Unmittelbar nach der Freilassung aus dem berüchtigten Evin-Gefängnis steht Sepideh Gholian vor den Gefängnistüren und ruft Parolen gegen Irans obersten Führer Khamenei. Sepideh wird sofort erneut verhaftet.
Der Widerstand in Iran hat eine lange Geschichte und produziert ikonische Momente und Bilder. «Diese Frauen werden nur dann wahrgenommen, wenn sie etwas tun, das zu ihrer Verhaftung oder Hinrichtung führt, weil die Welt sich ausschliesslich für Mythen, für Einzelschicksale interessiert.» Das schreibt Nila im Buch «Auf den Strassen Teherans».
Widerstand – von Menschen gemacht
Nila ist das Pseudonym einer Autorin und Aktivistin aus dem Iran. Das schmale Büchlein ist ein Essay aus dem Innern der «Frau, Leben, Freiheit»-Protestbewegung. Eindrücklich gelingt es diesem Buch, Widerstand jenseits von Verklärung oder Heroismus zu erzählen, jenseits der ikonischen Momente.
«Auf den Strassen Teherans» berichtet davon, dass Massenbewegungen Handarbeit sind, der Widerstand von Menschen gemacht ist: mit ihren Körpern, ihren Gesten.
Die Frauen, die Nila beschreibt, sind keine Symbolfiguren. Es sind Töchter, Mütter, Studentinnen. Sie rennen durch die Strassen, verstecken sich und kommen zurück. Im Wissen, dass sie gefoltert, vergewaltigt oder getötet werden können.
«Wir dienen nicht mehr als Kurzformel für das Elend dieser Welt. Wir sind das Abbild des Widerstands» heisst es im Buch. In diesem Abbild dröselt Nila die alltäglichen und bedeutungsvollen Momente der Protestbewegung auf.
Beim Lesen entsteht der Eindruck von Miniaturen. Die Autorin möchte alles bis ins Detail bezeugen: den roten Blutfleck auf ihrem Turnschuh, die Blutlache auf dem Trottoir – wo kurz zuvor eine Gruppe von Schülerinnen von der so genannten Sittenpolizei niedergeschlagen und abgeführt wurde. Die Polizei hat eine Schülerin erschossen.
«Ich werde nie erfahren, zu welchem der Mädchen aus der Gruppe das Blut auf dem Boden gehörte. Ich kann nur bezeugen, dass es purpurrot war. Ich kann nur bezeugen, dass ich mit eigenen Augen gesehen habe, wie die Seele einer ganzen Nation zerbrach.»
Nilas Schilderungen erzählen von radikalen Gegensätzen: vom Terror des Regimes und von der Verspieltheit einzelner Protestformen, zum Beispiel «Turban schlagen»: Vor allem Jugendliche rennen von hinten auf einen Mullah zu, Repräsentant des Regimes, und schlagen dem Religionsgelehrten den Turban vom Kopf. Angetrieben von Glücksgefühlen und Todesangst.
Überlebenskampf gegen das Regime
Nila zeigt die Grausamkeit des Regimes in den Abgründen seiner Details: Manche Familien erhalten die Leiche eines erschossenen Angehörigen nur, wenn sie für die verwendeten Kugeln bezahlen.
Das Regime macht einen zum Komplizen des nächsten Mordes. «Doch wer von den Hinterbliebenen kann damit leben, dass die Leiche einer geliebten Person vom Regime in der Wüste entsorgt wird?»
In ihrem Essay verbindet Nila Erzählungen aus der persischen Literatur und Mythen mit der Gewaltgeschichte der Islamischen Republik und den Geschichten historischer Frauen, die gegen das Patriarchat aufbegehrten. Dazwischen spiegeln sich ihre Beobachtungen aus einer Stadt im Ausnahmezustand. Das Essay ist ein eindrückliches Zeugnis der Revolution. Von Menschen im Überlebenskampf gegen ein brutales Regime.