Getanzte Knacknuss Das Zürcher Ballett befreit den Nussknacker vom Zuckerguss

Tschaikowskys «Nussknacker»: Kaum ein Balletstück wird häufiger aufgeführt – und oft verklärt. In Zürich ist es in einer überraschend abgründigen Version zu sehen.

Szene aus dem Nussknacker: Zwei als Harlekin verkleidete Tänzer tragen den Nussknacker über die Bühne. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Ganz schön unheimlich: Das Ballett Zürich denkt den «Nussknacker» neu. Gregory Batardon/Opernhaus Zürich

  • Der «Nussknacker» ist als liebliches Weihnachtsballett bekannt.
  • Tschaikowsky schrieb die Musik nach Vorlage der Märchenversion von Alexandre Dumas. Diese ist kürzer und weniger abgründig als die Original-Geschichte von E.T.A. Hoffmann.
  • Das Ballett Zürich unter Christian Spuck arbeitet wieder mit dem Original – und bringt einen ungewohnt unheimlichen «Nussknacker» auf die Bühne.

Egal, wie oft man sich den «Nussknacker» zu Gemüte führt: Warum dieser im beliebten Weihnachtsballett mit Mäusen Krieg führt, bleibt schleierhaft.

Peter Tschaikowsky schrieb seine Musik zur «Histoire d’un casse-noisette» von Alexandre Dumas. Dieser hatte das Märchen von E.T.A. Hoffmann so zurechtgestutzt, dass mehr Zuckerguss als Rache übrigblieb. Das Ballett Zürich nimmt sich nun Hoffmanns abgründigem Original an.

Schwarz-Weiss-Porträt von Peter Tschaikowsky. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Wenig Spass am Nussknacker: Peter Tschaikowsky. Imago/UIG

Beliebt, aber keine Herzenssache

1892 findet am St. Petersburger Marientheater eine Uraufführung statt, bei der die Zuschauer wahrlich Sitzleder brauchen. Denn nicht ein Titel steht auf dem Programm, sondern gleich zwei: Die Oper «Jolanthe» und das Ballett «Der Nussknacker».

Beide Stücke komponierte der Russe Peter Tschaikowsky. Sein Herz hing aber nur an einem: am dramatischen Einakter «Jolanthe». «Man kann nachlesen, dass ‹Der Nussknacker› Tschaikowsky nicht sehr viel Spass machte», sagt der Direktor des Zürcher Balletts, Christian Spuck: «Trotzdem: Er war ein wahres Genie, die Musik ist brillant!»

Porträt Christian Spuck. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Christian Spuck ist seit 2012 Direktor des Zürcher Balletts. Jos Schmid

Grossartig auch: Tschaikowskys zuvor komponierter «Schwanensee», der bei der Premiere allerdings durchfiel. Tschaikowsky war deshalb skeptisch, was eine erneute Ballett-Komposition anbelangte.

Heute gehören «Der Nussknacker» und «Schwanensee» zu den bekanntesten und beliebtesten Balletten schlechthin.

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Zum Nachhören

Wer interpretiert den «Nussknacker» am besten? Die «Diskothek» hat sich verschiedene Aufnahmen angehört – von klassisch bis jazzig.

Der «Nussknacker» gibt Rätsel auf

Doch der «Nussknacker» ist eine Knacknuss. Denn das Ballettmärchen gibt Rätsel auf. Was hat es mit dem Nussknacker überhaupt auf sich? Und warum muss er gegen eine Mäuseschar kämpfen?

In der Geschichte von Alexandre Dumas, die Tschaikowsky vertonte, bleiben beide Fragen offen. Meist erinnert sich der Zuschauer an ein Weihnachtsfest, bei dem Drosselmeier seinem Patenkind Clara einen Nussknacker schenkt.

Daran, dass Clara in der Nacht vom lebendig gewordenen Nussknacker und ihrer Reise durch das Reich der Zuckerfee träumt. Lieblich, süss, kindergerecht.

