Milo Rau über «Die Zürcher Prozesse»

In der Theaterproduktion «Die Zürcher Prozesse» inszeniert Milo Rau eine Gerichtsverhandlung gegen «Die Weltwoche». Auf die Zeitschrift zu zielen, sei dabei nur ein Vorwand, um die zentralen Konflikte der Schweiz aufzeigen.

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Herr Rau, was soll der Prozess bewirken?

1:13 min, vom 26.4.2013

Milo Rau, Sie inszenieren einen dreitägigen Gerichtsprozess gegen «Die Weltwoche». Was steckt dahinter?

Milo Rau: Ich sehe die Zürcher Prozesse als eine Art geschichtsschreibende Dokumentation. Sie sind der Versuch, die zentralen Konfliktlinien unserer Gesellschaft in den letzten zehn Jahren aufzuzeigen. Mit einem möglichst breiten Spektrum an Akteuren. Insofern ist «Die Weltwoche» eher ein Stichwortgeber. Ein sehr interessanter. Denn dort werden die Konfliktlinien klar. Sagen wir so: «Die Weltwoche» ist ein Vorwand, um über die Schweiz nachzudenken.

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Milo Rau

1977 in Bern geboren, studierte Rau Literatur und Soziologie. Als Autor und Regisseur arbeitete er in Deutschland, Rumänien und der Schweiz. In Moskau inszenierte er vom 1. bis 3. März 2013 die «Moskauer Prozesse» – ein Polittheater um die «Pussy Riot»-Verhandlung. Dieses Reenactment wurde am dritten Tag von den russischen Behörden unterbrochen.

Letzten Endes geht es Ihnen also um viel mehr, als nur um «Die Weltwoche»?

Die Fragen, die ich mit diesem Projekt stelle, sind: Wie kommen wir in einer direkten Demokratie zu einer Entscheidungsfindung? Welchen Zugriff haben wir auf unser Land, um es zu beurteilen, es zu verändern, es zu regieren? Und was ist dabei der Einfluss der Medien? Das sind nur die wichtigsten Fragen. Andere sind zum Beispiel: Wie reagieren wir auf einen Wahlkampf, wie funktioniert unsere Migrationsgesellschaft? Das sind sehr viele komplexe Fragen, die wir unter die Lupe nehmen möchten. Der Prozess ist dabei ein Mittel der Vereinfachung, der Kanalisierung.

Mit der Thematik «Die Weltwoche» stechen Sie hier in der Schweiz vermutlich in ein Wespennest?

Ja, die Recherche und das Casting der Akteure haben sich als relativ schwierig gestaltet. Es war interessanterweise gar nicht so einfach, Leute aus dem linken Lager zu finden, die bereit sind, offen ihre Meinung zu sagen. In der Schweiz ist es sehr verbreitet, Sachen im Konsens unter den Teppich zu kehren, und diese Strategie hat sich ja auch bewährt. Leute, die extreme Positionen einnehmen, sind deshalb per se unangenehm. Am liebsten will man sie nicht hören, und schon gar nicht will man einer davon sein. Das ist auch die allgemeine Strategie in Bezug auf «Die Weltwoche»: Wenn man darüber schweigt, hat sich das in zehn Jahren sowieso erledigt. Die Auflage ginge ja zurück, heisst es. Das kann schon sein. Aber ich als Künstler bin natürlich daran interessiert, die verschiedenen, die negativen genauso wie die zustimmenden oder abwägenden Meinungen, auf der Bühne zu präsentieren. Ich war erstaunt, wie schwierig es war, diese zu finden.

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Herr Rau, warum schreiben Sie jetzt auch für «die Weltwoche»?

0:56 min, vom 26.4.2013

Was ist ihre persönliche Haltung?

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Live bei SRF Kultur Online

SRF Kultur Online berichtet ab Mittwoch Abend aktuell über die Ereignisse am Theaterprojekt «Die Zürcher Prozesse» und die Reaktionen der Zuschauer und User.

