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Gegen Smartphone-Tunnelblick Die verlorene Intensität: Wie wir wieder mehr fühlen

Im digitalen Zeitalter droht die Wahrnehmung unserer Umwelt in den Hintergrund zu geraten. Eine grössere Aufmerksamkeit unseren Sinnen gegenüber kann Gegensteuer liefern.

Wann haben Sie das letzte Mal bewusst das Treppengeländer angefasst? Oder aufmerksam an einer Blume gerochen? Oder sich auf die Geräuschkulisse auf dem Land konzentriert? Viel zu oft laufen unsere Sinne auf Standby-Modus und wir merken nicht einmal, was sie alles registrieren.

Mädchen in Wiese riecht an Löwenzahn.
Legende: Haben wir verlernt, unsere Umwelt wahrzunehmen? IMAGO / Westend61

In Zeiten von Digitalisierung und zunehmend virtuellen Räumen verstärkt sich dieser Effekt noch mehr. Fast sechs Stunden lang schauen Schweizerinnen und Schweizer heute täglich in einen Bildschirm. Bei den Jugendlichen und den jungen Erwachsenen ist die Zahl noch grösser.

«Wenn ich über Bildschirme kommuniziere, bin ich von meiner Sinnlichkeit stark reduziert – die leibliche Interaktion, die physische Nähe, der Blickkontakt, all das fällt weg. Und die glatte Oberfläche eines Smartphones oder eines Bildschirms liefert uns nur einen winzigen Ausschnitt davon», sagt etwa der deutsche Philosoph Matthias Jung.

Leibliche Erfahrung und Sinnstiftung

In seinem neuen Buch «Sinn und Organismus» geht er der Frage nach, inwiefern unsere Sinne und unser Körper Sinn stiften in unserem Leben. Sein Fazit: ohne leibliches Erfahren der Umwelt keine Sinnstiftung.

Wenn wir etwa unseren Geist auf eine Festplatte hochladen könnten – wie das gewisse Milliardäre im Silicon Valley gerne hätten – würden wir im Nihilismus versinken, so Jung.

Eine besondere Intensität

Auch die SRF-Radiojournalistin Yvonn Scherrer setzt sich schon lange mit dem Zusammenhang zwischen Sinnlichkeit und Sinnhaftigkeit auseinander. Seit ihrem siebten Lebensmonat ist sie blind und so nimmt sie die Welt über ihre anderen Sinne wahr. Auch sie beobachtet die sogenannten sozialen Medien mit Sorge.

«Ich habe manchmal den Eindruck, dass die Menschen, die sich vor allem auf ihr Augenlicht verlassen, heute in einer ‹Dauerablenkung› sind. Wenn du aber nicht sehen kannst und dich mit deinen anderen Sinnen beschäftigst, dann gibt das eine starke Konzentration und eine besondere Intensität. Diese Intensität wünsche ich allen», findet Scherrer.

Bewusstes Wahrnehmen hilft

Wie können wir also wieder zurückfinden zu einer intensiveren Sinneswahrnehmung? Entgegen dem digitalen Abstumpfen hin zu einer aufmerksamen Öffnung gegenüber der Umwelt?

Zum einen mit Training, wie Yvonn Scherrer sagt: Etwa die Nase könne man hervorragend auf Düfte trainieren. Einfach immer bewusst an Dingen riechen – und schon komme man in eine gewisse Ruhe, in den Moment und zu sich selbst.

Daneben spielt auch der sagenumwobene «sechste Sinn» in diesem Zusammenhang eine Rolle: Was, wenn dieser Sinn nichts Übernatürliches darstellt, sondern einfach jenen übergeordneten Sinn, mit dem wir unsere fünf Sinne wahrnehmen können? Was, wenn das der Schlüssel zu mehr Sinn im Leben ist?

Wenn Sie das nächste Mal also im Café sitzen, versuchen Sie gerne, anstatt aufs Handy zu schauen:

  • einfach mal bewusst den Tisch anfassen
  • aufmerksam am frisch gewaschenen T-Shirt riechen
  • konzentriert in die Bäume schauen
  • achtsam den Vögeln zuhören und
  • schön fokussiert in das Croissant hineinbeissen.

Buchhinweis

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Matthias Jung: «Sinn und Organismus». Matthes & Seitz, 2026.

Radio SRF 2 Kultur, Perspektiven, 28.6.2026, 8:30 Uhr.

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