Gardi Hutter nennt sich «Clownerin». Der Begriff ist eine Wortschöpfung aus Clown und Schneiderin. Er fasst zusammen, was Gardi Hutters beispiellose Karriere auszeichnet. Als erster weiblicher Clown war sie in den 1980er-Jahren eine Pionierin.
Dem bürgerlichen Elternhaus im Rheintal entfloh sie wie auch der Handelsschule. Früh fand sie sich in Zürich wieder. An der dortigen Schauspielschule beschied man ihr wegen ihrer Körpergrösse keinen Erfolg auf der Bühne. Darauf fand sie in Mailand ein künstlerisches Zuhause und erlernte das Handwerk der Commedia dell’Arte.
Ein Kosmos für die Fantasie
Die heute 73-jährige Künstlerin machte von Anfang an ihr Ding. Sie erfand mit Hanna ihre eigene, eigenwillige Clownfigur. Eine bodenständige, alterslose Frau mit roter Nase, die sich allen gängigen Schönheitsidealen entzog.
Hanna war verschroben und chaotisch, kugelrund mit verwuscheltem Haarschopf. Mit unbändiger Freude bot sie den Widrigkeiten des Lebens die Stirn. Als Schneiderin oder Wäscherin hat Gardi Hutter die materielle Welt in die Knie gezwungen und gleichzeitig einen Kosmos geschaffen, in dem ihre Fantasie frei zirkulieren konnte.
-
Bild 1 von 5. Seit den frühen 1980er-Jahren tourte Gardi Hutter als Clownfigur Hanna durch die Welt. (1981 mit Herman van Veen). Bildquelle: IMAGO / United Archives.
-
Bild 2 von 5. 1991 nahm sie an der Frauensession im Nationalratssaal im Bundeshaus zu Bern teil. Bildquelle: KEYSTONE/Karl-Heinz Hug.
-
Bild 3 von 5. Im letzten Jahr hiess es: Ende, aus – Applaus für Hanna. Bildquelle: KEYSTONE/Ti-PRESS/Francesca Agosta.
-
Bild 4 von 5. Clownerin Gardi Hutter nimmt Strubbelperücke und rote Nase ab ... Bildquelle: KEYSTONE/Ti-PRESS/Francesca Agosta.
-
Bild 5 von 5. ... aber nur, um sich in ihrem neuen Programm «GardiZERO» zu widmen. Bildquelle: Geri Born.
Vier Programme hat Gardi Hutter mit Hanna kreiert und ist damit 44 Jahre lang um den Globus gereist. Es sind poetisch-skurrile Werke, die in Metropolen genauso funktionieren wie im kleinen Dorf. Denn ihre Kunst hat sich der Poesie verschreiben, verhandelt auf der Bühne universelle Themen und kommt in ohne Wort aus. 35 Länder hat sie bereist, über 4000 Vorstellungen gespielt. Für ihr Werk wurde sie mehrfach ausgezeichnet.
Adieu, rote Nase
Letzten Sommer hat sich Gardi Hutter von Hanna verabschiedet. Nach einem knappen halben Jahrhundert clownesken Theaters, nach Auftritten im Zirkus und Ausflügen ins Musiktheater wagt Gardi Hutter den mutigen Schritt und legt die rote Nase ab. Sie setzt sich als Künstlerin auf Null – aber keineswegs zur Ruhe.
Anfang Jahr ist sie mit «GardiZERO» auf die Bühne zurückgekehrt. Nach üppigen Programmen mit fantastischen Bühnenbildern und Kostümen, stellt sie sich nun der leeren Bühne. Das Nichts gibt sowohl szenisch wie auch aus philosophischer Perspektive erstaunlich viel her. Weil nie nichts ist. Selbst dann nicht, wenn alle Scheinwerfer den Dienst versagen und es stockdunkel wird.
Alleine im Spermienschwarm
Hat sich die Künstlerin bislang vor allem mit der Endlichkeit des Lebens und dem Tod beschäftigt: Hanna kämpft sich mit dem Leben ab – und stirbt am Ende der Show stets. Nun wendet Gardi Hutter sich den Anfängen zu: dem Urknall, der Evolution, der Geburt schlechthin.
«GardiZERO» ist eine Schöpfungsgeschichte, die im Garten Eden anfängt und über Umwege ins Innere menschlicher Fortpflanzungsorgane führt. Gardi Hutter schöpft aus dem Vollen, wenn sie mutterseelenalleine einen Spermienschwarm spielt, der auf eine Eizelle zurast.
Für ihr Lebenswerk erhält Gardi Hutter nun den Deutschen Kleinkunstpreis. Es ist die bedeutendste Auszeichnung im deutschsprachigen Raum, die in den Sparten Kabarett, Musik, Kleinkunst und Stand-up-Comedy jährlich vergeben wird. In keine dieser Sparten passt die Schweizer Künstlerin hinein. Man müsste für sie eine neue erfinden.