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Bühne Susanne-Marie Wrage: «Ich bin mein eigenes Instrument»

Die Protagonisten der TV-Reportage «Dreizehn Schauspielschüler» verfolgen alle dasselbe Ziel: Sie wollen erfolgreiche Schauspielerinnen und Schauspieler werden. Susanne-Marie Wrage hat sich diesen Traum bereits erfüllt: Ihr Weg führte von einer kleinen Stadt im Schwarzwald über Berlin nach Zürich.

Eine Bildmontage zeigt Suanne-Marie Wrage zur Zeit von ihren Anfängen als Schauspielerin und heute.
Legende: Susanne-Marie Wrage als Moderatorin der Kultursendung «Babylon», 2000 (l.) und 2016 (r.). SRF / Julian Salinas

Frau Wrage, bis Sie 14 Jahre alt waren, waren Sie Spitzenkunstturnerin – warum tauschten Sie die Turnhalle gegen die Bühne?

Susanne-Marie Wrage: Kunstturnen wurde mir zu gefährlich und zu arbeitsintensiv. In der Schule trat ich der Theater-AG bei. Da fand ich, was ich – ohne es zu ahnen – immer gesucht habe. Wir lebten in einer Kleinstadt im Schwarzwald. Meine Eltern waren aus dem hohen Norden zugezogen. Wir waren Fremde im Ort. Das Theater wurde zum Zufluchtsort.

Meine erste Rolle war die der Rea in «Romulus der Grosse» von Dürrenmatt, dann spielte ich die Jenny in der «Dreigroschenoper». In unserer ersten Aufführung fand ich in einer überregionalen Zeitung besondere Erwähnung: «Leider zeigte der Haifisch wenig Zähne; einzig Susanne-Marie Wrage als Spelunken-Jenny brachte die nötige Ausstrahlung auf die Bühne.»

Wie schafften Sie es in die Schauspielschule?

Nach dem Abitur zog ich mit meiner besten Freundin nach Berlin. Ich besuchte Workshops in der freien Szene und wurde dann an der Schauspielschule aufgenommen. Anschliessend studierte ich an der Universität der Künste im Rahmen eines Pilotjahrgangs Szenisches Schreiben bei Heiner Müller.

Hatten Sie neben dem Studium Zeit zu jobben? Wurden Sie unterstützt von Ihren Eltern – ideell und finanziell?

Meine Mutter ging mit meinem Berufswunsch sehr entspannt um. Sie liess mich meinen Weg gehen. Ich arbeitete in einem Steakhouse am Ku'damm, in einem Jazzclub, zuletzt als Zimmermädchen in einem Hotel.

Mein Vater lebte damals nicht mehr, zusammen mit der Halbwaisenrente kam ich durch. Ich lebte in Berlin in WGs, in herrlichen Wohnungen für wenig Geld. Meine Wohnung hatte viereinhalb Meter hohe Wände und Parkettböden, war 120 Quadratmeter gross und kostete 350 Mark.

Wie haben Ihre Eltern Sie geprägt?

Meine Eltern waren beide Mathematiker. Mein Vater forschte und arbeitete früh mit Computern. 1976 baute er in der Küche unserer kleinen, nicht vermieteten Einliegerwohnung einen riesigen Apparat auf, mit dem er sich in den Computer der Uni einwählen konnte. Die erste rudimentäre Internetverbindung!

In unserer Familie gab es zwar keine Künstler, der Kunst gegenüber war man jedoch aufgeschlossen. Kunst und Wissenschaft haben meiner Meinung nach einiges gemeinsam.

Was denn?

Eine Verwandtschaft im Geiste: In der Forschung kommt nur zu Ergebnissen, wer seiner Fantasie und Entdeckungskraft freien Lauf lässt und sich nicht auf bereits Dagewesenes beschränkt. Man muss über Grenzen hinaus denken und Ergebnisse in Frage stellen.

Hat sich Ihr Traum vom Theater erfüllt – oder hat er sich in einen Albtraum verwandelt?

Das ist ein Auf und Ab. Mal hadere ich und denke, ich wäre besser auch Mathematikerin geworden. Dann hätte ich eine geregelte Arbeit mit überprüfbaren Ergebnissen.

Als Schauspielerin bin ich nicht überprüfbar: Der Output und die Wahrnehmung meiner Arbeit sind subjektiv. Ich bin mein eigenes Instrument und stark von Gemeinschaften abhängig. Ist die Stimmung auf einer Probe miserabel, ist auch der Beruf eine Qual. Schützen oder distanzieren kann ich mich dabei kaum.

Zudem haben sich die Bedingungen verändert. Theater und Film wurden zum Kampfplatz. Ein Fernseh-Drehtag ist heute deutlich länger als früher. Das Pensum von zwei Tagen wird in einen gepackt.

Die Gagen sind gesunken. Es geht um permanente Optimierung und Konvergenz. Da bleibt kaum Zeit und Musse, tiefer in die Materie einzudringen. Das besorgen Regie und Dramaturgie.

Nach dreissig Jahren im Beruf droht die Wiederholung. Ich habe zwar noch kein Stück zweimal gespielt, spüre aber eine schleichende Abnutzung. Ich überrasche mich selber nur noch manchmal.

Wo finden Sie denn auch heute noch die Kraft und die Faszination, die Sie auf der Bühne hält?

In der ungeheuren Freiheit des Berufs. Seit vielen Jahren kann ich mehr als anständig davon leben. Ich darf das schönste Spiel, das es gibt – nämlich sich in andere Menschen hineinzuversetzen – zu meiner Verdienstquelle machen. Lasse ich die hin und wieder widrigen Umstände beiseite, begebe ich mich in Sphären, die tröstend, beglückend und verspielt sind.

Für die Schauspielerei ist unbedingte Leidenschaft essentiell. Man darf sich nicht aus der Spur bringen lassen. Die Liebe zu Worten und Gedanken vereint mit einer grossen Zuneigung zu den Menschen, die ich darstelle, halten mich auf der Bühne.

1 Kommentar

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  • Kommentar von Xavier Moser (Xenons)
    Insgesamt geht mir diese Sendung/Ausbildung ziemlich auf den S. Es geht hier viel zu stark um Überzeichnung und «expressed emotions». Sprich, das Ziel wäre doch, als Schauspieler authentisch zu wirken und die Emotionen eben gerade nicht an die Oberfläche kommen zu lassen und sie trotzdem auszustrahlen. Dass man sich in Zürich de facto nur als Deutscher zum Schauspieler ausbilden lassen kann und ja kein helvetisches Hochdeutsch sprechen darf, verursacht bei mir ebenfalls Juckreiz.
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