«Selbst wenn es eine Seele gäbe, hätte sie nichts mit mir zu tun»

Gibt es die Seele? Wenn ja, wie hängt sie mit unserem Körper zusammen? Der Philosoph Philipp Hübl glaubt nicht an die Seele. Wir Menschen seien bloss komplexe biochemische Roboter mit Bewusstsein. Die Frage, wie Bewusstsein entsteht, hält er aber für das grösste Rätsel der Wissenschaft.

Eine Zeichnung zeigt den Philosophen Hübl und das Gedankenexperiment Mary. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Das Leib-Seele-Problem ist laut Philipp Hübl ein kaum zu knackendes Rätsel. SRF / Cecilia Bozzoli / Nino Christen

Glauben Sie an die Seele?

Philipp Hübl: Nichts spricht dafür, dass eine immaterielle, unteilbare Substanz existiert, die in die Körperwelt hineinwirkt und unseren Tod überlebt. Bewusstsein und Erinnerungen machen uns als Menschen aus und die sind an unseren Körper, genauer unser Hirn, gebunden. Selbst wenn es eine Seele gäbe, hätte sie nichts mit mir zu tun. Würde sie nach meinem Tod weiterexistieren, brächte mir das ebenso wenig wie die Tatsache, dass meine Armbanduhr weiterexistiert.

Sind wir Menschen aus Ihrer Sicht nichts weiter als komplexe biologische Roboter?

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Zur Person

Philipp Hübl ist Juniorprofessor für Philosophie an der Universität Stuttgart und Autor des Buches «Folge dem weissen Kaninchen … in die Welt der Philosophie» (Rowohlt 2012). Zuletzt erschien von ihm «Der Untergrund des Denkens. Eine Philosophie des Unbewussten» (Rowohlt 2015).

Wie oft in der Philosophie lautet die kurze Antwort «ja» und die lange «kommt darauf an»: nämlich, was mit «Roboter» gemeint ist. Im Gegensatz zu Schachcomputern sind wir keine Turing-Maschinen, also Berechnungsmodelle, die zu einem Input von Informationen einen Output liefern. Ein Unterschied liegt darin, dass unsere Gedanken einen Inhalt haben und nicht von aussen von einem Benutzer als «Informationen» interpretiert werden müssen. Der andere, dass wir Bewusstsein haben, Rechner hingegen nicht.

Haben Pflanzen, Amöben und Insekten auch ein Bewusstsein?

Neurologen können das ziemlich sicher ausschliessen. Bewusstsein hängt von elektrischen Entladungen in Gehirnen ab, also grossen Nervenhaufen, die weder Pflanzen noch Insekten haben. Bei Hamstern fällt die Antwort schon schwieriger aus, weil man nur über Analogien arbeiten kann: Wenn ihr Hirn und ihr Verhalten unserem hinreichend ähnlich ist, haben wir guten Grund, ihnen Bewusstsein zuzusprechen. Um aber sagen zu können, worauf es genau ankommt, müsste man zunächst wissen, was die neuronale Grundlage unseres eigenen Bewusstseins ist. Da tappen die Forscher noch im Dunkeln.

Das Gedankenexperiment «Mary» möchte zeigen, dass unsere Art, die Welt zu erleben, nicht auf physikalische Prozesse im Gehirn reduziert werden kann. Der Geist sei mehr als das Gehirn. Finden Sie den Gedankengang des Experiments überzeugend?

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Stellen Sie sich vor...

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Die Philosophie stellt die ganz grossen Fragen und hilft uns mit Gedankenexperimenten, eigene Antworten zu finden. «Filosofix» stellt die wichtigsten Gedankenexperimente in animierten Kurzfilmen vor – eine unterhaltsame Anregung zum Selberdenken. Hier finden Sie:

Ja, denn Frank Jackson zeigt damit, dass der Physikalismus falsch ist, der sagt: «Es gibt nur physikalische Tatsachen.» Mary kennt alle Tatsachen über das Farbsehen, erfüllt also die Annahme des Physikalismus. Doch dann könnte sie nichts Neues lernen, wenn sie zum ersten Mal Farben sieht. Sie tritt jedoch aus ihrem Zimmer heraus und weiss auf einmal, wie reife Tomaten aussehen. Der Philosoph David Lewis hat eingewendet, Mary würde lediglich neue Erfahrungen sammeln, aber kein zusätzliches, sprachlich verfasstes Wissen erlangen. Doch Jackson entgegnet ihm, dass Mary immerhin Wissen über die Erfahrung anderer erwirbt, nämlich wie es für jene ist, Farben zu sehen. Auch das hatte sie vorher nicht. Der Physikalismus ist also falsch.

Wie kann aus einem Haufen von Nervenzellen überhaupt ein bewusstes Erleben, eine Ich-Perspektive entstehen?

Wer diese Frage löst, wird den Nobelpreis erhalten, denn sie zielt auf das grösste Rätsel der Wissenschaft, das Leib-Seele-Problem oder genauer das Gehirn-Bewusstsein-Problem. Zwischen beiden Sphären besteht eine «Erklärungslücke», die man so ausdrücken kann: Warum sind einige Prozesse im Hirn die Grundlage für diese Rotempfindung und nicht für ein anderes Farberlebnis oder gar keines? Wer lediglich alle Hirnprozesse wissenschaftlich beschreibt, wählt eine objektive Perspektive und lässt so die subjektive Innenperspektive aus. Doch gerade diese Ich-Perspektive macht unser Bewusstsein aus.

Könnte es sein, dass Roboter eines Tages Gedanken und Gefühle haben werden?

Menschen sind auch nur komplexe biochemische Roboter. Es spricht jedenfalls empirisch nichts dagegen, einen künstlichen Menschen, also einen fühlenden und denkenden Roboter, zu erzeugen. Zudem klingt es nach neuronalem Chauvinismus, also einem zu menschlichen Tunnelblick, wenn man behauptet, nur Hominiden der Gattung Homo Sapiens würden fühlen und denken und im Universum könnte es niemals andere denkende Wesen geben, ob nun künstlich erzeugt oder natürlich entstanden.

Das Interview wurde schriftlich geführt.