88 Prozent verbrannte Haut und eine Überlebenschance von eins zu zehn. Philipp Bosshard hat überlebt und seinem Schicksal eine Richtung gegeben.
SRF: Was war dein erster Gedanke, als du von der Brandkatastrophe in Crans-Montana erfahren hast?
Philipp Bosshard: Es hat mich und meine Familie mental wieder auf Feld eins zurückgesetzt. Ich weiss, welcher lebensverändernde Weg auf diese Menschen zukommt.
Du warst damals bei einem Arbeitsunfall selbst zwölf Sekunden lang im Feuer.
Das waren Sekunden, die nicht mehr vergangen sind. Erst, als ich meinen Körper sah, habe ich realisiert, was passiert war. Mein rechter Arm war aufgeplatzt und sah aus wie etwas, was zu lange auf dem Grill gelegen hat.
Erinnerst du dich an die Zeit während des achtwöchigen künstlichen Komas?
Sobald ich sediert wurde, bin ich für mich eingeschlafen. Ich wusste nicht, was um mich herum passierte. Mein Körper hat aber trotzdem realisiert, woran er ausgesetzt war. Es fühlte sich an wie in einem sehr tiefen und langen Albtraum, in dem man ständig auf der Flucht ist und gejagt wird.
Welcher Moment war entscheidend bei deiner Genesung?
Als eine Pflegerin mich fragte, ob ich noch Kraft habe. Da wurde mir bewusst, wie viele Menschen seit Monaten alles Mögliche tun, um mein Überleben zu sichern. Von dem Moment an unternahm ich alles, um gemeinsam mit meinem Umfeld das Bestmögliche zu erreichen.
Wie fühlt sich dein Körper jetzt an?
Als würde ich ein Kleid tragen, das mir drei Nummern zu klein ist. Dadurch ist der ganze Bewegungsapparat sehr eingeschränkt.
Hast du dich an die Blicke im Alltag gewöhnt?
So auszusehen wie ich ist, als würde man im Winter in der Badehose an der Bushaltestelle stehen. Sobald ich meine Haustüre schliesse, verlasse ich meine Komfortzone. Man gewöhnt sich daran, aber die ungewollte Aufmerksamkeit beschäftigt mich dennoch jeden Tag.
Inzwischen bist du professioneller Triathlet. Ist der Sport dein Lebensretter?
Er ist mein Schlüssel zu einem erfüllten Leben. Durch die Physiotherapie habe ich den Ausdauersport für mich entdeckt. Ich habe gemerkt: Nichts ist unmöglich, es ist nur anders möglich. Ich muss zum Beispiel beim Triathlon ständig gekühlt werden, weil ich nicht schwitzen kann.
Hast du schnell einen Sinn in dem gesehen, was dir passiert ist?
Ich dachte, wenn ich nicht die Kraft für diesen Weg gehabt hätte, wäre ich am Unfallort gestorben. Ich habe mich für den Weg «Leben» entschieden. Dann gibt es nur eine Richtung: vorwärts.
Was hast du in den letzten Jahren gelernt?
Dankbarkeit begleitet mich jeden Tag. Dadurch ziehe ich viel Energie. So habe ich Momente des Zweifelns grösstenteils hinter mir gelassen.
Welche Botschaft hast du für die Betroffenen von Crans-Montana?
Dem Sprichwort «Zeit heilt alle Wunden» ist viel Wahres dran. Es wird weitergehen, es wird besser werden und es wird gut kommen. Aber es braucht viel Zeit. Ein Rezept gibt es nicht. Mit meinen Weg möchte ich eine Option zeigen, wie man zurück ins Leben finden kann.
Das Gespräch führte Urs Gredig.