Seine Songs waren der Soundtrack einer ganzen Schweizer Generation. Seine Schallplatten gehörten in jede Studenten-WG der 70er-Jahre.
Der Sänger, Dichter und Komponist Walter Lietha trat auf Folk-Festivals auf, setzte sich für Andersdenkende und den Umweltschutz ein.
Lieder mit Haltung
Seine Texte waren sanft und aufmüpfig zugleich. «Er ist ein Freigeist, der sich in keine Schublade stecken lässt», charakterisiert ihn Lea Hagmann, Musikethnologin an der Universität Bern, und ergänzt: «Er lässt sich nicht durch gesellschaftliche Normen einschränken.»
Über 40 Jahre lang war es still um den Bündner Barden. Bis im vergangenen Sommer: Am Musikfestival «Alpentöne» in Altdorf organisierte seine langjährige Musik-Weggefährtin Corin Curschellas ein Hommage-Konzert für den 75-Jährigen, das SRF auch live übertragen hat. Mit namhaften Schweizer Musikerinnen und Musikern wie Stephan Eicher, Sophie Hunger oder Michael von der Heide.
Eine Hommage an den Freigeist
Dieses Konzert steht im Zentrum des Dokumentarfilms «Drum sing i grad drum» von Stefan Haupt. Der renommierte Schweizer Regisseur («Der Kreis», «Zwingli», «Stiller») hat den Mundart-Pionier auch aus persönlichen Gründen als Protagonisten ausgewählt:
«Walter Lietha war für mich eine wichtige Figur, speziell als junger Mann. Wir haben all die Lieder von ihm gekannt und gesungen und sind auch mal an einem Konzert gewesen. Und er hat mir damals speziell imponiert als so eine Figur mit seinen langen Haaren und seinem Auftreten.»
Pionier im Mundart-Folk
In seinen Liedern in Bündner Mundart bringt Lietha Protest und Poesie auf den Punkt. Zeitlos und aktuell. Es sei deshalb kein Wunder, dass er zurzeit ein Revival erlebe, sagt Lea Hagmann: «Vielleicht sind es die Werte aus diesen Siebzigerjahren: Das war die Folkbewegung, die sich eingesetzt hat für ökologische und für gesellschaftliche Themen.»
Werte, die in herausfordernden Zeiten wieder wichtiger würden: «Ich habe das Gefühl, dass Liedermacher wie Walter Lietha hier wieder etwas zu sagen haben.»
80er-Jahre: Solidarität mit der Jugendbewegung
Zur Zeit der Jugendunruhen der 80er-Jahre solidarisierte sich der Musiker mit der Jugendbewegung und veröffentlichte das politische Album «Drum sing i grad drum». Daraufhin wurde er laut Zeitzeuginnen und Zeitzeugen kaum mehr im Radio gespielt. Belegen lässt sich das heute nicht mehr (siehe Box).
«Wie sehr er wirklich zensuriert worden ist, ist schwer zu sagen», betont Regisseur Stefan Haupt: «Klar ist, dass es intern beim Schweizer Fernsehen und beim Schweizer Radio Leute gegeben hat, die auf Kärtchen geschrieben haben: ‹darf nicht gespielt werden› oder man müsse den Text genau anschauen, bevor man das Lied spiele.»
Rückzug in die Welt der Bücher
In den 80er-Jahren zog sich Walter Lietha zurück, sang nur noch im kleinen Kreis. Jahrzehntelang leitete er eine Buchhandlung und ein Antiquariat in Chur, das «Narrenschiff». Seit einigen Jahren hat er sich nun mit Tausenden von geschichtsträchtigen Büchern in Trin in der Surselva eingenistet.
«Drum sing i grad drum» – eine SRF-Koproduktion – ist ein berührendes Porträt eines eigenwilligen Liedermachers, der immer noch bedeutsam ist: durch seine zeitlosen Texte und seine poetischen Songs.
Kinostart: 16. April