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Gesellschaft & Religion «Die simulierte Volksnähe von Trump ist absurd»

Spielen Fakten, Tatsachen und Wahrheiten in der Politik noch eine Rolle? Die Deutsche Publizistin und Friedenspreisträgerin Carolin Emcke über das Wiedererwachen des aggressiven Populismus, Trumps Heuchlerei und unnötiges Gejammer.

Porträt der Publizisitin Carolin Emcke vor orangem Hintergrund.
Legende: In ihrem neuen Buch setzt sie sich mit der Polarisierung der Öffentlichkeit auseinander: Publizistin Carolin Emcke. Getty Images

Sie schrieben nach der Wahl Trumps zum US-Präsidenten auf Twitter, Trump wolle nun der Präsident aller Amerikaner sein. Es sei aber noch nicht klar, ob dieser wisse, wer alles dazugehöre. Sie unterstellen ihm eine gewisse Ahnungslosigkeit. Oder nicht?

Carolin Emcke: Ich unterstelle ihm bloss seine eigenen Worte. Er hat einen Wahlkampf gemacht, in dem er sehr explizit viele Amerikaner ausgegrenzt und diskriminiert hat. Er hat sich wiederholt sexistisch und islamfeindlich geäussert. Es ist also nicht meine Zuschreibung. Nachdem, was er im Wahlkampf gesagt hat, muss man sich Sorgen Machen, ob er tatsächlich weiss, wen er jetzt alles repräsentieren muss.

Scheinbar ist gerade dieses Verhalten zurzeit en vogue. Erleben wir eine neue Qualität von Populismus?

Populismus ist immer schon die Achillesferse der Demokratie gewesen. In dieser besteht stets ein Risiko für Populismus, wie auch in den Massenmedien. Denn auch sie sind anfällig für einfache Slogans und Hetze.

Es ist also kein neues Phänomen. Aber vielleicht haben wir geglaubt, wir hätten diese Phase überwunden und dass Menschenrechte und rechtstaatliche Normen, die alle Menschen anerkennen, stabiler seien.

Trump ist zurzeit nicht der einzige, der so agiert. Ist das Zeitalter der Fakten vorbei?

Ich bin vorsichtig mit diesen historischen Urteilen, die einen selbst entmündigen, weil sie so pessimistisch sind, dass sie einem jede Handlungsmöglichkeit und Hoffnung rauben.

Medien können sich keine Vorwürfe machen, aber sie müssen sich fragen, wo die Willensbildung der Trump-Wähler stattgefunden hat. Und zwar ohne sie.

Wir haben es mit einem Strukturwandel der Öffentlichkeit zu tun, in dem klassische Printmedien nicht mehr die Bedeutung haben, die sie früher hatten und der Einfluss von Social Media enorm zugenommen hat. Dadurch kommuniziert eine fragmentiertere Öffentlichkeit, die sich in und über diese Medien permanent selbst bestätigt und nicht mehr die eigenen Thesen an der Wirklichkeit abgleicht. Das ist eine grosse Herausforderung. Ich glaube, dass wir alle im Moment nicht genau wissen, wo die demokratische Willensbildung stattfindet.

Das Interessante an der Trump-Wahl jedoch ist, dass die grossen Medienhäuser und Verlage sich nicht nur alle in der Prognose der Wahl geirrt haben, sondern auch explizit gegen Trump geschrieben haben. Sie können sich zwar keine Vorwürfe machen, aber sie müssen sich fragen, wo diese Willensbildung stattgefunden hat. Und zwar ohne sie.

In Ihrer Kolumne «Torheit» in der Süddeutschen Zeitung stellten Sie die Überlegung an, ob das Leugnen von Tatsachen und das Vereinfachen der Welt die neue Volksnähe ist. Ist das nicht eine Beleidigung für unser Volk?

Absolut. Es ist absurd, dass jemand wie Donald Trump – ein Milliardär, der sich noch nie um Arbeiterrechte geschert hat in seinen verschiedenen Unternehmungen – sich als «Anti-Establishment» suggerieren konnte. Als jemand, der für die kleinen Leute sprechen könnte. Das ist eine unglaubliche Heuchelei.

Diese Sorte von simulierter Volksnähe, die hat es nun in verschiedenen Wahlkämpfen gegeben, nicht nur in den USA. Es muss da deutlich aufgezeigt werden, dass sie die Sehnsüchte, Nöte und Sorgen von in prekären Verhältnissen lebenden Menschenganz bestimmt nicht beantworten werden.

