Die Vermissten: Der Kosovo-Krieg Ende der 1990er-Jahre ist bis heute nicht vollständig aufgearbeitet. Unmittelbar nach dem Krieg wurden 6000 Menschen vermisst, heute sind es noch rund 1600. Von den vermissten Personen sind die überwiegende Mehrheit Kosovo-Albaner, etwa 400 davon gehören der serbischen Minderheit an. Seit Jahren wird versucht, diese Menschen zu identifizieren.
Der aktuelle Fall eines kleinen Jungen: Sinan Dauti ist gerade erst am letzten Samstag im Kosovo begraben worden. Gestorben ist er aber bereits vor 27 Jahren während des Kosovo-Kriegs. Er wurde als 9-jähriges Kind von den serbischen Sicherheitskräften verletzt, als diese das Dorf bombardierten. Der Bub wurde von der Polizei mitgeschleppt, mit der Begründung, man bringe ihn ins Spital zur Behandlung. Ob das tatsächlich passiert ist, ist unklar. Tatsache ist: Das Kind ist während der Behandlung oder unterwegs gestorben. Man hat ihn dann anonym in der Nähe der Stadt Mitrovica in einem kleinen Dorf im Norden Kosovos begraben.
Kein Einzelfall: Alle drei, vier Monate komme es vor, dass plötzlich am Dorfrand, am Rande eines Friedhofs, ein, zwei Gräber entdeckt werden, die anonym sind, wie der Journalist Enver Robelli sagt. Er berichtet für den Tages-Anzeiger über den Balkan.
Die Identifizierung: Von den Personen werden Knochenproben genommen und nach Den Haag gebracht, zur Internationalen Kommission für vermisste Personen. Falls es einen Treffer mit der DNA-Probe der Familienangehörigen gibt, können alle aufatmen. Dann ist eine Person identifiziert. Aber es kommt auch immer wieder vor, dass es keine Treffer gibt. Die Person bleibt dann in dieser Leichenhalle – in Pristina, in der Hauptstadt Kosovos, oder anderswo – und man wartet, bis die DNA zugeordnet werden kann. Das kann Jahre dauern, wie Journalist Robelli sagt. Im schlimmsten Fall würden die Leute gar nicht identifiziert und blieben einfach in dieser Leichenhalle.
Politik bremst: Der ganze Prozess ist laut Enver Robelli sehr mühsam – «auch aus politischen Gründen, weil beide Seiten nicht vorankommen wollen». Serbien tue eindeutig zu wenig, um die Verbrechen aufzuklären und die vermissten Personen ausfindig zu machen. Nach dem Krieg wurde versucht, die Kriegsverbrechen zu vertuschen.
Auf der kosovo-albanischen Seite andererseits besteht keine grosse Bereitschaft, die serbischen Opfer anzuerkennen und zu identifizieren. Man habe immer noch diese Vorstellung von einem Befreiungskrieg, in welchem die kosovo-albanische Seite überhaupt keine Kriegsverbrechen hätte begehen können, so Robelli. «Das entspricht nicht ganz der Wahrheit.»
Seltene Strafverfolgung: Wenn Opfer gefunden werden, gibt es in Serbien praktisch keine Bestrebungen mehr, um die Verantwortlichen zu bestrafen. «Die unmittelbaren Täter laufen frei herum», sagt Robelli. Die einzigen, die verurteilt wurden, sind die hochrangigen Politiker. «Und viele von ihnen sind mittlerweile auch wieder frei.» Kriegsverbrecher würden sogar als Helden bezeichnet.
Auf der kosovarischen Seite werden mutmassliche Kriegsverbrecher vor dem Sondertribunal mit Sitz in Den Haag zur Verantwortung gezogen. «Dort stehen im Moment mehrere Führer und Kommandanten der kosovarischen Seite vor Gericht. Man rechnet damit, dass das Urteil in diesem Jahr noch fällt», sagt Robelli.