60 Jahre Fauteuil-Theater Roland Rasser machte Kleinkunst in Basel gross

Vor 60 Jahren gründete Roland Rasser das Fauteuil-Theater in Basel. Das war ein wichtiger Impuls für die Kleinkunstszene.

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Bildlegende: «Wir waren vier Nasen und hatten null Stutz», erinnert sich Roland Rasser an die Gründung seines Cabarets «Gigampfi». Claude Rasser

Bereits als 8-Jähriger feierte Roland Rasser in der Verfilmung von Gottfried Kellers «Die missbrauchten Liebesbriefe» seine Leinwandpremiere.

Doch trotz Rassers früher «Bühnenpräsenz» sollte der Junge erstmal was Rechtes lernen. Vater Alfred Rasser, der selbst eine Ausbildung als Spediteur absolviert hatte, schickte seinen Sohn zur KV-Lehre nach Neuenburg. Danach war Roland Rasser einige Jahre als Reiseberater tätig.

Doch bald lockten die Bretter, die auch für ihn die Welt bedeuten würden. Mit 21 stand er erstmals auf der Theaterbühne – an der Seite seines Vaters. Dieser übte nach dem Zweiten Weltkrieg mit seiner Figur des tollpatschigen Soldaten Läppli auf liebenswürdig-subversive Art Systemkritik und wurde populär.

Politisches «Gigampfi»

1954 gründete Roland Rasser zusammen mit Kollegen in seiner Heimatstadt Basel das politisch-literarische Cabaret «Gigampfi».

Ein Stuhl wird eine Treppe runtergetragen. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Für Unterhaltung ist gesorgt. Stühle jedoch muss man selbst mitbringen: Fauteuil-Eröffnung 1957. www.fauteuil.ch

«Wir waren vier Nasen und hatten null Stutz», erinnert sich der heute 85-Jährige. «Jeder musste fünf Franken pro Monat in die Cabaret-Kasse einzahlen. Damit konnten wir etwas Werbung machen und Briefe mit Anfragen verschicken, ob wir irgendwo auftreten durften.» Ein fester Ort für Kleinkunst fehlte damals in Basel.

Ein Pneulager als Bühne

1957 ergab sich die Chance, in einem ausgebrannten Pneulager am Spalenberg ein Kleintheater einzurichten. Die Kosten für den Umbau stotterte Rasser innerhalb von zehn Jahren ab.

«Stühle mitbringen», hiess die Aufforderung zur Eröffnung der Kleinkunstbühne. Das Publikum leistete dem Folge und sorgte damit gleichzeitig für das zukünftige Sitzmobiliar im Fauteuil.

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Die Eröffnung des Basler Fauteuil (6.12.1957)

1:12 min, vom 15.9.2017

Schweizer Cabaret für Kleinkünstler

Die ersten zwei Monate spielte das Cabaret «Gigampfi» mit seinem Programm «Pscht – wytersage!» selber im neuen Kleintheater.

Doch dann holte Roland Rasser auch andere Bühnenkünstler ins Haus, darunter Kabarettisten und Liedermacher aus Deutschland.

«Hanns-Dieter Hüsch, Reinhard Mey, Georg Kreisler, Karl Dall und viele weitere sind durch das Fauteuil zum ersten Mal in Kontakt mit der Schweiz gekommen und darauf bin ich heute noch ein wenig stolz», sagt Rasser.

Auch sein Vater Alfred trat mit seinen Läppli-Programmen im Fauteuil auf. Dies nachdem er nach einer China-Reise 1954 boykottiert wurde und auf anderen Bühnen lange nicht mehr gefragt war.

Ein Vorbild für Emil

Für Kabarettist Emil, der ebenfalls in Basel gastierte, wurde das Fauteuil zum Vorbild. Zehn Jahre nach dessen Gründung eröffnete er 1967 in Luzern das Kleintheater, das dieses Jahr ebenfalls einen runden Geburtstag feiert.

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Emil Steinberger ruft Roland Rasser an

0:54 min, vom 15.9.2017

Roland Rasser indes erweiterte sein Haus mit zwei weiteren Sälen, programmierte während 40 Jahren Gastspiele und leitete Eigenproduktionen.

Die Kinder führen das Erbe weiter

Ende der 1990er-Jahre übergab er die Leitung des Hauses an seine Tochter Caroline, die eine Schauspielschule absolvierte, und seinen Sohn Claude, einen promovierten Ökonomen.

«Die beiden ergänzen sich gut: Claude führt die Buchhaltung genauso akribisch wie ich und Caroline inszeniert selber. Es ist schön zu sehen, dass sie weiterführen, was ich begonnen habe», so Rasser.

Roland Rasser spielt das «tapfere Schneiderlein». Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: «Das tapfere Schneiderlein», gespielt von Roland Rasser. Caroline ist das Hinterteil des Einhorns, Claude die Wildsau. www.fauteuil.ch

Internet ist keine Konkurrenz

Heute präsentiert sich die Kleinkunstszene viel bunter als noch vor 20 Jahren. Mit Slam-Poetry und Stand-up-Comedy sind neue Formen entstanden, die auf allen medialen Plattformen boomen.

Für Caroline Rasser sind Fernsehen und Social Media jedoch keine Bedrohung der Kleinkunst auf der Bühne. Im Gegenteil: «Im Internet können Künstler breit streuen, wo sie auftreten und ihre TV-Präsenz kann Lust machen, sie mal live zu sehen.»

Zukunft sieht rosig aus

Den rund 400 Kleintheatern in der Schweiz – die grösste Dichte weltweit – geht es gut. Und die Chancen, dass das Fauteuil in Basel auch noch in 60 Jahren existieren wird, sind intakt. Nicht zuletzt darum, weil sich schon die Enkel von Roland Rasser für die Bühne zu interessieren beginnen. Die Tochter von Carolione helfe hinter den Kulissen schon manchmal mit.

Sendung: SRF 1, Sternstunde Kunst, 17.9.2017, 11.55 Uhr

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    SRF 1 17.09.2017 11:55

    Sternstunde Kunst
    Emil und die Kleintheaterdirektoren

    17.09.2017 11:55

    Es war ein verwegenes Unterfangen, als Emil Steinberger 1967 in Luzern ein Kleintheater eröffnete. Die Kulturelite rümpfte die Nase ob der neuen kleinen Bühne. Doch genau 50 Jahre später steht fest: Die Kleinkunst lebt - in Luzern, aber auch in Basel, in Winterthur, ja überall im Land.