1897 plünderten britische Truppen den Palast des Königs von Benin. Sie raubten Tausende Objekte von religiösem und kulturellem Wert. Etliche davon gelangten über den Kunsthandel auch in hiesige Museen.
Die Benin Initiative Schweiz (BIS) – ein Zusammenschluss von acht Schweizer Museen, finanziert vom Bundesamt für Kultur – untersuchte von 2021 bis 2024 96 Artefakte aus diesem Königtum auf ihre Geschichte. Das Ergebnis: 55 stammen sicher oder höchstwahrscheinlich aus diesen Plünderungen.
Dieses Raubgut verdeutlicht die Absurdität des Kolonialismus: Ein Land schickt seine Armee in eine Region, behauptet, diese sei sein – und plündert, was nicht niet- und nagelfest ist.
Unrecht wiedergutmachen
Esther Tisa, Leiterin Provenienzforschung am Museum Rietberg und Co-Leiterin der BIS, sagt: «Es geht darum, dieses Unrecht, das auch den Sammlungen innewohnt, zu erzählen und es durch den Eigentumstransfer wieder gutzumachen.» Es sei wichtig, dass die Museen Verantwortung übernehmen und der Öffentlichkeit signalisieren, dass sie ihre gesellschaftspolitische Aufgabe wahrnehmen und nach fairen und gerechten Lösungen suchen.
Deshalb hat die BIS von Anfang an einen kollaborativen Ansatz gepflegt: Fachleute aus der Schweiz und Nigeria haben intensiv zusammengearbeitet. In Experteninterviews in beiden Ländern habe man Konzepte entwickelt, um die Provenienzlücken zu füllen.
Erste Übertragungen
2024 stellte dann die staatliche «National Commission for Museums and Monuments» (NCMM) im Auftrag der Republik Nigeria ein Gesuch auf Rückgabe der Objekte.
Die Städte Genf und Zürich übertragen nun die Eigentumsrechte von 28 Objekten an Nigeria. Die 28 zu übertragenden Artefakte liegen im Musée d’ethnographie in Genf (3 Objekte), im Völkerkundemuseum der Universität Zürich (14) und im Museum Rietberg (11). Für 27 weitere im Museum der Kulturen in Basel, im Musée d’ethnographie in Neuenburg und im Kulturmuseum St. Gallen steht dieser Schritt noch bevor.
Grösstenteils öffentlich
Einige Gegenstände bleiben als Leihgaben in Schweizer Museen, andere werden im Sommer nach Nigeria überführt. Dort sollen sie laut der «Gemeinsamen Erklärung des Schweizer Benin Forums» von 2023 «der Bildung von Schülern, Studierenden, Kunstschaffenden und der Gesellschaft im Allgemeinen dienen».
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Bild 1 von 1. Die Objekte sind beliebte Ausstellungsstücke, wie dieses Armband mit Reiter und Tierfiguren, Ikoo akon'eni. Bildquelle: Stadt Zürich.
Die NCMM habe 54 Museen, erklärt Esther Tisa: «Geplant ist, dass ein Grossteil der Werke öffentlich zugänglich sein wird. Wichtige spirituelle Objekte können punktuell an den Palast gehen.» Denn obwohl der König kaum mehr eine politische Rolle spielt, ist er spirituelles Oberhaupt geblieben.
Komplikationen vermeiden
In Deutschland entbrannte 2023 ein Streit, weil Museen hunderte Werke dem König von Benin restituierten. Ein Kritikpunkt: Das Herrscherhaus war bis ins 19. Jahrhundert «massiv am Sklavenhandel beteiligt», hiess es in der «Taz». Die Befürchtung ausserdem: Die Objekte könnten der Bereicherung des Königs dienen, erneut auf dem Kunstmarkt landen und somit der nigerianischen Gesellschaft entzogen bleiben.
Solche Komplikationen hat die Benin Initiative Schweiz mit ihrem Vorgehen vermieden. Dieses könne ein Vorbild für die zukünftige Provenienzforschung sein, ist Esther Tisa überzeugt: «Vor allem der kollaborative Ansatz ist zentral. Dass man von Anfang an auf Austausch und Vertrauen setzt und auf eine gemeinsame Lösung hinarbeitet.»