Pünktlich mit dem Frühling beginnt auch die Saison der Mittelaltermärkte. In Laupen, Uster, Martigny oder Lenzburg versetzen Schausteller und Marktfahrerinnen sich selbst und ihr Publikum im April und Mai wieder in eine längst vergangene Zeit.
Die Nachfrage nach solchen «temporären Zeitreisen» sei konstant hoch, sagt Marktchef Remo Dörler, der die Teilnehmerinnen und Teilnehmer für das Mittelalterfestival in Zug auswählt. Dieses findet jeweils Ende September statt.
«Uns interessiert das alte Handwerk, und wir achten bei der Auswahl darauf, dass nur authentisches Handwerk präsentiert wird. Wir wollen Geschichte vermitteln und erlebbar machen.» 20'000 Besuchende konnte das Mittelalterfest Zug 2025 verzeichnen. Warum ist das so? «Ich denke, weil viele Leute die sogenannt ‹alten Werte› wie Anstand, Achtung und Wertschätzung vermissen», sagt Dörler.
Handwerk, Werte, Schmuddelecke?
Auch Historikerin Annette Kehnel findet es gut, wenn sich die Leute mit dem Mittelalter befassen. Sie wehrt sich dagegen, dass man das Mittelalter als dunkel bezeichnet und in die Schmuddelecke der Geschichte verbannt.
«Ich will nicht zurück ins Mittelalter», sagt Kehnel deutlich. Es gehe ihr aber um langfristiges Denken und Handeln, das im Mittelalter sehr viel ausgeprägter gewesen sei, als wir glaubten.
Ein Beispiel dafür beschreibt sie in ihrem Buch «Wir konnten auch anders. Eine kurze Geschichte der Nachhaltigkeit». Es geht um ein Global Public Good, wie das im Fachjargon heisst, also etwas, das uns allen gehört und eigentlich nicht privatisiert werden sollte – nämlich den Bodensee. «Man hätte den See überfischen können, aber es ist rund 500 Jahre lang nicht geschehen», so Kehnel.
Mittelalterliches Management
Warum nicht? «Weil sich die Fischer, die meist im Auftrag ihrer Herren in St. Gallen, Konstanz oder Lindau arbeiteten, abgesprochen haben.» So wurde beispielsweise – wenn eine Art bedroht war – beschlossen, die Maschen der Netze zu vergrössern, damit mehr Fische durchschlüpfen konnten. Das gab zwar weniger Ertrag im ersten, aber dafür mehr in den folgenden Jahren. «Das war Nachhaltigkeit im besten Sinn», lobt Kehnel.
«Internalisierung von Externalitäten» nennt man das heute in der Unternehmensstrategie. Eine Bottom-up-Logik. Nicht der Fürst hat etwas entschieden, sondern diejenigen, die mit der Materie zu tun hatten, einigten sich darauf, wie sie mit einer Ressource umzugehen hatten.
Mittelalterliche Frauen-WGs
Ein weiteres weitverbreitetes Vorurteil ist, dass das Mittelalter enorm frauenfeindlich war, dass es wenig Autonomie und Selbstbestimmung gab. Auch da widerspricht Annette Kehnel vehement: «Es gab Frauen-WGs, die sogenannten Beginenhöfe.»
Im 13. Jahrhundert gegründet, dienten diese Häuser, die manchmal ganze Stadtteile wurden, jenen Frauen als Wohnform, die ausserhalb der Familie ein Auskommen suchten. Die Historikerin ergänzt: «Es gab reiche Beginen mit Personal, aber auch arme. Es war eine faszinierende, aber schwer fassbare Lebensform, die man lange nicht verstand. Uns fehlt oft die Fähigkeit, uns eine Welt vorzustellen, in der es anders zugeht als Anfang des 20. Jahrhunderts, als die Kleinfamilie zur Normalität wurde.»
Verlockende Gegenwelt
Unser Bild vom Mittelalter stamme eigentlich aus dem 19. Jahrhundert, als die eigene Gegenwart als der Höhepunkt aller Zeiten gesetzt war. Das Mittelalter musste also abgewertet werden, damit die Moderne sich besser darstellen konnte.
Doch diese Abwertung führte paradoxerweise nicht dazu, dass sich weniger Leute mit dem Mittelalter auseinandersetzten, sondern eher mehr. Und so wurde das Mittelalter – beziehungsweise unsere Vorstellung davon – zu einer verlockenden Gegenwelt, wie es Historiker Valentin Groebner ausdrückt.
