Was ist passiert? Christopher Nolans «The Odyssey» läuft seit dem 16. Juli im Kino. Der Starregisseur hat Homers antikes Epos mit einem Budget von rund 250 Millionen US-Dollar und modernster 70-mm-IMAX-Technologie verfilmt. In den Hauptrollen: Hollywood-Stars wie Matt Damon, Anne Hathaway oder Tom Holland. Tech-Milliardär Elon Musk scheint allerdings wenig begeistert. Vier Tage nach Filmstart postete er auf X, er werde mit Hilfe seines KI-Bildgenerierungstools Grok Imagine bis Jahresende einen eigenen Odyssee-Film produzieren – «historisch akkurat und dem Werk Homers treu». Dazu verlinkte er auf einen KI-generierten Clip eines Users.
Was missfällt Musk am aktuellen Kinofilm? Vor allem der Cast. Bereits im Vorfeld hatte ein Nutzer auf Musks Plattform X Nolans Besetzung der Schwarzen Schauspielerin Lupita Nyong'o als Helena von Troja als «Beleidigung am Autor» bezeichnet. Musk verstärkte den Post mit dem Kommentar, Nolan habe «seine Integrität verloren». Als ein weiterer X-Nutzer einen trans-feindlichen Witz über Elliot Page machte – der im Film die Figur Sinon spielt – lobte Musk diesen als «Banger».
Wie «historisch akkurat» kann ein Film mit Zyklopen und Sirenen sein? Die Odyssee ist ein mündlich überliefertes Epos, das über Jahrhunderte weitergegeben und verändert wurde, bevor Homer es schriftlich festhielt. Es gibt keine Überlieferung, was genau wie aussah. Eine Verfilmung einer 3000 Jahre alten Geschichte ist immer mit Interpretation verbunden. In einigen Aspekten weicht Nolan aber bewusst vom Original ab: Die Figur Sinon gibt es bei Homer nicht, sondern stammt aus Vergils «Aeneis». Athena erscheint nicht als eigenständige Gottheit, sondern nur als Vision des Odysseus. Wie Musk sich eine «historische Genauigkeit» bei einem Mythos vorstellt, dessen Figuren ein einäugiger Riese und Sirenen beinhalten, erklärte er nicht.
Kann die KI einen ganzen Spielfilm erschaffen? KI übernimmt bereits diverse Aufgaben bei Filmproduktionen: Stimmen anpassen, Schauspieler digital verjüngen. «In dem Film ‹The Brutalist› wurde die Stimme von Adrian Brody angepasst und der Film hat drei Oscars gewonnen», so SRF-KI-Experte Janes Thomas. Ganze Filme zu generieren, sei jedoch eine andere Sache: «KI ist momentan sehr inkonsistent und kann zu vielen Fehlern führen.» Ausserdem ist sie aufwendig. Coca Cola benötigte für seinen Weihnachtsspot rund 70'000 Prompts und am Ende hagelte es wegen diverser Ungereimtheiten trotzdem Kritik. Tatsächlich wurde an den diesjährigen Filmfestspielen von Cannes mit «Hell Grind» aber, laut Aussage der Macher, der erste vollständige KI-Spielfilm gezeigt.
Was ist realistisch von Musks Ankündigung zu erwarten? Thomas ist skeptisch: «Einen Film in dem Ausmass, an dem Nolan jahrelang gearbeitet hat, lässt sich mit KI in so kurzer Zeit nicht nachstellen.» Zudem sei Grok Imagine bislang ein Bildgenerator und kein Videosystem. Ob Musk tatsächlich ein Filmprojekt plant oder schlicht die Gunst der Stunde zur Promotion von Grok genutzt hat, liess dieser offen. Einen KI-generierten Odyssee-Film gibt es ohnehin schon: «Odysseus: The Fall» von Regisseur Ash Koosha ist 135 Minuten lang und vollständig KI-generiert mit dem chinesischen Modell Kling. Einen Verleiher hat der Film allerdings noch nicht gefunden.