Szene aus der Nussknacker: Zwei Tänzer in Anzug heben eine Tänzerin in weissem Kleid die Luft. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Die Zürcher Nussknacker-Version kratzt am gewohnten Zuckerguss. Gregory Batardon/Opernhaus Zürich

Das Original ist düsterer

Alexandre Dumas hat Hoffmanns «Das Märchen von der harten Nuss» gestrichen: Eine Geschichte in der Geschichte, die die oben gestellten Fragen beantwortet.

Das Märchen von der harten Nuss (E.T.A. Hoffmann)

Im Palast des Königs des Menschenreichs vergreifen sich Mäuse am Speck. Sie werden deshalb mit einer Mausefalle gefangen und regelrecht hingerichtet.
Die Mausekönigin, Frau Mauserinks, überlebt das Gemetzel. Sie schwört Rache und verzaubert die Tochter des Königs, die schöne Prinzessin Pirlipat, in ein unförmiges, hässliches Wesen. Der König befiehlt Drosselmeier, Pirlipat zu kurieren.
Pirlipat muss den Kern der kaum zu knackenden Nuss Krakatuk essen. Diese muss von einem Jüngling aufgebissen werden.
Drosselmeier sucht 15 Jahre lang nach Nuss und Jüngling – und findet beides bei seinem Vetter. Dessen galanter Sohn knackt jungen Mädchen die Nüsse auf.
Das Wunder gelingt, Pirlipat wird entzaubert. Doch der Jüngling tritt dabei auf Frau Mauserinks, tötet diese und wird selbst zu einem hässlichen Männlein: zum Nussknacker.
Der Zauber kann nur gebrochen werden, wenn er den Mausekönig besiegt und ihn eine Dame, trotz Missgestalt, liebgewinnt.

Unheimlich, diese Geschichte

Dadurch, dass Christian Spuck auf Hoffmanns Version der Geschichte zurückgreift, stellt er Tschaikowskys Komposition völlig auf den Kopf. Er bringt einen «Nussknacker» auf die Bühne, der viel düsterer, abgründiger, unheimlicher ist als das gewohnte Ballett.

Unter dem Wort «unheimlich» versteht Spuck: «das Nicht-Heimelige. Der Ort, an dem man sich nicht wohl fühlt. Da wo das Unterbewusstsein anfängt.»

Drosselmeier sei dabei die Figur in der Erzählung, mit der sich E.T.A. Hoffmann gleichsetzt, erzählt Spuck: «Er ist ein Wandler zwischen den Welten, hat Zugang zur Fantasiewelt. Er kann Geschichten erzählen, junge Menschen beeinflussen und manipulieren. Das ist ein düsterer und spannender Charakter – und obendrein auch noch einer mit Ironie und Humor.»

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«Nussknacker und Mausekönig»

Die Premiere findet am 14.10.2017 im Zürcher Opernhaus statt. Mehr Infos hier.

«Tschaikowsky hätte es gefallen»

Über seine Produktion für das Ballett Zürich sagt Christian Spuck: «Ich könnte mir vorstellen, dass das Tschaikowsky gut gefallen hätte.»

Denn E.T.A. Hoffmanns Fassung des «Nussknackers» hätte dem hochsensiblen, homosexuellen Tschaikowsky wohl mehr entsprochen als die von Dumas – zeugt doch vieles in der Biografie des Komponisten von Abgründen, Tragik und Zerrissenheit.

Sendungen:

Sendungsbeitrag zu diesem Artikel

  • Peter Tschaikowsky – das Drama des schwermütigen Romantikers

    Aus Kulturplatz vom 27.9.2017

    Das Opernhaus Zürich eröffnet die neue Saison mit zwei Tschaikowsky-Kompositionen. Die Oper «Jewgeni Onegin», ein kraftvolles und intimes Drama um verpasste Liebes-Chancen, spiegelt das tragische Leben des hochsensiblen russischen Komponisten wieder, der zeitlebens mit sich selber kämpfte und seine Homosexualität verbergen musste. Auch Christian Spucks «Nussknacker und Mausekönig» betont unheimliche Seiten des Komponisten, anders als die gewohnten zuckrigen «Nussknacker»-Versionen.

    Sandra Steffan, Nicole Salathé