheit und Erinnerungen schafft. Solange das so erlebt wird, fühlt sich Verzicht nicht sinnvoll an – warum sollte man etwas aufgeben, das (noch) bereichert?
Wichtig wird es dort, wo sich ein inneres Abhängigkeitsverhältnis einschleicht: Wenn bestimmte Gefühle, Stimmungen oder Formen von Nähe fast nur noch im Rausch erreichbar scheinen. Dann geht es weniger um die Menge als um die emotionale Kopplung.
Doch auch die Menge ist ein Thema: Regelmässiges Rauschtrinken wirkt stark auf unser Emotions- und Belohnungssystem. Man kann sich daran gewöhnen, dass Lebendigkeit, Enthemmung oder Verbundenheit vor allem mit Alkohol entstehen. Dann sprechen wir von einer emotionalen Gewöhnung – und die kann sich schleichend in eine Abhängigkeit entwickeln, oft lange bevor gesundheitliche Folgen spürbar sind.
Die entscheidende Frage ist deshalb nicht, ob Ihr Konsum «objektiv problematisch» ist, sondern: Woran würden Sie persönlich merken, dass es kippt? Und ab welchem Punkt wäre der Preis zu hoch?
Moderation beginnt oft nicht mit weniger Trinken, sondern mit mehr Bewusstheit: Wann trinke ich – und wofür genau? Das allein kann schon viel verschieben.
Ich habe vor einer Weile begonnen, zuhause nur noch alkoholfreies Bier zu trinken. Ich gönne mir jedoch oft 1x pro Tag. Hat das auch negative Effekte? Gewöhne ich mich so einfach noch mehr an Bier?
Maria Brehmer: Rein körperlich ist alkoholfreies Bier für die meisten Menschen unproblematisch. Es enthält kaum Alkohol, meist wenig Zucker und wirkt nicht suchterhaltend im klassischen Sinn. In dieser Hinsicht ist es eher vergleichbar mit Kaffee: Viele von uns trinken täglich Kaffee, sind daran gewöhnt – ohne dass das per se schädlich oder problematisch ist. Spannender ist die psychologische Ebene: Was bedeutet dieses eine alkoholfreie Bier für Sie? Ist es Genuss, Ritual, Entspannung, ein Feierabendzeichen – oder fühlt es sich eher wie «Ersatz» an?
Manche Menschen merken: Es tut mir gut, ich vermisse nichts. Andere merken: Es hält die Gewohnheit sehr präsent und macht mich innerlich unruhig.
Beides ist wichtig wahrzunehmen. Die entscheidende Frage ist also nicht: «Ist das schlecht?» sondern: «Was macht es mit mir?»
Wenn Sie sich damit freier, ruhiger und zufriedener fühlen – spricht wenig dagegen.
Wenn Sie merken, dass sich alles weiterhin stark ums Bier dreht, lohnt es sich, neugierig zu fragen: Was bringt mir dieses Ritual?
Ein gutes Glas Wein in geselliger Runde,bei einem feinen Essen oder einem Geburtstag, dies gönne ich mir ab und zu. Bei meinem Mann sieht der Konsum etwas kritischer aus. Es hat Tage gegeben, da war eine halbe Kiste Bier im nu weg. Irgenwann hörte ich auf zu zählen...Das Schnapps zum Kaffee ein Muss und bot man sich bei Anlässen freiwillig als Fahrerin an,wurde man schreg angesehen, weil man sich lieber etwas zurückhalten wollte. Ich mache mir Sorgen um meinen Mann,denn spreche ich Ihn auf seinen übermässigen Konsum an,wird er typischerweise verärgert. Ich wandte mich an eine Arzthelferin beim Hausarzt meines Mannes,sie und ihr Mann sind Kollegen von uns. Der Hausarzt hat ihn schon mehrfach auf seinen Alkohol Konsum angesprochen. Nun,es passiert genau nichts. Mein Mann weiss vom Anruf nichts. Ich weiss einfach nicht genau wie ich das Problem angehen soll. Vielleicht haben Sie mir einen Rat
Stephan Streit: Guten Abend und besten Dank für ihr Vertrauen. Der Konsum, den Sie beschreiben, ist klar risikoreich und belastet Ihre Beziehung. Wenn trotz wiederholten Gesprächen und Hinweisen des Hausarztes nichts passiert, spricht vieles für eine chronische Alkoholabhängigkeits-Erkrankung.
Ich empfehle Ihnen deshalb: Holen Sie sich selbst Unterstützung bei einer Suchtfachstelle (wie bspw. beim Blauen Kreuz) und lassen Sie sich dort beraten, wie Sie Grenzen setzen und weiteres Vorgehen planen können – auch unabhängig davon, ob Ihr Mann im Moment mitkommt oder nicht.
Ich wünsche Ihnen viel Kraft und Mut.