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Echte Empathie lernen Ohrstöpsel raus – und den Blick fürs Gegenüber öffnen

Die Welt ist aus den Fugen – und wir zucken darüber öfter mit den Schultern. Denn echte Empathie zu zeigen, sei harte Arbeit, sagt die deutsche Podcasterin Yasmine M'Barek.

Kopfhörer rein, Blick aufs Handy. Über den kleinen Bildschirm prasseln Hiobsbotschaften auf uns ein: Krieg, politischer Kahlschlag, Schicksalsschläge. Nonstop konfrontiert mit dieser Art Weltgeschehen reagieren viele von uns – verständlicherweise – mit einer gewissen Gleichgültigkeit oder sogar Abstumpfung.

Einfühlungsvermögen? Fehlanzeige!

Gleichzeitig verteilen wir auf Social Media Likes und Herzchen, kommentieren Posts fleissig mit «I feel you» und betreiben dabei online sogenanntes Community Building. Der Widerspruch zwischen Abstumpfung und überschwänglichem Mitgefühl ist jedoch nur ein vermeintlicher, sagt die Podcasterin Yasmine M'Barek. Dies sei vielmehr Ausdruck einer Krise der Empathie.

Hände tippen auf Smartphone mit Social-Media-Symbolen.
Legende: Hier ein Like, da ein Herz: Auf Social Media ist es vermeintlich einfacher, Empathie zu zeigen. Getty Images / Oscar Wong

M'Bareks Buch «I feel you. Über Empathie» beginnt mit einer ernüchternden Feststellung: Das Interesse, andere zu verstehen, sei «quasi non-existent», das Gefühl des guten Miteinanders nichtig geworden. Kurz: Es steht schlecht um unser Einfühlungsvermögen.

Überraschend sei das nicht, so die Autorin. «Der Kapitalismus und der ‹Survival of the fittest›-Gedanke haben dazu geführt, zuallererst sich selbst zu priorisieren.» Stetige Selbstoptimierung, individueller Leistungsdruck und ein ununterbrochener Informationsfluss liessen nur wenig Raum für die aufmerksame Auseinandersetzung mit anderen Lebensrealitäten.

Empathie ist kein Wundermittel

Empathie funktioniere heute als moralische Währung, so M'Barek: «Sie fungiert als Markenzeichen, das man besitzt und benutzt, weil es einen als moralisch überlegen auszeichnet.»

Dabei ist Empathie gar nicht in jedem Fall tugendhaft: Man denke etwa an den «egoistischen Empathen», der sich in andere einfühlt, nur um «feinfühliger» übers Ohr hauen zu können. Die Arbeitskollegin etwa, die sich als besonders empathische Zuhörerin gibt und gezielt persönliche Fragen stellt – nur, um die gewonnenen Schwächen später strategisch auszuspielen.

Frau mit dunklem Haar berührt ihre schwarze Brille.
Legende: Für mehr Durchblick in der modernen Welt: Die deutsche Journalistin Yasmine M’Barek untersucht in ihrem Buch «I feel you» die Bedeutung von Empathie in einer konfliktgeladenen Öffentlichkeit. Imago / dts Nachrichtenagentur

Auch auf gesellschaftlicher Ebene werde Empathie oft unreflektiert als Wundermittel im Umgang mit Konflikten und Polarisierung gehandelt, so M'Barek. «Doch in Wahrheit ist Empathie weder eine spontan einsetzbare ‹Positivitätswaffe›, noch eine schnell verfügbare Ressource.» Empathie sei auch nicht einfach angeboren, sondern richtig harte Arbeit.

Wie lernt man Empathie?