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Bild 1 von 6. Historisch anmutende Kostüme, feurige Spektakel: Mittelalterfeste, wie in Saillon VS, zelebrieren bewusst «andere» Zeiten – und Welten. Bildquelle: IMAGO/Xinhu.
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Bild 2 von 6. Der Mittelaltermarkt auf der Burg Castelgrande in Bellinzona lässt in ein Abbild vergangener Zeiten eintauchen – vor realer historischer Kulisse. Bildquelle: Depositphotos/Fotoember.
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Bild 3 von 6. Das heutige Mittelalter ist gern auch Spektakel – und grosser Spass: wie hier auf dem Hof des Bernischen Historischen Museums. Bildquelle: KEYSTONE/Lukas Lehmann.
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Bild 4 von 6. Nicht ganz alltäglich – und scheinbar aus der Zeit gefallen: ein Falkner in den Ruinen der Burg Rouelbeau in Meinier bei Genf. Bildquelle: KEYSTONE/Salvatore Di Nolfi.
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Bild 5 von 6. Das Spiel mit dem Mittelalter ist oft auch das mit antiken Waffen: Schwertkämpferinnen in Saillon VS. Bildquelle: IMAGO/Depositphotos.
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Bild 6 von 6. Mittelalterliche Atmosphäre gefällig? Musik und Gaukler gehören beim Mittelalterfest in Saillon VS einfach dazu. Bildquelle: IMAGO/Xinhua.
Groebner ergänzt: «Der Begriff Mittelalter ist so erfolgreich, weil er zwei ganz unterschiedliche Wünsche gleichzeitig erfüllt: Den nach einer rückständigen, primitiven Epoche, die man selbst erfolgreich überwunden glaubt, und den nach verlorener Eigentlichkeit und Ganzheit, die man wiederherstellen könne.»
In den tausend Jahren zwischen dem Ende der Spätantike und der Entdeckung Amerikas sei in Europa so viel passiert, dass man daraus beliebig viele finstere oder positive Beispiele für alles finde, was man suche, so Groebner. Zum Beispiel spannende Plots. Autorinnen und Filmemachende von «Vikings» über «The Last Kingdom» oder «Game of Thrones» sind sehr erfolgreich darin, uns in fremde Welten zu entführen, die vielleicht einst unsere waren oder sie dereinst sein könnten.
In fremden (Zeit-)Welten
So gesehen eignen sich Science-Fiction-Filme wie «Star Wars», «E. T.» oder «Avatar» genauso zum gepflegten Eskapismus wie Geschichten, die in einer wie auch immer gearteten Vorzeit spielen.
«Ich bin nicht sicher, ob ‹Game of Thrones› in der Vergangenheit angesiedelt ist», sagte etwa der schottische Philosoph John Donaldson 2018. «Jedenfalls spielt die Geschichte nicht in einer früheren Zeit auf unserer Erde, sondern in einer anderen Welt, die unserem Mittelalter ähnlich ist.»
Für dieses parallele oder sekundäre Mittelalter gibt es sogar einen Begriff: Neomediävalismus. Geprägt hat ihn der italienische Semiotiker und Schriftsteller Umberto Eco, der 1973 nicht nur «Auf dem Wege zu einem neuen Mittelalter» schrieb, sondern diesem 1980 gleich noch einen der berühmtesten Mittelalter-Romane überhaupt folgen liess: «Der Name der Rose».
Im «Neuen Mittelalter» spielt Eco zehn verschiedene Arten durch, wie die moderne Gesellschaft das Mittelalter neu erfindet – von der nostalgischen Verklärung bis zur popkulturellen Fantasie.
Den Möglichkeitssinn schulen
Annette Kehnel kennt das von manchen ihrer Studierenden, die Live-Action-Role-Playing (LARP) betreiben. «Es ist eine Sehnsucht nach Einfachheit, nach klaren Rollen, nach einem Leben, das näher an der Wirklichkeit ist, an der Materialität, der Arbeit mit Händen. Ich kann diese Sehnsucht sehr gut verstehen.»
Sind Mittelalterfans also rückwärtsgewandte Spinner? Remo Dörler lacht. «Ich bin IT-Leiter in einem mittleren Unternehmen, also nein. Aber wir Mittelalterfans schätzen die alten Werte.»
Annette Kehnel geht es nicht so sehr um «alte Werte», sondern viel mehr darum, dass die Hinwendung zur Geschichte Einblicke in andere Welten ermöglicht. Geschichte schule den Möglichkeitssinn. Und so erscheine es eben möglich, dass die Zukunft anders werden wird, als wir sie uns zurzeit vorstellen. Anders, und dennoch gut.