Das Wort «Sündenbock» fällt nie explizit. Kweku Adoboli stellt auch seine eigene Verantwortung und (Mit-)schuld am Milliardenverlust, den die UBS 2011 einfuhr, nie in Frage. Die beiden Filmemacher Martin Schilt und Bernard Weber hinterfragen in «The Narrative», die Geschichte der Verurteilung Adobolis.
Nicht nur seine juristische Verurteilung wegen Betrugs vor Gericht, sondern auch durch die Erzählung der Geschehnisse, wie sie von Medien, aber auch von UBS-Anwälten, Kollegen und Vorgesetzten getragen wurde.
Im Zentrum steht die Frage: Wie kann es sein, dass ein junger Banker so viel Verantwortung trägt, dass er 2.3 Milliarden US-Dollar verzocken kann?
Ein sympathischer Mann
Der Film setzt ein in Ghana – wo Kweku Adoboli seit seiner Abschiebung aus England lebt. Zurück darf er nicht, obwohl er seit seiner Schulzeit in England zuhause war. Er besitzt keinen englischen Pass.
Er sitzt im T-Shirt auf einem Stuhl in einem kargen Raum. Der bärtige Mittvierziger lacht viel, wirkt sympathisch und fröhlich – nicht verbittert und gebrochen. Er erzählt seine Geschichte. Mit Bekannten stellt er in Ghana den Gerichtsprozess nach, der über 40 Tage dauerte. Freundinnen und Freunde aus der Schul- und Unizeit kommen ebenfalls zu Wort. Sie zeichnen das Bild des Menschen hinter dem Skandal.
Junge Banker unter Druck
Aus Erinnerungen und Erläuterungen Adobolis und seiner Freunde, aber auch mit dem Einblick in den Gerichtsprozess, hinterfragt der Film die Erzählung eines Einzeltäters und das System hinter dem Skandal: Ein System, das jungen – mehrheitlich männlichen – Bankern Verantwortung über Milliarden überträgt – und sie gleichzeitig bis zum Umfallen arbeiten lässt.
Adoboli wird von seinen Kollegen, die er für seine Freunde hält, «Care Bear» genannt, ein Begriff für jemanden, der sich kümmert. Aber als Adoboli dann tatsächlich Verantwortung übernimmt, rechnet er nicht damit, dass er schliesslich ganz allein vor Gericht sitzt.
Während der Verhandlung sitzen dutzende Männer im Anzug still im Saal – Anwälte der Bank, vermutet Adoboli – und alle Zeugen, Mitarbeitende und Vorgesetzte, können sich plötzlich an nichts mehr erinnern. Die Anklägerin erzählt, wie viele Krankenhäuser von dem verzockten Geld hätten finanziert werden können (während die UBS in einem Jahr fast doppelt so viel Geld für Boni ausgibt statt Spitäler zu finanzieren).
Smoothies statt Bankgeschäfte
«The Narrative» versucht nicht, Kweku Adoboli von Schuld reinzuwaschen. Er zeigt einerseits, wie unsolidarisch dieses Bankensystem funktioniert. Wie einfach und auch komfortabel es ist, die Erzählung eines alleinigen Schuldigen zu stricken. Andererseits zeichnet er ein sympathisches Bild eines Menschen, der vor 14 Jahren als «dieser eine böse Banker» durch die Medien ging.
Ein Mann, der sich nun in Ghana ein neues Leben aufgebaut hat, eine Obstplantage betreut und Smoothies herstellt. Der lernen musste, dass auf dem Markt in Ghana Männer immer mehr bezahlen müssen als Frauen. Und der feststellt: in Ghana, dem Land seiner Geburt und früher Kindheit, fühlt er sich als Weisser mit schwarzer Hautfarbe.
Martin Schilt und Bernard Weber zeigen, was dokumentarisches Kino von medialer Berichterstattung unterscheidet. Es nimmt sich die Zeit, zuzuhören, zu porträtieren, zu analysieren – nimmt zugleich eine dezidierte Haltung ein. Mit «The Narrative» sind die Solothurner Filmtage gut gestartet.