Auf dem Kissen sitzen und schweigen: Anna Gamma

Anna Gamma ist Zen-Meisterin. Sie praktiziert seit Jahren Zen-Meditation und gibt ihre Erfahrung an Zen-Schüler weiter. Darunter sind auch solche, die von sitzen und schweigen keine Ahnung haben: Anna Gamma bringt Zen nämlich auch zu Bankdirektoren und CEOs.

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Bildlegende: Zen-Meditation ist «eine Welt-Innen-Reise», erklärt die Psychologin Anna Gamma. Alexandra Zvekan

Mit drei Gongschlägen fängt alles an, und mit drei Gongschlägen hört es wieder auf: die Zen-Meditation dauert 25 Minuten. Während dieser Zeit sitzt man still auf einem Kissen und atmet, versucht, an nichts zu denken. Anschliessend folgt eine 5-minütige Gehmeditation. Dann setzt man sich wieder aufs Kissen. Anna Gamma praktiziert diese simple Technik schon jahrelang. Ende der 70er-Jahre begann sie mit Zen-Meditation – damals wollte sich die studierte Psychologin einfach schnell entspannen.

Eine «Welt-Innen-Reise»

Einfach mal nichts zu denken und schweigen, das hat bei Anna Gamma gewirkt: Sie hat sich entspannt. Aber Zen hat sie noch aus einem anderen Grund nicht mehr losgelassen. Zen wurde für sie zu einer «radikalen Selbstbegegnung», wie sie selber sagt. Man kann sich nicht entkommen, kann sich nicht ablenken, schnell zum Kühlschrank gehen oder eben den Fernseher einschalten. Man sitzt einfach ganz alleine auf einem Kissen. Langweilig wird ihr nicht, im Gegenteil: «Man begibt sich auf eine Welt-Innen-Reise.»

Es wurde eine lange Reise. Anna Gamma musste 600 sogenannte paradoxe Geschichten durcharbeiten. Diese Geschichten oder Sätze machen auf den ersten Blick vielleicht keinen Sinn oder sind völlig paradox. Erst mit vertiefter Meditation erfasst man intuitiv den Sinn oder die Lösung dieser Geschichten. 2003 erhielt Anna Gamma dann von Pia Gyger und Niklaus Brantschen vom Lassalle-Haus in Edlibach im Kanton Zug die Lehrerlaubnis.

Manager aufs Kissen?

Sie ist aber keine Lehrerin, die den Schülern etwas einpaukt. Vielmehr unterstützt sie ihre Schüler auf ihrem Zen-Weg. Anna Gamma vergleicht sich dabei mit einem Bergführer: Den brauche man ja schliesslich auch, wenn man einen hohen Berg besteigen wolle. Anna Gamma führt mit ihren Schülern Einzelgespräche, über die Meditation, über ddas Atmen. Manche Schüler verlieren die Motivation. Da versucht Anna Gamma, sie wieder auf den Zen-Weg zurückzubringen.

Anna Gamma unterrichtet aber auch Menschen, die mit Zen (noch) nichts am Hut haben. Sie gibt Seminare für Führungspersonen und vermittelt ihnen die Grundlagen des Zen. Sie war viele Jahre Leiterin des Lassalle-Hauses, das speziell für Führungspersonen Kurse in Zen und Ethik anbietet. Die Manager müssen sich aber nicht gleich für ein paar Stunden aufs Kissen setzen und schweigen. Das braucht schliesslich viel Übung.

Kreativer, gesünder, zufriedener: Zen

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«Erfolgreich fromm»

Geistliche Spitzenkräfte wie ein Kloster-Manager, eine Zen-Meisterin, eine Alevitin, eine Pfarrökonomin und ein Bischof mit besonders viel Humor erzählen, was sie so erfolgreich fromm macht.

Blickpunkt Religion
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Anna Gamma bringt Führungspersonen ganz spielerisch Übungen bei: zum Beispiel Atemzüge zählen oder eine Sitzung schweigend beginnen. Das Resultat: Fast alle sind entspannter. Das hat direkte Auswirkungen auf die Führungspersonen, aber auch auf ihre Teams. Mit Achtsamkeitstrainings, wie es auch Zen ist, werden die Menschen weniger krank, sind zufriedener, identifizieren sich mehr mit ihrem Unternehmen und tanken Kreativität. Das freue schlussendlich auch das Unternehmen.

Es geht aber nicht nur um die Entspannung. Die Stille könne auch ein Gefühl des «Nachhause-Kommens» sein. Denn gerade Führungspersonen seien oft so gestresst, dass sie sich «im Aussen» verlieren, wie Anna Gamma es nennt. Durch die Stille können sie wieder zu sich kommen und hinterfragen, ob sie sich wirklich so von ihrer Umwelt treiben lassen wollen.

Schweigen macht liebenswürdig

Anna Gamma will Zen aber nicht idealisieren. «Auch ich bleibe ein Mensch mit Ungeduld, das ist übrigens eine meiner Todsünden», lacht Anna Gamma. Die menschlichen Gefühle lassen sich nicht wegmeditieren, aber man könne anders damit umgehen. Wer in der Stille darüber nachdenkt, warum er so wütend wird, erkennt vielleicht einen tieferen Grund dahinter. So erstaunt es Anna Gamma nicht, dass manche Teilnehmer von ihrer Familie in weitere Schweigekurse geschickt werden. Denn der Kurs hätte schon manchen liebenswürdiger und menschlicher gemacht.

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