Zum Inhalt springen

Header

Zur Übersicht von Play SRF Audio-Übersicht

Neu im Kino Walter Lietha: Er schrieb den Soundtrack der bewegten 1970er

Der Bündner Liedermacher Walter Lietha war eine grosse Stimme der 70er-Jahre. Dann verschwand er aus der Öffentlichkeit. Jetzt ist er wieder da: 2025 erhielt er den Bünder Kulturpreis, nun kommt der berührende Dokfilm «Drum sing i grad drum» über ihn ins Kino.

Seine Songs waren der Soundtrack einer ganzen Schweizer Generation. Seine Schallplatten gehörten in jede Studenten-WG der 70er-Jahre.

Mann mit Bart spielt Gitarre
Legende: Er war in den 70er-Jahren ein scharfer Zeitkritiker: Der Bünder Barde brachte Poesie und Protest auf den Punkt. Xenix Filmdistribution

Der Sänger, Dichter und Komponist Walter Lietha trat auf Folk-Festivals auf, setzte sich für Andersdenkende und den Umweltschutz ein.

Lieder mit Haltung

Seine Texte waren sanft und aufmüpfig zugleich. «Er ist ein Freigeist, der sich in keine Schublade stecken lässt», charakterisiert ihn Lea Hagmann, Musikethnologin an der Universität Bern, und ergänzt: «Er lässt sich nicht durch gesellschaftliche Normen einschränken.»

Drei Musikerinnen und ein Musiker mit Gitarre singen auf einer Bühne.
Legende: Der 75-jährige Walter Lietha wird 2025 am Musikfestival «Alpentöne» in Altdorf mit einem Konzert geehrt. Namhafte Schweizer Musiker und Musikerinnen wie Corin Curschellas (rechts neben Walter Lietha) singen seine Lieder. Xenix Filmdistribution

Über 40 Jahre lang war es still um den Bündner Barden. Bis im vergangenen Sommer: Am Musikfestival «Alpentöne» in Altdorf organisierte seine langjährige Musik-Weggefährtin Corin Curschellas ein Hommage-Konzert für den 75-Jährigen, das SRF auch live übertragen hat. Mit namhaften Schweizer Musikerinnen und Musikern wie Stephan Eicher, Sophie Hunger oder Michael von der Heide.

Eine Hommage an den Freigeist

Dieses Konzert steht im Zentrum des Dokumentarfilms «Drum sing i grad drum» von Stefan Haupt. Der renommierte Schweizer Regisseur («Der Kreis», «Zwingli», «Stiller») hat den Mundart-Pionier auch aus persönlichen Gründen als Protagonisten ausgewählt: 

Hinweis

Box aufklappen Box zuklappen

Der Film «Drum sing i grad drum» ist eine SRF-Koproduktion. Auf SRF 1 wird der Film am 4. Juli um 12:00 Uhr in der Sendung «Sternstunde Musik» zu sehen sein.

«Walter Lietha war für mich eine wichtige Figur, speziell als junger Mann. Wir haben all die Lieder von ihm gekannt und gesungen und sind auch mal an einem Konzert gewesen. Und er hat mir damals speziell imponiert als so eine Figur mit seinen langen Haaren und seinem Auftreten.»

Pionier im Mundart-Folk

In seinen Liedern in Bündner Mundart bringt Lietha Protest und Poesie auf den Punkt. Zeitlos und aktuell. Es sei deshalb kein Wunder, dass er zurzeit ein Revival erlebe, sagt Lea Hagmann: «Vielleicht sind es die Werte aus diesen Siebzigerjahren:  Das war die Folkbewegung, die sich eingesetzt hat für ökologische und für gesellschaftliche Themen.»

Werte, die in herausfordernden Zeiten wieder wichtiger würden: «Ich habe das Gefühl, dass Liedermacher wie Walter Lietha hier wieder etwas zu sagen haben.»

80er-Jahre: Solidarität mit der Jugendbewegung

Zur Zeit der Jugendunruhen der 80er-Jahre solidarisierte sich der Musiker mit der Jugendbewegung und veröffentlichte das politische Album «Drum sing i grad drum». Daraufhin wurde er laut Zeitzeuginnen und Zeitzeugen kaum mehr im Radio gespielt. Belegen lässt sich das heute nicht mehr (siehe Box).

Mann mit langen weissen Haaren sitzt an einem See.
Legende: Der Dokumentarfilm «Drum sing i grad drum» ist ein wichtiges Zeitzeugnis. Walter Lietha erzählt offen vom Liedermachen, von seiner speziellen Jugend mit Krankheit und Reisen. Und von den bewegten Zeiten in den 70er-Jahren. Xenix Filmdistribution

«Wie sehr er wirklich zensuriert worden ist, ist schwer zu sagen», betont Regisseur Stefan Haupt: «Klar ist, dass es intern beim Schweizer Fernsehen und beim Schweizer Radio Leute gegeben hat, die auf Kärtchen geschrieben haben: ‹darf nicht gespielt werden› oder man müsse den Text genau anschauen, bevor man das Lied spiele.»

Rückzug in die Welt der Bücher

In den 80er-Jahren zog sich Walter Lietha zurück, sang nur noch im kleinen Kreis. Jahrzehntelang leitete er eine Buchhandlung und ein Antiquariat in Chur, das «Narrenschiff». Seit einigen Jahren hat er sich nun mit Tausenden von geschichtsträchtigen Büchern in Trin in der Surselva eingenistet.

