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Fasten Welchen Hunger stillt der Verzicht?

Derzeit fasten Gläubige weltweit, Christen wie Muslime. Und es liegt auch sonst im Trend. Alles nur Selbstoptimierung – oder die natürlichste Sache der Welt?

Das Handy weglegen, weniger gamen, weniger Fleisch essen oder eine Zeit lang auf feste Nahrung verzichten: Fasten hat viele Formen. Nur: verzichten oder weniger essen – warum sollte man sich das antun?

Françoise Wilhelmi de Toledo ist Ärztin und erforscht das Fasten seit Jahrzehnten. Sie sagt: «Die Menschen versuchen, wie Computer oder Maschinen zu leben, dabei wird vergessen, dass wir körperliche Zyklen haben: Essen und Fasten, Schlafen und Bewegen, Einatmen und Ausatmen.» Fasten sei ganz natürlich. Denn anders als Maschinen, seien Menschen zyklische Wesen.

«Wir fasten während des Schlafes»

«Unser ganzes Wesen ist rhythmisch. Unser Körper benötigt Pausen. Sie sind zentral für den menschlichen Organismus. Zum Beispiel fasten wir während des Schlafs», sagt die Schweizer Ärztin. Mit der 24-Stunden-Gesellschaft und dem Wohlstand seien die natürlichen Lebensrhythmen jedoch durcheinandergeraten.

Beim Fasten geht es nicht nur darum, weniger zu essen. Françoise Wilhelmi de Toledo erklärt: «Unser Körper ist intelligent und wechselt beim Fasten das Programm. Er wechselt in den Fastenmodus und findet die Nahrung im eigenen Körper, darunter vorwiegend Fett und Eiweiss.»

Grundfasten ist Verzichten auf Süsses und andere Verlockungen zwischen den Mahlzeiten. Intervallfasten hingegen bedeutet, dass Menschen täglich während etwa 16 Stunden auf Nahrung verzichten. Sie lassen das Frühstück oder das Abendessen aus, fasten jeden zweiten Tag oder wenden die One-meal-a-day-Methode an.

Ältere Frau hält Glas Wasser, schaut aus dem Fenster.
Legende: Wasserfasten, Heilfasten, Intervallfasten, Saftkuren, Scheinfasten, Basen-Fasten: Die Formen des Fastens sind vielfältig. Getty Images/Tatiana Maksimova

Ob nun für die Gesundheit oder aus spirituellen Gründen: Das wissenschaftliche Interesse am Fasten und seiner Heilfähigkeit hat in den letzten Jahrzehnten stetig zugenommen.

Noch vor 45 Jahren war das ganz anders: «Als ich in Genf Medizin studierte, wollte ich genauer wissen, was im Körper vorgeht, wenn man fastet. Keiner meiner Professoren konnte mir damals Antworten geben», erzählt Wilhelmi de Toledo.

Fasten wirkt präventiv

In den letzten zehn Jahren hätte es immer mehr Studien zum Thema gegeben, und die therapeutische sowie präventive Wirkung von Fasten sei damit zunehmend wissenschaftlich belegt worden. Fasten verjünge den Körper, helfe gegen Rheuma, Bluthochdruck und Arthritis, erklärt sie. Wer faste, helfe dem Körper, seine natürlichen Funktionen aufrecht zu erhalten, ist die Ärztin überzeugt.

Fasten setze Selbstheilungskräfte in Gang, unter anderem wegen der durchs Fasten beschleunigte Autophagie – wörtlich «Selbstverzehrung». Ein Mechanismus innerhalb der Zellen, für dessen Entdeckung 2016 der Nobelpreis verliehen wurde.

Spirituelle Dimension

Wer das Fasten für sich entdecke, helfe dem Körper, seine natürlichen Funktionen aufrechtzuerhalten, ist die Ärztin überzeugt. Françoise Wilhelmi de Toledo sagt: «Beim Fasten verlieren wir nicht, wir gewinnen. Wir können nicht mit einer Pille die spirituelle Dimension des Fastens imitieren.»

Muslime und Christen fasten gleichzeitig

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Dieses Jahr fallen Ramadan und Fastenzeit zusammen. Das ist ein seltenes Ereignis. Christinnen und Christen bereiten sich in der Fastenzeit auf Ostern, das Fest der Auferstehung vor. Für Musliminnen und Muslime gehört der Fastenmonat Ramadan zu den fünf Säulen des Islam, zu den wichtigsten Pflichten der Gläubigen. Die Zeit ist in beiden Religionen von innerer Einkehr und dem Gefühl der Gemeinschaft geprägt. Der Ramadan endet mit dem Fest des Fastenbrechens am 19. März 2026, die Fastenzeit mit dem Osterfest.

Mit anderen Worten: Wenn der Magen nicht mehr knurrt und der Darm nicht mehr blubbert, wird es auch im Innern still und der Blick wandert langsam nach innen. Genau dahin führt uns die Sehnsucht nach Verzicht. Eine Art Frühjahrsputz für Körper, Geist und Seele.

Vielen Menschen, die fasten, geht es auch darum, eine Pause von ihrem Alltag einzulegen, die Balance im Leben wiederzufinden und sich selbst neu zu begegnen. Fasten kann Menschen glücklicher machen oder ihre Lebensfreude neu wecken.

Radio SRF 2 Kultur, Kultur-Aktualität, 18.03.2026, 7:06 Uhr

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