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Aus Sternstunde Religion vom 29.06.2019.
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Gedankenexperiment «Mary» Ist unser Geist mehr als nur Gehirn?

Ist alles nur Materie und unser Geist letztlich nichts anderes als das Gehirn? Mit dieser Frage beschäftigt sich das Gedankenexperiment «Mary».

Das Gedankenexperiment «Mary» stammt vom amerikanischen Philosophen Frank Jackson. Er wollte damit in den 1980er-Jahren den Physikalismus widerlegen, der behauptet, es gebe nur physikalische Tatsachen. Wir Menschen seien letztlich nichts mehr als komplex angeordnete Materie.

Dagegen argumentiert Jacksons Gedankenexperiment: Mary weiss alles, was es über die Wahrnehmung von Farben aus wissenschaftlicher Sicht zu wissen gibt. Von Wellenlängen über die Retina bis zum Sehzentrum im Gehirn – sie kennt die Fakten bis ins letzte Detail. Selbst hat sie jedoch noch nie Farben gesehen. Mary lebt seit ihrer Geburt in einem schwarz-weissen Raum.

Mary lernt, wie es ist, Rot zu sehen.

Die Frage des Gedankenexperiments lautet nun: Was passiert, wenn Mary den schwarz-weissen Raum verlässt und zum ersten Mal Farben sieht? Lernt sie etwas Neues?

Rot kennen ist nicht rot sehen

Wenn Mary bereits vor dem Verlassen des Raums alle physikalischen Tatsachen über die Farbwahrnehmung kennt, aber dennoch etwas Neues lernt, wenn sie zum ersten Mal eine rote Tomate sieht, dann gibt es über die Wahrnehmung von Farben mehr zu wissen als die physikalischen Tatsachen.

Kurz: Mary lernt eine neue, und zwar eine nichtphysikalische Tatsache kennen, sobald sie zum ersten Mal eine rote Tomate sieht. Sie lernt nämlich, wie es ist, Rot zu sehen. Daraus folgt: Es gibt nicht nur physikalische Tatsachen. Also ist der Physikalismus falsch. So Jackson.

Kein neues Wissen, sondern neue Fähigkeiten

Die harten Physikalisten haben sich mit Händen und Füssen gegen dieses Argument von Jackson gewehrt. Einige meinten, Mary lerne keine neue Tatsache über die Welt, sie erwerbe lediglich eine neue Fähigkeit.

Zeichnung: Ein schwarzweisser Würfel mit einer Öffnung steht auf einer farbigen Wiese.
Legende: Kann das gesamte Wissen über die Wahrnehmung von Farben die Wahrnehmung selbst ersetzen? SRF / Nino Christen

Mary gleiche einer farbenblinden Person, die durch eine plötzliche Heilung nun in der Lage ist, Farben zu sehen: Zuvor musste sie andere Personen fragen, welche Farbe ihr Pullover oder das Haus gegenüber hat. Nun kann sie die Farben selbst identifizieren.

Gelernt hat sie keine neuen Tatsachen über die Welt. Es fällt ihr jetzt nur leichter, diese Tatsachen selbst ausfindig zu machen. Sie muss nicht mehr fragen, sondern kann hinschauen.

Eine neue Perspektive

Andere Physikalisten meinten, Mary lerne keine neuen Tatsachen kennen, sondern lediglich eine neue Perspektive auf bereits bekannte Tatsachen. Mary wusste bereits vor dem Verlassen des Raums, dass der Anblick einer reifen Tomate eine rote Farbwahrnehmung in uns Menschen auslöst.

Sie wusste, dass die durch eine reife Tomate ausgelösten Reizmuster der Retina und die entsprechenden Gehirnaktivitäten eindeutig für eine Rotwahrnehmung sprechen.

Was Mary jedoch nicht wusste, war, wie etwas Rotes aussieht und welche sinnliche Qualität ein roter Farbeindruck hat. Sie wusste also nicht, dass Rot so aussieht.

Die sinnliche Qualität

Erst beim Anblick einer reifen Tomate wird Mary klar, was die Menschen mit der «sinnlichen Qualität der Röte» gemeint haben. Man könnte also sagen, dass Mary den Satz «Rotempfindungen haben die sinnliche Qualität der Röte» erst jetzt versteht, nachdem sie den Raum verlassen hat.

Da man nicht wissen kann, was man nicht versteht, wusste sie in dem schwarz-weissen Raum noch nicht, was sie jetzt weiss – nämlich dass Rotwahrnehmungen die sinnliche Qualität der Röte haben. Sie hat also doch eine neue Tatsache kennengelernt. Oder etwa nicht?

Wo stehen Sie? Sympathisieren Sie mit dem Physikalismus oder mit dem Dualismus? Finden Sie es heraus in unserem Selbsttest.

Stellen Sie sich vor...

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Die Philosophie stellt die ganz grossen Fragen und hilft uns mit Gedankenexperimenten, eigene Antworten zu finden. «Filosofix» stellt die wichtigsten Gedankenexperimente in animierten Kurzfilmen vor – eine unterhaltsame Anregung zum Selberdenken. Hier finden Sie:

15 Kommentare

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  • Kommentar von Beni Fuchs  (Beni Fuchs)
    Gehirn ist Instrument, Werkzeug, 'Mietwohnung', mehr nicht. Wir können funktionierende Roboter bauen, die 'Füllung' aber, bewusstes Leben, können wir nicht erschaffen, ja nicht mal beim Sex. Selbst durch den Zeugungsakt können wir lediglich das Gefäss für Leben 'erstellen', die 'Belebung' selber zu erklären ist die Wissenschaft (noch) nicht in der Lage, vielleicht dereinst einmal...? Weil, alles was ist, einer Logik folgt, einer Erklärung unterliegt. Es mangelt lediglich am Wissenstand.
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  • Kommentar von André Piquerez  (Nemesis1988)
    Ich finde es ist alles relativ. Die Perspektive ist entscheidend. Wenn man etwas wahrnimmt dann ist dies nicht absolut sondern relativ, subjektiv. Interessant finde ich die Vorstellung dass eine ausserirdische Intelligenz die uns überlegen ist auf die Erde kommen (würde) und was die dann von uns und der Welt/Universum denken würden. Für die wären wir vllt wie Tiere, wie das was Tiere für uns sind. Dann gäbe es aber wiederum eine noch fortschrittlichere Spezies die noch intelligenter wäre, usw...
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  • Kommentar von Hans Bernoulli  (H.Bernoulli)
    Fast beweisend für den Geist, der auch ohne Materie existiert, sind Nahtodeserlebnisse (Pim van Hommel, endloses Bewusstsein). Vor allem, wenn von Geburt an Blinde die Farben der Umgebung sehen können, die sie im körperlosen Zustand sahen. Schliesslich kann durch Einsicht jeder zur Gewissheit gelangen, dass der Körper ein Gefäss ist für den Geist, der unabhängig davon existiert.
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