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Französisches Kultgefährt Schon mal Vélosolex gefahren? Es ist eine Offenbarung!

Wie eine Vespa? Nein. Wie ein E‑Bike? Auch nicht. Das Vélosolex mit seinem markanten Hilfsmotor auf dem Vorderrad ist die wohl charmanteste Verbindung von Fahrrad und Töffli. Das Kultgefährt feiert dieses Jahr sein 80-Jahr-Jubiläum. Unser Autor wagt eine Spritztour – und ist schockverliebt.

Den Motorblock nach unten drücken und einrasten. Gashebel aufdrehen, Dekompression ziehen, Anlauf nehmen – und los geht's! Die kurze Einführung von Vélosolex-Sammler Olivier Mathis reicht aus, um mich ins Solex-Glück zu hieven. Es ist meine allererste Fahrt auf diesem sympathischen Gefährt, das wie Baguette oder Simone de Beauvoir Teil der französischen Identität ist.

Ungewohnt ist das Motorengewicht auf der Vorderachse und damit auch auf der Lenkstange. Nach wenigen Metern habe ich das leichte Schlingern unter Kontrolle und sause mit 30 Kilometern pro Stunde Olivier Mathis hinterher, quer durch Delémont.

Zwei Personen auf Motorfahrrädern auf einem Landweg mit Hügeln im Hintergrund.
Legende: Vélosolex-Liebhaber Olivier Mathis (rechts) hat schon in seiner Jugend Gefallen an dem einzigartigen Gefährt gefunden. Seine Lebenspartnerin Christine Schneiter teilt seine Leidenschaft. Olivier Mathis

Er hatte vorgeschlagen, beim Bahnhof einen Kaffee zu trinken. Für mich wird die kurze Fahrt durchs Städtchen zur Offenbarung. Neu und kurz irritierend ist das Gefühl, vom Motor «gezogen», statt, wie auf einem gewöhnlichen Moped, mit Hinterradantrieb geschoben zu werden.

So fühlt sich Liebe auf den ersten Blick an.

Der vor mir aufragende Zylinderkopf knattert leise und durchaus «sympa». Menschen winken. Ich winke zurück – im Gesicht ein breites Grinsen, das sich nicht kontrollieren lässt. So fühlt sich Liebe auf den ersten Blick an.

Wellness auf zwei Rädern

Unser Ziel erreichen wir leider viel zu schnell. Hier gebe es den besten Kaffee, sagt Mathis. Er muss es wissen, schliesslich kam er 1974 in Delémont zur Welt. Mit 13 Jahren erspäht er ein Solex, das für die Metallabfuhr bereitsteht, und nimmt es mit nach Hause. Seither sei es um ihn geschehen. Als Jugendlicher mit Solex war es für ihn allerdings nicht nur lustig. Die Kollegen mit ihren potenten 2-Gang-Töffli und den schnittigen Puch Maxi hatten vorwiegend Spott für ihn übrig.

Notfalls helfen die Pedale. Nicht umsonst heisst es Vélosolex!

Heute besitzt Mathis 15 Vélosolex – und mancher Spötter von damals neidet ihm nun seine Sammlung. Seine Lebenspartnerin teile übrigens die Leidenschaft. Nach einem anstrengenden Arbeitstag sei die gemeinsame Ausfahrt fast so erholsam wie ein Besuch in der Wellness-Oase. Ausser es regnet. Dann greife die geriffelte Antriebsrolle schlecht, welche die Kraft des 49-ccm-Motors direkt auf den Vorderreifen überträgt. Laut Mathis ist das der einzige Schwachpunkt. Notfalls helfen die Pedale. Nicht umsonst heisst es Vélosolex!

Mobilität für alle

Die Geschichte des Vélosolex beginnt während des Zweiten Weltkrieges. Die Ingenieure Marcel Mennesson und Maurice Goudard tüfteln an einem möglichst einfachen motorisierten Zweirad. Schliesslich kombinieren sie ein Velo mit einem schlichten Einzylinder-Zweitaktmotor. Et voilà: Das Urmodell des Vélosolex ist in der Welt! 1946 geht es in Produktion und avanciert bis Mitte der 1960er-Jahre zum meistverbreiteten Fahrzeug Frankreichs. Der günstige Preis von ungefähr einem Arbeiter-Monatslohn und der minimale Verbrauch machen das «Vélo qui roule tout seul» (das Velo, das ganz von selbst fährt) zum Verkaufsschlager.

