Die dreiteilige Netflix Dokuserie «Take That» erzählt das Märchen von fünf Jungs, die im Jahr 1990 Dank Manager Nigel Martin-Smith in Manchester zusammenfinden, zur Boygroup nach amerikanischem Vorbild werden, weltweit 45 Millionen Alben verkaufen und in 56 Ländern Nummer-1-Hits wie «Back for Good» oder «Patience» landen.
Auf der Höhe des Erfolgs steigt Robbie Williams wegen Überforderung, Drogenproblemen und bandinternen Spannungen aus – die Band löst sich 1996 auf. Alle wetten darauf, dass Musterschüler Gary Barlow, der federführende Take That-Songschreiber, als Solokünstler durchstarten wird. Es kommt anders.
Robbie Williams – der Phönix aus der Asche
Nach einem anfänglichen Nummer-1-Hit wird Barlow vom Label fallen gelassen. Er zieht sich komplett zurück, entwickelt Essstörungen und droht in der Bedeutungslosigkeit zu versinken. Die Solokarriere des charismatischen Bad Boys Robbie Williams hingegen kennt nur eine Richtung: nach oben.
Williams lässt denn auch keine Gelegenheit aus, um Take That und insbesondere Erzrivalen Gary Barlow öffentlich blosszustellen – mit Vorliebe über die Revolver-Presse. Es dauert ein Jahrzehnt, bis die Band 2009 in New York für ein Album und eine Tour zur Versöhnung und vollzähligen Reunion zusammenfindet. Danach touren und arbeiten Take That im Quartett, später im Trio weiter. Robbie Williams widmet sich wieder seinem (kommerziell weitaus erfolgreicheren) Solo-Projekt.
Tellerwäschergeschichte mit Kalkül?
Die Serie «Take That» erzählt im Wesentlichen nichts Neues - auch wenn die Produzenten das exklusive Video-Material der Band hervorheben und aktuelle Interviews neuen Tiefgang und emotionale Nähe suggerieren: «Ich war eifersüchtig – was Robbie erreicht hatte, war schlicht zu gross», gesteht Barlow im Rückblick auf Robbie Williams’ Senkrechtstart als Solokünstler. Die Herren sind weise geworden. Das schon.
Auch Robbie Williams gibt sich versöhnlich. Seine Stimme allerdings kommt aus dem Archiv. Bezeichnend? Er hatte bereits 2023 seine Sicht der Dinge offenbart - in einer eigenen Netflix-Dokuserie. Williams' Beziehung zu Take That bleibt eine offensichtlich gebrochene.
«Wir waren Jungs aus der Arbeiterklasse, welche ein einziges goldenes Ticket bekamen. Es war die einzige Chance, unser Leben nicht abzufucken», sagt im Film eine Stimme aus dem Off. Diese Chance wollte verdient sein: Hunderte mies bezahlte Shows in abgetakelten Schulhallen und Night Clubs spielte die Band, bevor Manager Nigel seine Hypothek aufstocken und die erste Take-That-Single finanzieren konnte. Die Story von Take That ist auch eine Tellerwäscher-Geschichte.
Gleichzeitig ist die Dokuserie eine hochglanzpolierte Band-Dokumentation. Eine nostalgische Achterbahnfahrt, die virtuos alle Steilwandkurven der Erzählkunst ausreizt, um Aufstieg, Fall und Wiedergeburt des Take-That-Mythos zu illustrieren. Wohl nicht ganz ohne Kalkül: Demnächst erscheint ein neues Take-That-Album. Und eine Tour ist auch geplant.
«Take That» läuft auf Netflix.