Das Schattenzeitalter – oder der Beginn der Offline-Bewegung

Immer mehr Menschen sind offline: Für die einen ist es politischer Widerstand, für die anderen Lifestyle jenseits des digitalen Mainstreams. Wird diese neue Bewegung eines Tages zu einem evolutionären Bruch führen, der die Menschheit in Onliner und Offliner aufteilt, wie Joël Cachelin prophezeit?

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Bildlegende: Je weiter die Digitalisierung voranschreitet, desto stärker wird die Bewegung der Offliner. SRF/Andy Fischli

Wir leben in einem Schattenzeitalter. In diesem werden wir eins mit unserem digitalen Schatten, der jeden unserer Klicks vereint. Die unsichtbaren Beobachter nutzen diese, um Staus zu regulieren, Pendlerströme zu koordinieren oder die Kosten im Gesundheitswesen zu senken. Genauso können sie durch Big Data präzis an unsere Sehnsüchte und unsere Zahlungsbereitschaft anschliessen. Durch intelligente Brillen, Armbändern, Kühlschränke und Zahnbürste aber auch durch elektronische Patientendossiers oder die Abschaffung des Bargeldes wird der digitale Schatten bald noch umfassender. Algorithmen werden persönliche Assistenten, indem wir die Planung der Ferien, des sexuellen Abenteuers, des Umzugs und sogar die Fortpflanzung an sie delegieren.

Die Motive der Offliner sind vielseitig

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Dem Zeitgeist auf der Spur

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Doch dem digitalen Pflichtprogramm werden sich nicht alle unterwerfen. Der Widerstand erwacht. Je weiter die Digitalisierung voranschreitet, desto stärker wird die Bewegung der Offliner. Sie richtet sich gegen die totale Digitalisierung, deren Updatezwänge, deren Fürsprecher, Treiber und Profiteure. Die Motive der Offliner sind vielseitig. Während die einen die ökologischen Nebenwirkungen der endlosen technischen Erneuerung geisseln, stören sich andere an der ungleichen Verteilung von Macht und Einkommen. Wieder andere befürchten durch das Internet einen Sittenzerfall, eine Zerstörung des Bildungssystems oder stören sich an der ständigen Beschleunigung. Für die einen ist Offline politischer Widerstand, für andere ein Lifestyle jenseits des digitalen Mainstreams.

Das Problem: kein gemeinsamer Nenner

Ein gemeinsamer Nenner ist angesichts der unterschiedlichen Motive nicht einfach zu finden. Entsprechend unkoordiniert und dezentralisiert sind die Initiativen der Offliner. Die einen bieten ein Digital Detox Camp an, um sich digital zu entgiften – oder Apps, um weniger Schatten zu hinterlassen. Die anderen rufen zur Zerstörung von Überwachungskameras im öffentlichen Raum auf. Im Internet greifen digitale Widerstandkämpfer Internetseiten oder ganze Server an, um die digitalen Flüsse zum erliegen zu bringen. Langfristig stellt sich jedoch die Frage, ob ein gemeinsamer Nenner unausweichlich ist, um sich gegen die Macht der Digitalisierungstreiber wirkungsvoll aufzulehnen.

Kommt der evolutionäre Bruch?

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Der Autor

Joël Luc Cachelin hat an der Universität St.Gallen studiert, doktoriert und an zwei Instituten gearbeitet. Seit 2009 ist er Geschäftsführer der Wissensfabrik. Die Wissensfabrik bezeichnet sich als Think Tank für die Herausforderungen der digitalen Wissensgesellschaft.

Die Organisationsform der Offliner wird sich danach richten, wie sehr es gelingt, einen gemeinsamen Nenner zu finden, ob eine zentrale Form des Widerstands von den Offlinern überhaupt erwünscht wird und ob die Offliner eine Integration in die digitale Zukunft anstreben oder sich isolieren wollen. Denkbar ist eine Organisation der Offliner als politische Partei oder als Aussteigerbewegung. Möglich erscheint auch die Entstehung eines terroristischen Netzwerks, das Anschläge auf die digitale Infrastruktur und dessen Treiber verübt. Je weniger demokratisch die Digitalisierung vorangeht, desto grösser wird die Wahrscheinlichkeit von gewaltbedingten Korrekturen aber auch eines evolutionären Bruchs, der die Menschheit in Onliner und Offliner aufteilt.