Bruno Ronco ist vor 65 Jahren als 20-Jähriger in die Schweiz gekommen. Heute sagt er: «Ich bin jetzt in der Schweiz zu Hause. Nach Italien gehe ich gerne in die Ferien.»
Seine Frau Cesira Ronco ist vor 60 Jahren in die Schweiz eingewandert. Sie bedauert, dass sie nie richtig Deutsch gelernt hat. Sie habe sich zu Hause um die Kinder gekümmert und sei nie erwerbstätig gewesen. Und doch fühle sie sich hier wohl.
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Bild 1 von 5. Cesira und Bruno Ronco bei ihrer Hochzeit am 26. Dezember 1966. Bildquelle: Cesira Ronco/Bruno Ronco.
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Bild 2 von 5. Cesira und Bruno Ronco (rechts) 1967 bei Freunden, die im gleichen Haus am Helvetiaplatz in Zürich wohnten. Sie selber bewohnten eine kleine Mansarde. Bildquelle: Cesira Ronco/Bruno Ronco.
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Bild 3 von 5. Bruno Ronco 1961 in Aadorf TG. Er arbeitete damals als Schreiner. Bildquelle: Bruno Ronco.
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Bild 4 von 5. 1979 mit der Familie am Lago Iseo in Italien. Bildquelle: Cesira Ronco/Bruno Ronco.
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Bild 5 von 5. Taufe von Tochter Katia: Familie Ronco 1972. Bildquelle: Cesira Ronco/Bruno Ronco.
Viele Seniorinnen und Senioren mit italienischen Wurzeln in der Schweiz sind innerlich zerrissen. Sie sind nirgends richtig daheim. Sie haben in Italien einen Teil ihrer Familie, eine Wohnung gekauft oder ein Haus gebaut und sind dann doch in der Schweiz geblieben – sie sind Grosseltern geworden und haben sich wieder mit ihren Enkelkindern auf den Spielplätzen hierzulande aufgefunden. Das Leben hat andere Geschichten geschrieben.
Ländliche Gebiete – besonders im Süden von Italien – sind mit dem öffentlichen Verkehr weniger gut erschlossen. Das zählt, gerade wenn Seniorinnen und Senioren im Alter nicht mehr selber Autofahren und die nächste Arztpraxis oder das Einkaufszentrum nicht mehr selbständig erreichen können.
Letzte Ruhestätte Schweiz
Bruno Ronco sagt: «Ich will hier begraben werden, denn ich habe eine schöne Familie hier. Das ist auch der Lohn für die Entbehrungen, die wir einst auf uns genommen haben.»
Mit Entbehrungen meint Bruno das Heimweh in den ersten Jahren, die Sehnsucht nach Italien, nach seiner Familie und der fernen Heimat – dazu die fremde Sprache, die fremde Kultur in der Schweiz und die beschwerliche Arbeit.
Bruno Ronco hat in verschiedenen Firmen als Schreiner und Nachtportier gearbeitet. Für die Familie besonders belastend war seine Abwesenheit durch die Arbeit in der Nacht. Nach Aufenthalten in der ganzen Schweiz für spezialisierte Schreinerarbeiten gab es auch Momente, in denen die Kinder den eigenen Vater nicht erkannten.
Man hatte Arbeitskräfte gerufen …
Nicht alle schauen heute so versöhnt auf die Geschichte ihrer Einwanderung zurück wie Cesira und Bruno Ronco. Nach dem Zweiten Weltkrieg sind viele Italiener als Saisonniers in die Schweiz gekommen. Sie sollten in der Schweiz keinesfalls Wurzeln schlagen.
Die Schweizer haben sie «Gastarbeiter» genannt oder schlimmer «Tschingge». «Man hat Arbeitskräfte gerufen und es kommen Menschen», hat der Schriftsteller Max Frisch 1965 bemerkt.
Im Alter bleiben Verletzungen, kulturelle Unterschiede und Probleme mit der Sprache, mit den Dialekten. Viele Migrantinnen und Migranten sind im Alter einsam, der Partner oder die Partnerin ist gestorben.
Andere haben bei der Vorsorge Beitragslücken und müssen mit einer bescheidenen Rente auskommen. Sie haben hart gearbeitet und leiden heute unter körperlichen Beschwerden. Oder sie haben Angst, pflegebedürftig und von anderen abhängig zu werden. Ihre religiöse Heimat gibt da vielen Seniorinnen und Senioren mit Migrationshintergrund Halt.