Mit einem Liter Benzin-Öl-Gemisch lassen sich rund 100 Kilometer zurücklegen, erklärt Mathis. So wird das Solex zum Gefährt der kleinen Leute. Arbeiterinnen, Bauern, Studierende und Hausfrauen schwören auf das genügsame Zweirad. 1964, auf dem Zenit der Produktion, rollen im Werk Courbevoie nordwestlich von Paris täglich rund 1500 Stück vom Band.

Monsieur Hulot, Steve McQueen und die Ukraine

Das beliebteste Modell ist der Typ S3800. Es ist auch jenes, das ich wieder für die Rückfahrt zu Mathis' Werkstatt besteige. Wieder schleicht sich das breite Grinsen in mein Gesicht. Jacques Tatis Monsieur Hulot kommt mir in den Sinn, der zufrieden auf dem Solex durch die französische Provinz kurvte. Auch der amerikanische Schauspieler und Autonarr Steve McQueen soll nach Dreharbeiten in Frankreich ein Solex erstanden und in die USA mitgenommen haben. Belegt ist das nicht.

Ein Mann mit Hut auf einem Fahrrad mit einem Jungen auf dem Gepäckträger in einer Strasse.
Legende: In der französischen Komödie «Mon Oncle» (1958) spielt Jacques Tati den tollpatschigen Monsieur Hulot. Gerne unterwegs war auch dieser, wie könnte es anders sein: mit dem Vélosolex. IMAGO/Allstar

Ebenso wenig die Geschichte der Produktionsmaschinen nach der Solex-Werkschliessung 1988. Nachweislich wurden sie zunächst von Chinesen gekauft. Nach dem Tiananmen-Massaker scheiterte jedoch der Export. Ein ungarischer Geschäftsmann übernahm die Maschinen, baute sie in der Nähe von Budapest wieder auf und scheiterte am Markt. Die Ungarinnen und Ungarn wollten gegen Ende des 20. Jahrhunderts nach vorn schauen – Retro war out. Danach beginnt die Legende: Die alten Solex-Produktionsanlagen sollen als Altmetall in die Ukraine verkauft und dort zu Waffen eingeschmolzen worden sein.

Vom Alltagsgefährt zum Kultgegenstand

Eindeutig belegt ist dagegen der Kultstatus, den das Solex nach dem Produktionsende 1988 erklimmt. Auf Youtube wimmelt es von Filmchen, in denen das prominente Zweirad gehypt wird. Chansons feiern die ganz spezifische Zweitakt-Seligkeit. Bei Treffen des Vereins «VeloSoleX Schweiz» reisen jeweils bis zu 400 Begeisterte an. In Frankreich wohnt der grösste Sammler mit rund 600 Exemplaren, darunter auch etliche seltene, farbige Exemplare.

Allein durch die Schwerkraft fliesst der Kraftstoff aus dem oberhalb des Motors sitzenden Tank in den Vergaser.

Zurück in seiner Werkstatt, zeigt mir Mathis zum Schluss noch das Innere eines Solex-Motors. Nach dem Motto «Reduced to the max» funktioniert dieser ganz ohne Benzinpumpe – ein Alleinstellungsmerkmal. Allein durch die Schwerkraft fliesst der Kraftstoff aus dem oberhalb des Motors sitzenden Tank in den Vergaser. Über Kurbelwelle und Antriebsrolle gelangt rund ein PS direkt auf den Vorderreifen. «C'est génial!», sagt Mathis – und seine Augen leuchten.

Im Zug zurück google ich. Ein Solex in gutem Zustand würde mich zwischen 1500 und 2000 Franken kosten. Weniger als ein E‑Bike. Und auf einem E-Bike würde mir wohl niemand zuwinken.

Radio SRF 2 Kultur, Kultur-Aktualität, 21.7.2026, 17:20 Uhr; herb

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