Der Deutsche Wilhelm Droste lebt seit knapp vier Jahrzehnten in Budapest, wo er ein Kulturcafé betreibt. Im Interview mit SRF erklärt er, warum der Machtwechsel den ungarischen Kulturschaffenden eine historische Chance bietet – und welche Stolpersteine es gibt.
SRF: Nach dem Wahlsieg von Peter Magyar haben uns Bilder von jubelnden Menschenmassen in den Strassen von Budapests erreicht. Wie haben Sie die Wahlnacht erlebt?
Wilhelm Droste: Ich hatte das Gefühl, Ungarn habe mindestens die Fussballweltmeisterschaft gewonnen. In den Räumen meines Cafés haben sich die Leute geküsst, sich umarmt und vor Freude geweint.
Wie kommentierten Kulturschaffende in Ihrem Café den Erdrutschsieg?
Die Begeisterung ist gerade unter den Literaten riesig. Sie waren immer im Widerstand gegen Viktor Orban. Ein junger Schriftsteller sagte mir aber auch: «Um Gottes willen, bis jetzt konnte ich meine ganzen Probleme und Krisen auf Orban schieben. Was mache ich jetzt, wo es kein Feindbild mehr gibt?»
Wer sind die Verliererinnen und Verlierer in der Kulturszene?
Die vielen Orban-Getreuen, die auf den hohen Posten der Kulturinstitutionen sitzen – vom Nationaltheater über das Radio und das Fernsehen bis zu den Buchverlagen. Sie sind alle in Fidesz-Hand und müssen befreit werden, indem man das Personal austauscht.
Es darf nichts übrig bleiben vom System Orban, sonst hat Ungarn in Zukunft keine guten Chancen.
Das wird nicht ohne Reibungen und Frustrationen gehen. Wichtig ist, dass der Wandel kein Rachefeldzug ist, sondern mit Weisheit und Gelassenheit erfolgt. Aber es braucht eine Revolution, eine echte Systemwende. Es darf nichts übrig bleiben vom System Orban, sonst hat Ungarn in Zukunft keine guten Chancen.
Was plant Peter Magyar an Reformen für die Kultur?
Er hält sich noch bedeckt und ist deswegen auch eine ideale Projektionsfläche für die vielen Strömungen, die seine Tisza-Bewegung verschluckt hat: Linke, Sozialdemokraten, Links- und Rechtsliberale, Konservative.
Magyar brach erst vor zwei Jahren mit Orban. Ist Magyar als Reformer überhaupt zu trauen?
Es ist verrückt, Magyar ist ursprünglich ein Orban-Schüler. Beide – Orban und Magyar – arbeiteten im Wahlkampf mit populistischen Methoden, zum Beispiel mit starken Feindbildern. Diejenigen von Orban – Ursula von der Leyen oder Wolodimir Selenski – funktionierten nicht. Das Feindbild Orban dafür umso mehr. In gewisser Hinsicht ist Peter Magyar mit Orban'schen Mitteln in eine Zustimmungsflut geraten. Seit dem Wahlsieg hat er nun aber durch mehrere Gesten zum Ausdruck gebracht, dass er auch widersprechende Stimmen für den Reformkurs gewinnen möchte.
Gibt es bereits Anzeichen für einen Wandel im kulturellen Leben?
In der Wahlnacht habe ich gegen drei Uhr in der Früh ungarisches Radio gehört. Ich bin beinahe erschrocken, dass die Journalistinnen und Journalisten plötzlich einen sachlichen und nicht hetzerischen Ton pflegten. Dies habe ich in den letzten 16 Jahren unter Orban nicht gehört. Im Radio gibt es also bereits Leute, die bereit sind, sich umzustellen. Auch deutet einiges darauf hin, dass der Stuhl der zentralen Gestalt in der ungarischen Theaterszene bereits wackelt.
Wie optimistisch sind Sie für das ungarische Kulturleben?
Mein Optimismus ist gross, weil nicht nur die Jugend hinter der Tisza-Bewegung steht, sondern auch die Frauen. Sie machen im neuen Parlament 40 Prozent aus. Ich freue mich, dass meine Wahlheimat wieder zum Märchenland wird.
Das Gespräch führte Felix Münger.