Ich bin klar links. Vermutlich sehr viel linker als die meisten Linken, was meine Kampfbereitschaft betrifft. In einem solchen Projekt geht es aber um etwas anderes als meine persönliche politische Einstellung. Ich nehme da immer das Beispiel von Gustave Flauberts Roman «Madame Bovary». Flaubert hat sich nicht für Madame Bovarys Ehebruch interessiert – sein Buch war damals deshalb ein Skandal – sondern für eine gesellschaftliche Situation, die sich anhand der Analyse dieses Ehebruchs zeigen lässt. So ist es auch bei meiner Auseinandersetzung mit der «Weltwoche». Diese Zeitschrift betreibt seit vielen Jahren Meinungsbildung von einer rechtsnationalen Seite aus, das interessiert mich als Phänomen. Auch die journalistischen Strategien finde ich sehr interessant, wenn es da nicht diese Minderheitenproblematik gäbe. Im Projekt versuche ich, ganz offen die Fragen zu stellen, die ich als Leser der «Weltwoche» habe. Stimmt es nicht vielleicht, was uns «Die Weltwoche» da seit vielen Jahren erzählt? Vielleicht ist es sozialpsychologisch gesehen sogar sinnvoll, dass all dieser Dreck auf den Tisch kommt? Oder ist es einfach ein menschenverachtender, permanenter Wahlkampf, der betrieben wird mit journalistischen Mitteln, die letztlich illegitim sind?

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«Die Zürcher Prozesse» bei SRF

TV
3. Mai, 23.55h, SRF 1: Kulturplatz extra: Der Auftakt
5. Mai, 23.25h, SRF 1: Kulturplatz extra: Die Zusammenfassung

Radio:
3. Mai, 09.06h, SRF 2 Kultur, Kontext: Theater und Tribunal 1
3. Mai, 10.03h, SRF 2 Kultur, Reflexe: Theater und Tribunal 2
6. Mai, 10.03h, SRF 2 Kultur, Reflexe: Die Kritikerrunde

Welche journalistischen Mittel sprechen Sie an?

«Die Weltwoche» ist einfach immer dagegen. Klimawandel? Alles nur eine Verschwörungstheorie linker Professoren, es wird in Wahrheit kälter. Die Schweiz eine prosperierende Immigrationsgesellschaft? Tagträumereien weltfremder Sozialarbeiter, die von ihren Schützlingen ausgeplündert werden ... Das sind nur zwei Beispiele. Irgendwie finde ich das natürlich auch charmant, und vor zehn Jahren oder so, ich erinnere mich gut, war das geil, befreiend, einfach mal dagegen zu sein. Es bleibt aber immer die Frage, was steckt hinter diesen Behauptungen – und vor allem, stimmen sie? Inwiefern stimmt das Bild, das in der «Weltwoche» von der Schweiz gezeichnet wird, mit der realen Schweiz überein? Das ist der Vergleich, den ich mit dem Projekt anstrengen will.

Was sagen Sie zu dem Vorwurf – vor allem von linker Seite – dass der Weltwoche mit diesem Projekt eine Bühne gegeben würde?

Der Vorwurf stimmt: Wir geben der «Weltwoche» eine Bühne. Aber gleichzeitig auch vielen anderen Leuten. Es sind insgesamt 35 Teilnehmer auf der Bühne in den drei Tagen, davon sind zwei oder drei von der «Weltwoche». Diese Zeitschrift ist wirklich nur ein Anlass, wenn auch ein guter. Und ausserdem muss ich einfach sagen: Ja gut, geben wir ihr doch mal eine Bühne! Ich finde diese «wenn man sich nicht damit beschäftigt, dann wird es verschwinden»-Strategie ein wenig naiv. Denn was soll das überhaupt heissen, dass etwas verschwindet? In einer Demokratie können andere Meinungen nicht einfach «verschwinden», solange sie eine demokratische Basis haben. Es ist in der Schweiz nicht so, dass wir einfach etwas verschweigen können, und plötzlich ist es dann weg. Das ist eine skurrile pädagogische Wunschvorstellung.

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Milo Rau geht im Theater dem Bösen auf die Spur

5:39 min, aus Kulturplatz vom 24.4.2013