Für Menschen wie Anna Möhr, Fachexpertin für Palliativpflege am Spital Zollikerberg in Zürich, gehört Empathie zum Alltag. In ihrer Arbeit ist Empathie eine der Kernkompetenzen. «Die Hauptaufgabe der Palliativpflege», so Möhr, «besteht darin, Leiden zu lindern und ein würdevolles Sterben zu ermöglichen. Empathie wird in der Palliativpflege als Haltung verstanden.» Diese Haltung komme in drei Dimensionen zum Ausdruck:

  • Erstens: Ich lasse mich auf mein Gegenüber ein und nehme mich zurück. Denn es geht nicht um mich, sondern um die andere Person.
  • Zweitens: Ich höre zu und schaffe Raum, damit sich mein Gegenüber ausdrücken kann – auch in Momenten der Sprachlosigkeit.
  • Drittens: Ich informiere mich, um die Situation meines Gegenübers besser einordnen zu können. Entscheidend ist nicht, jedes Detail zu begreifen, sondern zu zeigen, dass ich verstehen will.

«Gelebte Empathie hat nichts mit dem sogenannten Helfersyndrom zu tun», präzisiert Möhr. Aus der eigenen Perspektive zu handeln, statt sich von den Bedürfnissen der Betroffenen leiten zu lassen, sei eher übergriffig als hilfreich. Oder es führe zur Selbstauflösung.

Grenzen setzen gehört zur Empathie dazu und schafft Vertrauen: Patientinnen können darauf vertrauen, dass empathische Pflegende ihr Wohl im Blick haben – empathische Pflegende vertrauen darauf, dass Betroffene bis zuletzt Expertinnen und Experten ihrer eigenen Bedürfnisse sind.

Zwischen Mitfühlen und Verstehen

Empathie ist eine facettenreiche Fähigkeit. In der Psychologie wird unter anderem zwischen kognitiver und emotionaler Empathie unterschieden. Emotionale Empathie bedeutet, aktiv nachzufühlen, was andere fühlen, sich in ihre Gefühlswelt zu versetzen. Möhr betont: «Beim Mit-Leiden geht es gar nicht darum, ganz genau zu wissen, was mein Gegenüber fühlt. Ich muss gar nicht dasselbe erlebt haben wie die Betroffene, um dennoch emotional berührt vom Leid der anderen zu sein.»

Die kognitive Empathie zu erlernen, ist für M'Barek eine gesellschaftspolitisch relevante Aufgabe: Sie ist die etwas kühlere Fähigkeit, die Perspektive einer anderen Person rational nachzuvollziehen – die Bereitschaft, sich zu fragen, wie die andere Person wohl die Welt sieht. Dabei versucht man, davon auszugehen, dass die andere Person ihre Gründe für ihr Verhalten hat – selbst dann, wenn ihr Verhalten auf den ersten Blick völlig ungerechtfertigt erscheint.

Bewusster Perspektivenwechsel

Die grosse Herausforderung liegt darin, Empathie ausserhalb der eigenen Bubble zu üben: dort zuhören, wo uns Menschen fremd sind und wir ihre Geschichte nicht kennen.

«Wie wäre es also, wenn wir zur Abwechslung mal nach der Geschichte von Cinderellas böser Schwester fragen würden?», fragt Yasmine M'Barek. Nicht, um ihr Verhalten zu entschuldigen, sondern um es besser einordnen zu können – und vielleicht sogar, um einen kleinen Moment der Verbundenheit zu entdecken.

Lächelnder Mann mit Ohrhörern auf der Strasse
Legende: Öffnen wir unsere Augen, Ohren und Herzen fürs Gegenüber – es lohnt sich. Getty Images / Maskot

Andersdenkenden mit Offenheit zu begegnen, statt sie vorschnell in Schubladen zu stecken, kann auch in politisch anspruchsvollen Situationen hilfreich sein: Statt uns zu polarisieren oder uns zu verschliessen, ermöglicht eine empathische Haltung uns, mit verschiedensten Menschen ins Gespräch zu kommen und die Absolutheit der eigenen Meinung aufzulockern.

Vielleicht lohnt es sich, dies zu üben: Stöpsel aus den Ohren, dafür ein offener Blick und Energie fürs Zuhören.

Radio SRF 2 Kultur, Kulturplatz Talk, 11.2.2026, 9:05 Uhr

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