Probleme mit Gottvertrauen anpacken
Cesira und Bruno Ronco gehen jeden Sonntag zur Messe. Bruno Ronco meint: «Wenn du ein Ziel vor Augen und Gottvertrauen hast, packst du die Probleme im Leben auch mutiger an.»
Die ehemalige Missione Cattolica Italiana in Basel heisst heute Pfarrei San Pio X. Sie ist ein ein Stück Italianità in der Schweiz. In der italienischsprachigen Pfarrei besuchen Gläubige den Gottesdienst und erleben Gemeinschaft mit anderen Familien oder anderen Seniorinnen und Senioren.
Religion wird wichtiger
Studien zeigen, dass gerade bei christlichen Migranten die religiöse Heimat im Alter wichtiger wird. Sie hilft, die eigene Herkunft und Lebensgeschichte zu verarbeiten und mit Einsamkeit, Verlusten oder Krankheit umzugehen.
Religion ist auch Sprache, Kultur und Tradition, alles, was die Menschen aus ihren Heimatländern mitgebracht haben.
«Die Religion spielt im Alter eine wichtige Rolle», bestätigt Muris Begovic. Der Imam ist in Bosnien geboren, 1991 mit seinen Eltern in die Schweiz gekommen und im Toggenburg aufgewachsen. Heute leitet er die muslimische Seelsorge in Zürich und ist der erste muslimische Armeeseelsorger der Schweiz. Alte Menschen suchten das Vertraute und würden sich auf ihre Wurzeln besinnen, sagt er.
Dies stellt Muris Begovic auch bei seiner Mutter fest. Sie suche im Alter vermehrt den Kontakt zu ihren Landsleuten und zu Musliminnen und Muslimen. Sie erkläre sich gerne, es sei für sie jedoch anstrengender geworden, immer wieder dieselben Fragen auf Deutsch zu beantworten, zum Beispiel, warum sie ein Kopftuch trage.
Für Muris Begovic ist Religion Gemeinschaft mit Gott und mit den Menschen. Dazu gehören einerseits Beten, Fasten oder der Besuch einer Moschee und andererseits die Gemeinschaft: die Beziehung zu den Mitmenschen, zu Tieren oder zur Umwelt.
Begovic ergänzt: «Religion ist auch Sprache, Kultur und Tradition, alles, was die Menschen aus ihren Heimatländern mitgebracht haben. Im Alter kommt das noch viel stärker zum Ausdruck.»
Generationenkonflikt bei Muslimen
Muris Begovic beobachtet einen Generationenkonflikt in vielen muslimischen Gemeinschaften der Schweiz. Die Einwanderer aus der ersten Generation sind mit ihren Wertvorstellungen sehr präsent. Die zweite und dritte Generation ist in der Schweiz aufgewachsen und hier sozialisiert. Die Werte ihrer Eltern sind ihnen wichtig, doch sie können ihnen nicht mehr gerecht werden. Sie sind mit neuen gesellschaftlichen Herausforderungen konfrontiert.
Ich wünsche mir, dass wir Tradition und Moderne in Einklang bringen.
Der Konflikt zeigt sich zum Beispiel beim Umgang mit alten und gebrechlichen Menschen. Für die Alten kommt es nicht infrage, in ein Altersheim zu ziehen. Sie erwarten, dass sich die Jungen um sie kümmern. Die Jungen hingegen müssen arbeiten und sich um ihre eigenen Kinder kümmern.
«Ich wünsche mir, dass wir Tradition und Moderne in Einklang bringen», sagt Muris Begovic. Ihm schwebt ein muslimisches Altersheim vor, in dem sich Seniorinnen und Senioren mit ihrer islamischen Tradition wohlfühlen und die Jungen nicht das Gefühl haben, ihren Eltern etwas Unrechtes angetan zu haben.
Miteinander alt werden
Die erste Generation der Migrantinnen und Migranten wird immer älter. Mit ihr werden die Fragen nach Zugehörigkeit, Fürsorge und Würde wichtiger. Die Zeit heilt nicht alle Wunden.
Wie Seniorinnen und Senioren mit Migrationshintergrund ihren Lebensabend gestalten, sagt auch etwas über den Zusammenhalt in der Gesellschaft aus.