«Mir bleibt nur die Vergangenheit, die Erinnerung.» Asllan Gjinovci geht durch die Strassen von Makërmal, einem kleinen Dorf im Kosovo. Hier ist er aufgewachsen, und doch erkennt er den Ort nicht wieder.
Mit 19 hat Gjinovci Makërmal verlassen und ist in die Schweiz geflüchtet. Nun kehrt er zusammen mit seiner erwachsenen Tochter an den Ort zurück – 28 Jahre, nachdem der Kosovokrieg das Dorf fast gänzlich zerstört hat. Vom Haus, in dem er seine Kindheit verbracht hat, ist kein einziger Stein mehr übrig. Makërmal ist ein Ort ohne Vergangenheit.
Im Haus des Vaters
Die Tochter, Filmemacherin Dea Gjinovci, kennt den Ort nur aus den Erzählungen ihres Vaters. Sie ist in Genf aufgewachsen und spürt nun in Makërmal der Vergangenheit ihres Vaters nach. Davon handelt der Film «La beauté de l’âne», der seinen poetischen Titel von einer Erzählung des Vaters übernommen hat.
Weil das Haus des Vaters nicht mehr steht, wird es im Film mit einem kargen Holzgerüst nachgebaut. Das Gerüst dient als Bühne, auf der Erinnerungen des Vaters zum Leben erweckt werden – mit der Dorfbevölkerung als Schauspielensemble. Im Film vermischen sich Gegenwart und Vergangenheit, Realität und Erinnerung.
Die Wunden des Krieges
Zu sehen sind auf der Bühne der Alltag des Landlebens, aber auch Vorboten des Krieges: Repressionen und Verhaftungen durch jugoslawische Soldaten. Im Zentrum der Spielszenen stehen neben Asllan Gjinovci auch dessen Mutter. Sie ist im Kosovokrieg verstorben, was genau mit ihr geschehen ist, weiss man bis heute nicht. Die Geschichte der Mutter ist eine der vielen Kriegswunden und Leerstellen, die im Kosovo bis heute spürbar sind.
Neben dem Theaterprojekt gehen Vater und Tochter gemeinsam der Geschichte der Mutter nach und machen Nachforschungen in Archiven. Bis heute sind viele Leichen aus dem Kosovokrieg noch immer nicht identifiziert. Der Abgleich mit DNA-Proben von Angehörigen ist langwierig. Zudem wird die systematische Aufarbeitung des Krieges aus politischen Gründen immer wieder verzögert.
Der ungewisse Verbleib seiner Mutter beschäftigt Asllan Gjinovci bis heute. Er sehnt sich nach Gewissheit; wissend, dass diese schmerzhaft sein wird. Dea Gjinovci versteht ihren Film als Versuch, dem Vater einen Teil des Schmerzes abzunehmen und sich selbst aufzuladen.
Nostalgie und Optimismus
Die Nachforschungen nach dem Verbleib der Mutter zeigen, wie wenig der Krieg bis heute aufgearbeitet ist. Auch dazu leistet der Film von Dea Gjinovci einen Beitrag: Weil er das Schweigen über die Vergangenheit bricht, das sich nach dem Krieg eingestellt hatte. Zu sehr war man damals um den Blick nach vorn bemüht.
Bei aller Trauer ist «La beauté de l’âne » ein optimistischer Film. Er zeigt, dass die Trauer bewältigt werden kann, wenn man sich ihr gemeinsam stellt. Er feiert die Vergangenheit des Kosovo, die Gemeinschaft und das Brauchtum, während er optimistisch in die Zukunft dieses jungen Landes schaut.
Kinostart: 21.5.2026