«Drum sing i grad drum» – eine SRF-Koproduktion – ist ein berührendes Porträt eines eigenwilligen Liedermachers, der immer noch bedeutsam ist: durch seine zeitlosen Texte und seine poetischen Songs.

Kinostart: 16. April

Wurde Walter Lietha von SRF boykottiert oder zensiert?

Box aufklappen Box zuklappen

Eine Einordnung aus SRF-Sicht:

In verschiedenen Medien wurde berichtet, der Musiker Walter Lietha sei in den Achtzigerjahren von SRF boykottiert und/oder zensiert worden. Eine Auswertung der SRF-Archive zeigt, dass sich diese Vorwürfe weder begründen noch widerlegen lassen, da die Vorgänge im Detail nicht mehr rekonstruierbar sind.

Im Zentrum der Diskussion steht Walter Liethas Album «Drum sing I grad drum» von 1981, auf dem er sich mit den Zürcher Jugendunruhen solidarisiert. Walter Lietha erzählt in Stefan Haupts Film, dass ihm nach dessen Veröffentlichung ein Live-Konzert bei SRF abgesagt wurde, und zwar durch den Medienanwalt Hans W. Kopp.

Dazu finden wir im SRF-Unternehmensarchiv keine Informationen. Anzumerken ist aber, dass Hans W. Kopp von 1974 bis 1980 im Schweizer Fernsehen die medienpolitische Sendung «Fernsehstrasse 1–4» moderiert hat, allerdings als externer Experte und ohne Anstellung bei SRF. Darüber hinaus war Kopp Präsident der «Eidgenössischen Expertenkommission für eine Mediengesamtkonzeption». In beiden Rollen war er nicht in der Position, die Absage eines Konzertes bei SRF anzuordnen.

Des Weiteren spricht die Sängerin Gabriela Krapf im Film davon, dass die Musik von Walter Lietha im Radio zensiert wurde. Unsere Recherchen in den SRF-Plattensammlungen zeigen diesbezüglich kein einheitliches Bild: Im Radiostudio Zürich finden sich einerseits handschriftliche Vermerke auf dem Cover von «Drum sing I grad drum», so der Hinweis «Vor Einsatz Texte beachten» und beim Titel «Zürilied» der Vermerk «nicht spielen».

Andererseits steht der Satz «Eine Zensur findet nicht statt!» in roter Handschrift auf der Karteikarte, dem Findmittel zum Album. Bezüglich aller drei Vermerke lässt sich nicht mehr nachvollziehen, ob es sich um verbindliche Anweisungen handelte, von wem diese ausgingen und ob und wie lange sie befolgt wurden.

In der SRF-Plattensammlung des Radiostudios Basel ist Walter Liethas Album «Drum sing I grad drum» ebenfalls vorhanden – jedoch ohne entsprechende Markierungen. Auch weitere Veröffentlichungen des Künstlers wurden über die Jahre kontinuierlich in die SRF-Produktionsarchive aufgenommen.

Aus dieser Quellenlage lässt sich ableiten, dass es für den Umgang mit Walter Lietha keine SRF-weit einheitliche Praxis oder konkrete Zensurmassnahmen gegeben haben dürfte.

Naheliegend ist eine redaktionelle Haltung: Im aufgeladenen politischen Kontext der damaligen Zeit begegneten vermutlich insbesondere Mitarbeitende des Studios Zürich der Musik auf Walter Liethas Album «Drum sing I grad drum» mit Zurückhaltung und fuhren seine Präsenz auf dem Sender zurück. Wie stark, lässt sich heute statistisch nicht mehr belegen, weder durch SRF, noch durch die SUISA, die Schweizerische Verwertungsgesellschaft für Musikrechte.

Darüber hinaus fanden sich weder im SRF-Unternehmensarchiv, noch bei der SUISA Hinweise auf staatliche Zensur-Eingriffe.

Über einen längeren Zeitraum liegt bei Walter Lietha kein systematischer Boykott seiner Person durch SRF vor, was ein Blick in die interne Mediendatenbank zeigt: Im Schweizer Fernsehen und Radio wurde über Walter Lietha berichtet und seine Musik wurde auch nach 1981 punktuell weiter gespielt. So war er zum Beispiel 1982 – kurz nach der Konzertabsage – im Fernsehen zu sehen, mit einem Auftritt am Open Air St. Gallen und einem Interview.

Walter Lietha war bei SRF/SF/SR DRS über die Jahrzehnte seines aktiven Schaffens hinweg zwar nicht häufig, aber nachweislich präsent. Im Rahmen seines Comebacks im letzten Jahr hat Walter Liethas Schaffen wieder vermehrt bei SRF stattgefunden. Unter anderem wird er regelmässig auf SRF 1 gespielt oder wurde sein Konzert im Sommer 2025 live von den Alpentönen auf Radio SRF 2 Kultur übertragen – unter anderem mit Liedern, die ursprünglich auf dem Album «Drum sing I grad drum» erschienen sind.

Theresa Beyer, Publizistische Leiterin Musikredaktion SRF Kultur, unter Mitarbeit von SRF Recherche & Archive

10v10, 16.4.2026, 21:50 Uhr

Meistgelesene Artikel