Die Schlichtheit der Argumente von völkischen Nationalisten lassen sich nicht dadurch bekämpfen, dass man sich intellektuell selbst verstümmelt.

Trump steht für ein Phänomen: Das Wiedererwachen des aggressiven Populismus. Sehen Sie derzeit eine Chance für rationale Politik?

Selbstverständlich. Wir können uns jetzt nicht hinsetzen, jammern und sagen, es gewinnen die Demagogen und Populisten. Man muss schon sehr genau unterscheiden zwischen der Situation in Russland oder der in der Türkei, in Ungarn oder der USA. Es sind unterschiedliche Wählergruppierungen, die sich hinter den jeweiligen Personen vereinigen. Und es sind unterschiedliche rechtliche Institutionen, die jeweils bedroht oder angegriffen werden.

Wir können Populismus nicht dadurch besiegen, das wir selber populistisch werden. Die Schlichtheit der Argumente von völkischen Nationalisten oder Fanatikern lassen sich nicht dadurch bekämpfen, dass man sich intellektuell selbst verstümmelt.

Man kann nur mit dem Appell an Vernunft, an Aufklärung, an Fakten versuchen, dem entgegenzutreten. Das muss man offensichtlich offensiver tun. Und auch darüber nachdenken, ob man sich aus dieser Ängstlichkeit und Zögerlichkeit herausbewegen muss. Aber ich glaube nicht, dass man dem Hass durchs Gegenhassen beikommt.

Sendung: 11.11.2016, SRF 2 Kultur, Kultur aktuell, 17:08 Uhr.

Zur Person

Carolin Emcke studierte Philosophie, Politik und Geschichte ist eine deutsche Journalistin und Autorin. Im Jahr 2016 wurde sie mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet. In ihrem neuen Buch «Gegen den Hass» setzt sie sich mit der zunehmenden Polarisierung und Fragmentierung der Öffentlichkeit auseinander.

38 Kommentare

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  • Kommentar von Guido Besmer (opabesmer)
    « Medien können sich keine Vorwürfe machen, aber sie müssen sich fragen, wo die Willensbildung der Trump-Wähler stattgefunden hat. Und zwar ohne sie. » Diese Aussage würde ich nicht unterschreiben. Meiner Meinung nach, haben die Medien immer einen großen Einfluss auf Entscheidungen von Wählern und Stimmbürger. Man kann sich heute nur fragen, inwieweit die Medien - da käuflich"- der Pflicht als vierte Kraft in einer Demokratie noch nachkommen können.
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  • Kommentar von Urs Dupont (udupont)
    "Populistisch" wird langsam aber sicher zum verzweifelten Schimpfwort der Medienschaffenden und Politiker, die sich einen Deut um die Meinung bzw. Interessen der Mehrheit im Volk kümmern. Tatsächlich ist es aber immer mehr ein Gütesiegel für Politiker, die die Interessen des Volkes nicht vollständig ignorieren bzw. in einem Elfenbeinturm laborieren. Schade gibt es nicht mehr "populistische" Politiker und Wirtschaftsführer in diesem Sinne.
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  • Kommentar von David Rothen (EinLinkerundmehr)
    Ich glaube diese Analyse von Frau Emcke trifft ziemlich genau zu. Ohne runter zu scrollen weiss man, dass diese Kommentarspalte von Kommentaren wimmelt, die alles besser wissen. So siehts nämlich aus; niemand will sich etwas sagen lassen, schon gar nicht von Intellektuellen! Man weiss es besser als Journalisten, Politiker, Wissenschaftler und ist schlauer als Experten und Fachleute.
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    1. Antwort von Marlies Artho (marlies artho)
      D. Rothen vielleicht können Sie mir erklären,weshalb es so sein könnte? Warum Menschen sich verändert haben und nicht mehr alles glauben wollen?Vielleicht hat dies ein wenig mit gegenseitiger "miss" Verständigung zu tun. Wurden nicht schon sehr viele Menschen für dumm erklärt, wenn sie nicht nach dem Mainstream gestimmt haben, finden Sie das richtig?Da wäre doch eine gewisse Selbstkritik vielleicht förderlich.Nicht durch Diffamierung, sondern eher durch Einfühlungsvermögen und Verständnis.
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