«Gemeinsam haben wir das Orban-System abgewählt, gemeinsam haben wir Ungarn befreit!», ruft Peter Magyar der begeisterten Menschenmenge am Donauufer in Budapest zu.
Zehntausende sind gekommen, um den künftigen Premierminister Ungarns zu bejubeln. Oder, wenn man so will, den am längsten amtierenden Regierungschef der EU zu verabschieden: Viktor Orban.
Es ist auch die junge Generation, die Magyar und damit den Wandel gewählt hat. «Ich fühle mich einfach nur befreit», sagt eine junge Frau ins SRF-Mikrofon. «Wir hoffen, dass wir das Geld zurückkriegen, das diese Regierung gestohlen hat», ergänzt ein junger Mann.
In einem feurigen Wahlkampf inszenierte sich Magyar als Anti-Orban: Wutreden gegen Korruption, Machtmissbrauch und der Vorwurf, Ungarn heruntergewirtschaftet zu haben.
Vom Profiteur des Systems …
Pikant: Der 45-jährige Jurist war selbst Mitglied von Orbans Fidesz-Partei, ein Karrierebeamter im Mittelbau des Machtapparats. Bis er auspackt – und vom Profiteur des Systems zu seinem Chefkritiker aufsteigt.
In einem Interview mit der Onlineplattform Partizan bricht Magyar vor zwei Jahren mit der Partei. Orban bezeichnet er als «Kopf des Mafia-Staats». Auslöser für den Auftritt ist eine Begnadigung in einem Pädophilie-Skandal, die von der Fidesz-Partei erwirkt wurde.
Das Interview verbreitet sich wie ein Lauffeuer in Ungarn – der Whistleblower wird zum Politiker. Im Eiltempo versammelt Magyar den Widerstand gegen Orban hinter sich. Auch die zersplitterte Opposition sieht die Chance gekommen, die Ära Orban zu beenden.
… zum Hoffnungsträger
«Wir werden ihn nicht heiraten, aber wir brauchen jemanden, um Orban hinter uns zu lassen», sagt Péter Márki-Zay, der dem Langzeit-Premier noch 2022 unterlag.
Schon früh im Wahlkampf zeigt sich: Orbans Tiraden haben sich abgenutzt. Statt gegen Migranten zu wettern und äussere Bedrohungen herbeizureden, reist Magyar in die Provinz. Dort gibt er sich als Politiker, der die Sorgen der kleinen Leute ernst nimmt.
«Keine Seife, keine Handtücher, kein Toilettenpapier, nichts!» – ein Rundgang durch ein Spital wird zur Anklage gegen das morsche System Orban.
Nach eigenen Angaben hat Magyar auf seiner Wahlkampftour mit 200'000 Menschen persönlich gesprochen. Es sollte sich lohnen. «Er kanalisierte die Unzufriedenheit im Land und verwandelte sie in einen Wahlsieg», schätzt SRF-Korrespondentin Judith Huber.
Orban mit den eigenen Waffen geschlagen
Magyar ist ein Konservativer und kein Kulturkämpfer. Die Wahlkampfbühnen betritt er in Tracht und schwenkt die ungarische Fahne. Die urbane Linke wählt ihn auch, um Orban loszuwerden. Gleichzeitig bewirbt sich Magyar als Alternative für enttäuschte Fidesz-Wähler.
Als Orban vor einem Jahr die Pride-Parade in Budapest verbietet, zünden die Oppositionspolitiker Rauchbomben im Parlament. Auch konservative Kritiker warnen vor einer unzulässigen Einschränkung der Versammlungsfreiheit. Magyar zieht es vor, zu schweigen.
Nur zwei Jahre brauchte Magyar, um Orban zu stürzen – indem er ihn mit seinen eigenen Waffen schlug, wie SRF-Korrespondent Peter Balzli festhält: «Nämlich mit Konservatismus und Patriotismus.»
Nun verspricht er wirtschaftlichen Aufschwung, Rechtsstaatlichkeit und das Ende der «illiberalen Demokratie» in Ungarn. Die Hoffnungen sind gross. Genauso wie die Fallhöhe für den Politneuling, der plötzlich Premierminister ist.